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Beschwerden seit 2012 - Grube bricht Urlaub ab

Statt dringend benötigter Mitarbeiter in Mainz bricht nur Bahnchef Grube den Urlaub ab. Privatbahnen beschweren sich schon lange über die Zustände, die nun auch als Grund für einen Fast-Unfall gelten.

  Die Bahn in der Krise: Unternehmenschef Rüdiger Grube bricht den Urlaub ab. Mittwoch berät er sich mit seinen Personalmanagern.

Die Bahn in der Krise: Unternehmenschef Rüdiger Grube bricht den Urlaub ab. Mittwoch berät er sich mit seinen Personalmanagern.

Angesichts der Zugausfälle und Plannungspannen im Mainzer Hauptbahnhof werden die Missstände innerhalb der Deutschen Bahn immer deutlicher. Laut der Onlineausgabe der Zeitung "Euro am Sonntag" liegen der Bundesnetzagentur schon seit 2012 Beschwerden privater Bahnbetreiber wegen Engpässen in Stellwerken vor. Der für Bahnfragen zuständige Sprecher der Behörde, René Henn, bestätigte den Bericht. Dass die offenbar chronische Unterbesetzung in einigen Stellwerken bisher nur mit Glück nicht zu schlimmen Folgen geführt hat, belegt ein kürzlicher Beinahe-Zusammenstoß zweier S-Bahnen in Mainz. Auch bei diesem Vorfall soll das Stellwerk zu knapp besetzt gewesen sein. Die Situation ist inzwischen so heikel, dass Bahnchef Rüdiger Grube seinen Urlaub abgebrochen hat.

Grube will an diesem Mittwoch an einem Krisengespräch mit Personalmanagern der Bahn und der Führung der Gewerkschaft EVG teilnehmen, verlautete am Montag aus Bahnkreisen. Die "Bild"-Zeitung zitiert aus einer E-Mail Grubes an seine Mitarbeiter: "Aus diesem Grund habe ich meinen Urlaub abgesagt, um gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen und den Kollegen der DB Netz AG aktiv an Lösungen zu arbeiten." Es gehe darum, eine Lösung für "die Situation am Stellwerk in Mainz" zu finden.

EVG: "Frühzeitig Lösung nicht in Sicht"

Die EVG teilte mit, sie habe Personalvorstand Ulrich Weber und die Personalvorstände der einzelnen Unternehmensbereiche zu dem Treffen in Frankfurt am Main eingeladen, um die angespannte Personalsituation zu besprechen. Engpässe gebe es nicht nur bei Fahrdienstleitern in den Stellwerken, sondern auch bei Lokführern, Zugbegleitern oder in den Werkstätten. "Wir werden den Verantwortlichen bei der DB AG deutlich machen, wo wir erhebliche Defizite sehen", erklärte EVG-Chef Alexander Kirchner. Noch sei nicht erkennbar, wie bereits absehbare Personallücken "frühzeitig" geschlossen werden können.

Arbeitnehmervertreter sind es auch, die den Beinahe-Zusammenstoß zweier S-Bahnen am Mainzer Hauptbahnhof auf die Personalprobleme der Bahn zurückführen. Am 1. August war einer der Züge auf das falsche Gleis geraten; das Eisenbahnbundesamt ermittelt in der Angelegenheit. Der Gesamtbetriebsrat der DB Netz AG erklärte in einem Schreiben an den Vorstand, es sei davon auszugehen, dass "die beteiligten Fahrdienstleiter keine Schuld" an dem Vorfall treffe. Vielmehr hätten am fraglichen Tag zum Zeitpunkt des Vorfalls erneut "nur zwei Fahrdienstleiter statt drei und ein Zugmelder auf diesem hoch belasteteten Stellwerk Dienst" getan.

Zwangsgeld und Schadenersatzforderungen drohen

Beschwerden über Stellwerkengpässe bei der Deutschen Bahn liegen der Bundesnetzagentur schon seit 2012 vor. Eingaben privater Bahnbetreiber betreffen Beeinträchtigungen in Zwickau, Bebra und Friedrichssegen sowie seit kurzem auch in Mainz, bestätigte Netzagentur-Sprecher Henn. Wenn die Bahn die Situation nicht in den Griff bekomme, könne die Bundesnetzagentur einen Bescheid erlassen und ein Zwangsgeld androhen, sagte er. Zur Höhe des Zwangsgelds wollte er sich nicht äußern; denkbar ist aber eine fünfstellige Summe.

Zudem prüft der Betreiber der Mittelrheinbahn laut "Euro am Sonntag" Schadenersatzansprüche gegen das Unternehmen DB Netz. Neben dem Aufwand für das Personal komme es zu Umsatzausfällen wegen geringer Fahrgastzahlen, sagte ein Unternehmenssprecher nach Angaben der Zeitung. Die Mittelrheinbahn verkehrt zwischen Mainz und Köln. Im Abschnitt Bingen-Mainz fielen dem Unternehmen zufolge täglich 20 Züge aus. Betreiber ist die Trans Regio Deutsche Regionalbahn GmbH, eine hundertprozentige Tochter des größten deutschen Bahnwettbewerbers Veolia.

"Das muss ein Ende haben!"

Für die akuten Probleme am Mainzer Hauptbahnhof, wo bis auf weiteres im Regionalverkehr Stunden- statt Halbstundentakt gilt, Züge ausfallen oder umgeleitet werden, deutete der Chef der Bahn-Netztochter, Frank Sennhenn, eine Lösung für Dienstag an, ohne konkret zu werden. In Main fehlen sieben von 15 Fahrdienstleitern (vier sind krank, drei im Urlaub). Mit den Urlaubern habe man Gespräche geführt, ob sie bereit seien, vorzeitig zurückzukehren, sagte ein Bahnsprecher. Es werde weitere Gespräche geben. "Erzwingen können wir es nicht", sagte er. Tatsächlich dürfen Chefs ihre Mitarbeiter nach Angaben von Arbeitsrechtlern unter keinen Umständen zurück in den Betrieb beordern.

Nach Ansicht des Bahnexperten Jörn Pachl fehlen in Mainz flexible Einsatzkräfte, um den Betrieb auch unter ungünstigen Bedingungen aufrecht zu erhalten. "Offenbar gab es nicht genug Springer in Mainz", sagte der Leiter des Instituts für Eisenbahnwesen an der TU Braunschweig. "So einen Fall wie in Mainz hat es noch nie gegeben." Dementsprechend harsch fallen inzwischen die Reaktionen aus der Politik aus. Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) stellte der Bahn ein Ultimatum. "Wir erwarten, dass die peinliche Situation am Hauptbahnhof noch im Laufe dieser Woche beendet wird. Es muss doch möglich sein, dass ein Unternehmen mit rund 300.000 Mitarbeitern und zuletzt fast 1,5 Milliarden Euro Jahresgewinn eine schnellere Antwort auf ein solches Problem findet." Noch deutlicher wurde eine Sprecherin von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU): "Das muss ein Ende haben!"

dho/DPA/AFP/DPA

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