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Mitarbeiter unter Generalverdacht

Die Deutsche Bahn misstraut der eigenen Belegschaft. Warum sonst hätte sie fast alle Mitarbeiter - und teilweise auch deren Ehepartner - ausspionieren lassen? Und es gibt noch eine ernüchternde Erkenntnis: Die Bahn hat alles versucht, um den Skandal zu vertuschen.

Ein Kommentar von Johannes Röhrig

Die Deutsche Bahn AG misstraut allen ihren Mitarbeitern. Das ist die ernüchternde Erkenntnis, die Beschäftigte aus dem Datenskandal bei dem Staatsunternehmen ziehen müssen. Warum sonst sollte der Konzern im Namen der Korruptionsbekämpfung fast die gesamte Belegschaft einer elektronischen Rasterfahndung unterziehen? Warum sonst werden fast tausend Manager sowie deren Ehepartner ausgespäht? Hier werden Menschen unter Generalverdacht gestellt. In mehr als 99,8 Prozent der Fälle, das offenbaren nun selbst die Verlautbarungen der Bahn, geschieht dies zu Unrecht. Dass der Konzern gegen Betrug und Vetternwirtschaft vorgeht, stellt niemand in Abrede. Aber die Methoden dürfen nicht unlauter sein und die Persönlichkeitsrechte verletzen.

Die zweite Erkenntnis lautet: Die Bahn hat alles versucht, um die Affäre zu vertuschen.

Als der stern die Späh-Aktionen bei der Bahn vergangene Woche aufdeckte, blaffte die Presseabteilung des Konzerns: Die Vorfälle im selben Atemzug mit Bespitzelungen bei Lidl und Telekom zu nennen, sei "blühender Unsinn". In einer eilig einberufenen Telefonkonferenz mit Journalisten redete der Anti-Korruptionsbeauftragte des Konzerns, der frühere Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner, die Sache klein. Bei dem stern-Bericht handele es sich "im Ergebnis um den dritten Aufguss eines alten Tees".

Bahn sprach von "blühendem Unsinn"

Nun wird klar: Die für die Aufsicht der Bahn zuständige Berliner Datenschutzbehörde findet die Fälle bei Lidl, Telekom und Bahn sehr wohl vergleichbar. Hinter dem angeblichen "blühenden Unsinn" verbirgt sich in Wirklichkeit die umfangreichste Spähaktion, die bislang in einem deutschen Unternehmen bekannt wurde. Und der vermeintliche "dritte Aufguss des alten Tees" bringt den Konzern sowie dessen Korruptionsjäger Schaupensteiner derart in Bredouille, dass sich der Verkehrsausschuss des Bundestages nicht mehr mit Beschwichtigungen abspeisen lassen will und für die nächste Sitzung einen Katalog mit 61 Fragen zu der Affäre an die Bahn stellte.

Die heimlichen Spähaktionen, die nun bekannt wurden, liegen gut fünf Jahre zurück; Korruptionsjäger Schaupensteiner war damals noch nicht bei der Bahn. Welcher Geist jedoch unverändert in der Unternehmensspitze weht, belegt ein Zitat von Schaupensteiner in der Bahn-Kundenzeitschrift "mobil". "25 Prozent aller Mitarbeiter, das wissen wir aus Untersuchungen", sagt der Chef-Kontrolleur in der Mai-Ausgabe 2008, "sind ehrlich, komme, was da wolle." 25 Prozent hält er für grundsätzlich bereit, ihre Firma zu hintergehen. Und die restlichen 50 Prozent würden schwanken. Nach dieser Logik gäbe es noch viel zu tun für die Späher der Bahn.

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