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Weselsky aufs Abstellgleis!

GDL-Chef Claus Weselsky lässt für seine Ziele die Republik stillstehen. Doch das sind nicht etwa Lohnerhöhungen für Lokführer - Mister 109-Stunden-Streik hat anderes im Sinn.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Claus Weselsky legt es regelrecht darauf an, zur Hassfigur Nummer eins der Republik zu werden

Claus Weselsky legt es regelrecht darauf an, zur Hassfigur Nummer eins der Republik zu werden

Noch mal? Noch mal! Er will es ja nicht anders.

Also: Erinnern Sie sich noch an den schrägen Mitschüler, der immer um die Raucherecke schlich? An diesen großsprecherischen und besserwissernden Unsympathen, über den man rätselte, ob ihn Größenwahn antreibt oder sein mühsam verborgener Minderwertigkeitskomplex? Von den anderen gab's immer wieder mal was auf die ständig riskierte dicke Lippe. Störte ihn aber nicht. Er trug das Veilchen wie ein Eisernes Kreuz. Am nächsten Tag war er wieder da und fiel allen auf die Nerven mit seiner Penetranz und hartnäckigen Impertinenz. Immerhin, er besaß Nehmerqualitäten. Und jeder fragte sich, was aus dem wohl mal wird.

Heute wissen wir es: Gewerkschaftsboss. Bei den Lokführern. Claus Weselsky, man muss das leider so krass sagen, führt sich auch im reichlich gesetzten Alter von 55 Jahren nicht wesentlich anders auf als das kleine Arschloch der großen Pause, dem es irgendwann gleichgültig zu sein scheint, dass ihn keiner mag. Er legt es regelrecht darauf an, zur Hassfigur Nummer eins der Republik zu werden. Mister 109 Stunden. Der Mann, der für seine Ziele die Republik stillstehen lässt. So etwas maßt sich sonst keiner an. Wahrscheinlich empfindet sich Weselsky als so etwas wie ein Freiheitskämpfer. Aber das tun die Salafisten auch.

Wenigstens geht es in diesem Fall nicht um Leben und Tod. Die GDL ist nicht der Marburger Bund. Züge fallen auch ohne Streik aus oder kommen zu spät. Damit kann man sich arrangieren. Oder besser: Man könnte es – wären die Forderungen Weselskys nur ein wenig besser nachzuvollziehen.

Zwischen Macht und Größenwahn

Den Lokführern sei jeder Cent mehr gegönnt. Meinethalben sollen sie sich sogar das Recht auf eine Ottomane im Führerstand erstreiken, alles in Ordnung; bei Daimler setzte die IG Metall einst sogar die bezahlte Pinkelpause durch. Aber um mehr Lohn für die Lokführer geht es Weselsky schon lange nicht mehr, wenn es ihm je ihn erster Linie darum ging. Wäre es anders, hätte er am Wochenende das Angebot der Bahn annehmen müssen, das auch für die Zugbegleiter gelten sollte. Jeder Schlichter hätte ihm dringend dazu geraten. Aber Weselsky will ja etwas anderes: Macht. Das Recht, bis zuletzt auch für jene Mehrheit der bei der Bahn Beschäftigten verhandeln zu dürfen, die nicht in seiner Mini-Gewerkschaft organisiert sind, sondern bei der weitaus größeren Eisenbahnergewerkschaft. Man nennt so etwas freundlich Hybris. Oder deutlicher: Größenwahn.

Noch ertragen die Deutschen diesen irren Arbeitskampf mit großer Gleichmut. Das wird sich mit jeder Stunde ändern, die die GDL-Lokführer für ihren Vorsitzenden streiken. Offenbar nimmt Weselsky in seiner Verblendung nicht mehr wahr, welchen irreparablen Schaden er anrichtet. Oder, schlimmer, es ist ihm wurscht. Er ramponiert das Ansehen der Lokführer – was für den Rest der Welt unerheblich ist. Gleichzeitig untergräbt und zerstört er aber das Verständnis für Streiks allgemein. Und das ist alles andere als egal. Wenn Streiks in Generalverschiss geraten, ist nicht nur die GDL am Ende, sondern alles, was von der ohnehin nicht mehr sonderlich starken Gewerkschaftsbewegung übrig geblieben ist. Auch deshalb sind die anderen Gewerkschaftschef so entsetzt über Weselskys Kamikaze-Kurs.

Ab aufs Abstellgleis

Arbeitsministerin Andrea Nahles arbeitet zwar gerade an einem Gesetz zur Tarifeinheit, um solche Alleingänge wie die der GDL wenigstens zu erschweren. Aber das ist nur der hilflose Versuch, einen verfilzten Pelz im Schonwaschgang zu reinigen. Es ist auch nicht die Aufgabe der Politik, Gewerkschafter zu stoppen, wie durchgeknallt sie auch sein mögen. Es wäre anmaßend, und es wäre sogar fatal. Nein, das müssen die Kollegen schon selber erledigen.

Schon im eigenen Interesse sollten die Lokführer deshalb ihren außer Rand und Band geratenen Gewerkschaftsführer nicht länger unterstützen, sondern so schnell wie möglich dahin bugsieren, wo er kein weiteres Unheil anrichten kann: aufs Abstellgleis. Noch bleiben ein paar Stunden Zeit.

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