Barcelona vor der Brust - Hoeneß im Sinn

22. April 2013, 20:53 Uhr

Der FC Bayern erwartet den FC Barcelona. Doch die Steueraffäre um Uli Hoeneß wirft einen gewaltigen Schatten auf das Halbfinale der Champions League. Von Maik Rosner, München

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Business as usual soll das fröhliche Lachen von Philipp Lahm und Javier Martinez auf der Pressekonferenz signalisieren. Doch auch an den Bayern-Profis dürfte die Steueraffäre von Uli Hoeneß nicht spurlos vorübergehen.©

Am Tag zwei nach Publikwerden der Steueraffäre Hoeneß bemüht sich der FC Bayern um Normalität. Schließlich ist es zugleich der Tag vor dem Halbfinale in der Champions League gegen den FC Barcelona. Und so sah sich Markus Hörwick mittags auf der Pressekonferenz in der Arena im Norden der Stadt genötigt, eine Warnung auszusprechen. Man werde keinerlei Stellungnahme zum Thema Hoeneß abgeben, sagt der Mediendirektor des FC Bayern. Es sei mit der Uefa abgestimmt, dass man die Pressekonferenz notfalls abbrechen werde.

Die Steueraffäre, vom Verein als "Privatangelegenheit des Präsidenten" eingestuft, sorgt für Nervosität. Das Thema ist auch deshalb so delikat, weil Hoeneß stets als ehrlicher und sozialer Macher wahrgenommen worden ist, als moralische und gesellschaftliche Instanz. Er war ein Vorbild, das sich vom Metzgersohn in Ulm hochgearbeitet hat. Seine Wurstfabrik in Nürnberg soll einen Umsatz von knapp 50 Millionen Euro jährlich machen. Der zweite mittelständische Betrieb unter seiner Führung, der FC Bayern, ist nach den wirtschaftlichen Maßstäben der Unterhaltungsbranche Fußball ein Weltkonzern. Man nähert sich gerade dem Umsatz von 400 Millionen Euro, vielleicht werden es 2013 sogar mehr.

Muttertier für die Profikicker

Die Profikicker erleben Hoeneß in ihrem Berufsalltag als Seele des Klubs, als eine Art Muttertier, das die Seinen mit allen Mitteln schützt, sie verteidigt oder ihnen hilft, wenn nötig. Nun sitzen Philipp Lahm und Javiér Martinez auf der Bühne in der Arena und sprechen über das Gipfeltreffen mit Barcelona, in dem es auch um die Frage gehen wird, ob der deutsche Vereinsfußball den bisherigen spanischen Trendsettern gewachsen ist oder sie vielleicht gar schon überholt hat. Doch der Schatten von Hoeneß liegt auch über diesem Termin. Es ist gerade nichts mehr wie zuvor beim FC Bayern.

Als soziales Gewissen ist Hoeneß auch über seinen Verein hinaus aufgetreten. 34 Jahre lang hat er bisher als Manager (1979 bis 2009) und Präsident seinen Klub und das gesamte Fußballgeschäft geprägt. Vergessen hat er trotz seines persönlichen Erfolgs nie die Schwachen. Das war jedenfalls bisher das Bild von ihm. Nun scheint er nicht mehr zu Vorbild zu taugen. Im Zuge der Affäre um nicht gezahlte Steuern gerät nun nicht nur sein Image, sondern auch sein Lebenswerk in Gefahr.

Das Thema bewegt Deutschland und München ganz besonders. Eigentlich sollte es in dieser Woche nur um das vorläufige Spiel der Spiele für den FC Bayern gehen, der die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte erleben könnte. Doch jetzt bestimmt der Fall Hoeneß die Gespräche. Lionel Messi ist plötzlich weit weg.

Kein Ton zu der Affäre

An der Säbener Straße ist das zu spüren, am Stammsitz des Vereins. Gerade läuft das Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Barcelona hinter verschlossenen Türen, draußen stehen ein paar Fans. "Überrascht" bis "schockiert", so reagieren die meisten. Nur wenige nehmen es mit Gleichmut hin. Im ehemaligen Franz-Josef-Strauß-Land Bayern ist man einiges gewohnt von "Großkopferten", wie sie hier sagen. Aus der Politik kommen umso schärfere Töne. Sogar aus dem Kanzleramt. "Viele Menschen sind jetzt enttäuscht von Uli Hoeneß, die Bundeskanzlerin zählt auch zu diesen Menschen", erklärt Steffen Seibert, Regierungssprecher von Angela Merkel, eine Vertraute von Hoeneß.

Vom FC Bayern sind derzeit keine Stellungnahmen zu bekommen. "Das ist eine private Konstellation. Uli Hoeneß ist für uns natürlich ein wichtiger Mann, aber wir äußern uns dazu nicht - und das belastet uns überhaupt nicht", hatte Sportvorstand Matthias Sammer schon am Samstag gesagt. Auch Jupp Heynckes reagierte einigermaßen distanziert. "Bei uns gibt es immer irgendwelche Meldungen. Das schärft die Sinne, das macht uns noch ehrgeiziger", sagte der Trainer weiter, "meine Mannschaft lässt sich von nichts beeindrucken."

Gegen Barcelona will Hoeneß auf der Tribüne sitzen

Noch ist vieles im Dunkeln in der Affäre. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" hat der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus im Jahr 2000 dem mit ihm befreundeten Hoeneß auf einem Schweizer Konto 20 Millionen Mark für Spekulationsgeschäfte zur Verfügung gestellt. Fünf Millionen Mark soll Dreyfus direkt überwiesen haben, einen Kredit über weitere 15 Millionen Mark soll er durch eine Bürgschaft abgesichert haben. Mit diesen umgerechnet zehn Millionen Euro sollen zunächst sowohl Louis-Dreyfus als auch Hoeneß an der Börse und anderswo spekuliert haben.

Doch spielen die konkreten Zahlen überhaupt eine Rolle, geht es nicht um das Vergehen an sich? Zum Spiel gegen Barcelona will Hoeneß kommen, und man darf gespannt sein, wie ihn die Menschen in der Arena empfangen werden. Nicht wenige Beobachter in München rechnen damit, dass das Publikum den Präsidenten stützen wird. Auf Facebook hat sich sogar schon eine Unterstützergruppe gebildet: "Ich stehe hinter dir!" Der größte Poker um sein Lebenswerk scheint Uli Hoeneß allerdings noch bevorzustehen.

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