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Die Stadt der 3.000 Lobbyisten

Mit dem Umzug nach Berlin hat sich im deutschen Politbetrieb ein neuer Berufszweig entwickelt: der Konzern-Lobbyist. Denn Unternehmen schicken lieber die eigenen Leute.

Auf der Visitenkarte steht «Direktor Regierungskontakte», «Leiter des Verbindungsbüros Berlin» oder «Bevollmächtigter für Regierungsangelegenheiten». Alles Versuche, eine wenig populäre Bezeichnung zu vermeiden: Konzern-Lobbyist. Mit dem Umzug nach Berlin hat sich im deutschen Politbetrieb ein neuer Berufszweig entwickelt. Immer mehr Unternehmen verlassen sich nicht mehr auf die Verbände, um in der Hauptstadt ihre Interessen vertreten zu lassen. Sie schicken lieber die eigenen Leute.

Fast alle DAX-Stars sind präsent

Von den 30 DAX-Konzernen sind mittlerweile zwei Drittel mit einer Niederlassung in Berlin vertreten. Neuester Ankömmling ist der Pharmakonzern Altana, der vergangene Woche seine Büros bezog. Der Medienriese Bertelsmann und das Software-Haus SAP bauen gerade an neuen Repräsentanzen. «Das Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Wirtschaft ist so eng geworden, dass kaum noch jemand auf ein Berliner Büro verzichten will», sagt Wolf-Dieter Zumpfort, der für den weltgrößten Reisekonzern TUI die Lobby-Arbeit macht. 2.400 Namen hat er in seinem Adressbuch stehen.

Seitenwechsel nicht unüblich

Der 57-Jährige gehört zu den Leuten, die das Geschäft von beiden Seiten kennen. Bis vor einigen Jahren saß Zumpfort selbst im Bundestag, für die FDP. Kein Einzelfall: Der ehemalige SPD- Abgeordnete Dieter Spöri ist heute für DaimlerChrysler aktiv, der frühere CSU-Parlamentarier Hansgeorg Hauser für die Commerzbank. Meist sind die Konzernvertreter allein unterwegs, um Aufträge zu beschaffen oder für eine möglichst firmengerechte Gesetzgebung zu sorgen. Aus Bonner Zeiten noch gibt es aber auch gemeinsame Runden wie «Adler-, «Montags-» oder «Dienstagskreis».

Nicht auf Konsens reduziert

Die Einflussnahme lassen sich die Konzerne einiges kosten. Nach den vorsichtigsten Schätzungen kommt unter 400.000 Euro Ausgaben pro Jahr niemand weg. Eine genaue Kosten-Nutzen-Rechnung kann keiner aufmachen. Aber TUI-Cheflobbyist Zumpfort ist überzeugt, dass sich die Beziehungspflege im Auftrag des Vorstands auf jeden Fall lohnt. «Im Unterschied zu den Verbänden sind wir nicht auf Konsens angewiesen. Wir können uns nur um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Das ist effektiver.»

Konkurrenz ist härter

Im Vergleich zu Bonn ist aber auch die Konkurrenz härter geworden. Mehr als 3.000 Lobbyisten tummeln sich mittlerweile in Berlin. Auf der offiziellen Liste des Bundestages haben sich 1.760 Verbände registrieren lassen. Hinzu kommt eine Schar von PR-Agenturen, Politikberatern und sonstigen Einflussnehmern. Das macht es auch für wichtige Firmen schwerer, sich Gehör zu verschaffen.

Arbeitsrevier Gendarmenmarkt

Zumal nur noch in den seltensten Fällen die Kontakte in der Bundestags-Lobby geknüpft werden. Wichtigstes Arbeitsrevier ist die Gegend zwischen Kanzleramt und Gendarmenmarkt geworden. Dort sind die Abgeordnetenbüros, dort haben die meisten Konzerne ihre Niederlassungen, und dort befinden sich auch einige der besseren Berliner Restaurants. Besonders feine Kontakt-Veranstaltungen finden im Hotel «Adlon» direkt am Brandenburger Tor statt.

Große Ablenkung

Trotzdem musste auch ein Weltkonzern wie Siemens erleben, dass zu einem «Parlamentarischen Abend» mit dem Vorstandschef ganze drei Parlamentarier erschienen. «In Berlin ist die Ablenkung einfach größer», sagt Chef-Lobbyist Gerd von Brandenstein. «Man muss sich mehr um seine Termine kümmern.»

"Collegium": Gemeinsam stark

Auch deshalb haben sich zwei traditionsreiche Lobby-Kreise jetzt zusammengetan: Aus «Montags-» und «Dienstagskreis» wurde das «Collegium». Einmal pro Monat laden sich 40 Firmenleute künftig gemeinsam Minister, Staatssekretäre und Abgeordnete ein, um hinter geschlossenen Türen ihre Anliegen loszuwerden. Zur Premiere am nächsten Montag kommt der einflussreiche Vorsitzende des Haushalts- Ausschusses, Manfred Carstensen (CDU).

Nur wenige ziehen nicht mit

Aber trotz der Anziehungskraft von Berlin gibt es auch Ausnahmen. Der Chemie- und Anlagenbaukonzern mg technologies (ehemals Metallgesellschaft) hat sich soeben entschieden, die Hauptstadt nach nur 18 Monaten schon wieder zu verlassen. Eine halbe Million Euro Fix-Kosten pro Jahr waren mg-Chef Kajo Neukirchen, der auch sonst einen harten Sparkurs fährt, zu viel. Künftig wird die Lobby-Arbeit wieder von Frankfurt aus gemacht. Auch wenn die anderen in Berlin sitzen.

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