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Billig, billiger, Nackensteaks: Warum der Fleischpreis nichts aussagt

Deutschland diskutiert seit einem Facebook-Post über Billig-Fleisch. Dürfen Aldi, Lidl und die Supermarktketten Preiskampf mit Fleisch betreiben? Ein Foodwatch-Experte erklärt die Mechanismen der Lebensmittelindustrie.

Billig-Fleisch vom Discounter in der Kritik

Billig-Fleisch vom Discounter in der Kritik

Endlich ist Sommer - und mit den steigenden Temperaturen brutzelt es in Deutschlands Gärten wieder. Die Grillsaison hat begonnen. Und der Lebensmittelhandel reagiert und offeriert günstiges Grillfleisch. bot in der vergangenen Woche gleich 600 Gramm marinierte Nackensteaks für 1,99 Euro an. Doch statt freudig zuzugreifen, diskutieren die Verbraucher: Darf man Fleisch - und somit Tiere - verramschen? Wann ist Fleisch ein Schnäppchen - und wann nur noch billigster Müll?

Billig-Fleisch in der Kritik

Der Verbraucherschutzverein macht in einem Statement klar: "Der Fleischpreis allein sagt nichts darüber aus, wie gut und gesund die Tiere gehalten wurden - oder wie krank und schlecht. Und das gilt nicht nur für Discounter-Fleisch." Würde das Fleisch statt 1,99 Euro das Doppelte kosten, würden nicht die Landwirte oder gar die Tiere profitieren, sondern die Handelskonzerne. 

"Das Fleisch in den Regalen erzählt uns nichts darüber, wie gesund oder krank das Tier gelebt hat", so Foodwatch. "Und hier kommen die großen Handelskonzerne ins Spiel: Mit ihrer Marktmacht drücken sie die Preise - auf Kosten der Bauern und auf Kosten der Tiere."


So verdienen Bauern

Aktuell würden die Bauern für ein Kilo Schlachtgewicht 1,80 Euro bekommen - so viel wie lange nicht. Der Preis für Schweinefleisch würde einem Zyklus folgen, berichtet Foodwatch-Experte Matthias Wolfschmidt in einem Interview mit "Jetzt". "Wenn viel auf dem Markt ist, gehen die Preise runter. Die Bauern reagieren darauf, indem sie weniger Schweine mästen. Wenige Monate später ist damit weniger Fleisch auf dem Markt, der Preis steigt wieder, die Bauern mästen wieder mehr Schweine und so weiter. Momentan sind wir in einer Zwischenphase, es ist viel Fleisch da und der Einkaufspreis ist trotzdem hoch." Der Preise sei als Indikator für angemessenen Tierschutz nicht ausreichend.


Verbraucher könnten auch bei teurerem Fleisch nicht davon ausgehen, dass die Tiere ein gesünderes oder glücklicheres Leben geführt hätten. Es komme bislang darauf an, wie der Bauer seinen Hof führe. Katastrophale Zustände und schwere Erkrankungen würden aber nicht gleichbedeutend für Discounter-Fleisch stehen. Ob man ein glückliches oder unglückliches, ein krankes oder gesundes Tier auf dem Teller hat, sei Glückssache.

Foodwatch: Politik muss Druck auf Aldi, Lidl und Co. erhöhen

Wolfschmidt fordert die Politik auf, die Handelskonzerne unter Druck zu setzen und sich für höhere Standards in der Tierhaltung einzusetzen. "Aldi, Rewe, Lidl, Edeka und Co. haben es in der Hand, konsequent gesunde und gute Lebensbedingungen für alle Nutztiere durchzusetzen: Sie müssen den Tierhaltern klare Vorgaben dafür machen, wie gesund die Tiere sein müssen und sie müssen den Bauern faire Preise dafür garantieren. Damit gute und gesunde Tierhaltung sich lohnt", schreibt Foodwatch.

Auch Aldi räumt in einem Statement ein, dass sie enorme Marktmacht besitzen. Verbraucherschützer fordern, dass der Discounter diese Macht nicht nur dafür nutzen, um den Preis zu drücken, sondern auch um einheitlich bessere Standards zu verankern. "Schnäppchen werden dann weder auf Kosten der Tiere noch der Landwirte gehen - und vermutlich nicht mehr für 1,99 Euro zu haben sein", so Foodwatch.

kg

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