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Das grüne Gold

In Brasilien scheinen Öko-Träume wahr zu werden: Fast die Hälfte des Benzins kommt bereits von Zuckerrohrplantagen, Ethanol ersetzt das Erdöl. Doch der Landverbrauch ist enorm. Ein stern-Team erkundete Chancen und Risiken eines Booms von globaler Bedeutung.

Von Joachim Rienhardt und Harald Schmitt

Das Zuckerrohr wogt im Wind. Millionen Halme. Nicht einmal vom Hubschrauber aus sind die Grenzen der Felder zu erahnen. Mittendrin verlieren sich kleine Siedlungen. Die Pflanzen drängen sich so dicht an die Häuser, als wollten sie sie verschlingen. Bereits abgeerntete Flächen liegen wie braune Inseln in dem grünen Meer, durch das sich Sandwege schlängeln. Die Sattelschlepper darauf, beladen mit frisch geschnittenem Zuckerrohr, wirken aus der Luft wie Matchbox-Autos. "Wir ernten rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche", sagt Antonio Selegatto, Schichtleiter in der Verarbeitungsanlage Santo Antonio. Trotz der monströsen Mahlwerke, der Schornsteine und der riesigen Tanks verschwindet die Anlage fast in dem Wald aus vier Meter hohem Süßgras, etwa halb so groß wie der Bodensee. Für brasilianische Verhältnisse ist das relativ klein. Die Verarbeitung des Zuckerrohrs findet immer im Zentrum des Anbaus statt, um Transportwege kurz zu halten. "Wir müssen spätestens zwölf Stunden nach der Ernte damit beginnen", sagt Selegatto. Später verliert der Saft der Pflanze den magischen Energiegehalt, der sie zum wertvollsten Grundstoff macht für Ethanol - für Ökosprit vom Acker. Selegatto sagt: "Wir machen 8000 Liter pro Hektar. Mit jeder Ernte. Diese Energie ist grenzenlos erneuerbar."

Das Hochland von Sao Paulo ist das Zentrum des Zuckerrohranbaus. Nun scheint hier der Traum von der Unabhängigkeit vom Öl in Erfüllung zu gehen. Davon, nicht mehr angewiesen zu sein auf die oft unberechenbare Politik erdölexportierender Länder. Der Traum auch davon, dass Präsidenten wie George W. Bush keine Kriege mehr anzetteln, um Kontrolle über den Nachschub von Öl zu erlangen. Und auch der Wunsch, dass Auto zu fahren die Umwelt nicht mehr belastet. Denn Zuckerrohr entzieht während des Wachstums der Atmosphäre so viel Kohlendioxid, wie später bei der Verbrennung durch Ethanol entsteht.

Die Mühle Santo Antonio hat sich im Lauf der Jahre breitgemacht. Von dem ehemaligen Dörfchen steht nur noch die Kirche, deren Name die Anlage heute trägt. Für die Arbeiter wird nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst abgehalten. Dicke Rohre mit Dampf, Wasser und Melasse führen zur Destille direkt am Kirchturm vorbei. Süßlicher Geruch liegt über allem, zieht hinauf zu den Kesseln, an deren oberem Ende Selegattos Leute über Monitore die gesamte Produktion überwachen. Unten befeuern Arbeiter die riesigen Brennräume mit dem für die Alkoholproduktion bislang nicht verwertbaren Zelluloseanteil. Durch die Hitze entsteht der Dampf, mit dem der Zuckersaft destilliert wird. "Ganz nebenbei erzeugen wir Strom, der ins örtliche Netz eingespeist wird", sagt der Schichtleiter.

"Diese Energie ist grenzenlos erneuerbar"

Aber das ist nebensächlich. Wichtig ist, dass schon zwölf Stunden nach dem Mahlprozess die Tanklaster vorfahren können. Selegatto sagt: "Pro Ernte machen wir 120 Millionen Liter." Das würde reichen, um die gesamte Pkw-Flotte einer Stadt von der Größe Osnabrücks ein Jahr am Laufen zu halten.

Es könnte aber auch der doppelte Ertrag sein. Noch wird hier nur aus der Hälfte der Ernte Ethanol produziert - und aus der anderen Zucker. "Der Marktpreis entscheidet", sagt Selegatto. Längst orientiert sich der Zuckerpreis am Öl. Ebenso der des Ethanols. Der Biosprit ist für Autofahrer die preiswertere Lösung, solange er 30 Prozent weniger als Benzin kostet. Denn die Reichweite von Ethanol ist geringer.

Kraftstoffe der Zukunft

Erdöl war gestern, alternativen Kraftstoffen gehört die Zukunft. So soll auch in der Europäischen Union dem Treibstoff Ethanol beigemischt werden. In drei Jahren sollen es 5,75 Prozent sein. "Die Frage ist nicht mehr, ob Biokraftstoffe kommen", sagt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie Agentur (Dena). "Die Frage ist nur: welche und wie."

Ethanol ist Basis für eine Zukunft, die in Brasilien, dem größten Zuckerrohrproduzenten der Welt, längst begonnen hat. Klar, man ist hier auf große Ölvorkommen gestoßen. Doch vor allem wegen der Produktion von Ethanol ist Brasilien seit vergangenem Jahr das erste Land außerhalb der Opec, das unabhängig ist von Ölimporten. Schon 40 Prozent der Treibstoffenergie für die Pkws im Lande kommen vom Zuckerrohrfeld. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sieht sein Land als Keimzelle grüner Energie und will damit bald die ganze Welt beglücken. Brasilien soll das Saudi-Arabien der Zukunft werden. Lula prophezeit: "Bis im Jahr 2030 sind wir der größte Treibstofflieferant der Welt."

Auf steigende Nachfrage eingerichtet

Die Entwicklung der sogenannten Flex-Fuel-Technik hat Ethanol in Brasilien zum Durchbruch verholfen. Sie wurde von dem Ingenieur Besaliel S. Botelho, Vizepräsident der brasilianischen Robert-Bosch-Tochter, entwickelt und ermöglicht es, Autos sowohl mit Ethanol als auch mit herkömmlichem Sprit zu betanken. Die Biosprit-Produzenten richten sich auf steigende Nachfrage ein.

Noch wird die Hälfte des brasilianischen Zuckerrohrs auf traditionelle Weise geerntet: von Hand. Rohrschneider fahren in Bussen auf die Felder. Ein Schneider schafft in Akkordarbeit rund zehn Tonnen am Tag. Das bringt etwa zehn Euro. Doch auf Dauer können die Rohrschneider nicht gegen Erntemaschinen konkurrieren. Eine Maschine ersetzt 75 Mann und arbeitet obendrein rund um die Uhr. "Bei uns werden schon vier Fünftel maschinell gemacht", sagt Selegatto.

"Unser Klima ist optimal"

Fernando Moreira Ribeiro, der Generalsekretär des Verbandes der brasilianischen Zuckerrohrproduzenten (UNICA), beobachtet die Entwicklung mit Freude. "Das Potenzial ist gewaltig", sagt er und blickt siegesgewiss aus dem verglasten Sitzungsraum des Verbandes, Downtown Sao Paulo, 14. Stock. "Unser Klima ist optimal, die Landressourcen immens, die Löhne relativ gering." Dann präsentiert er ein Feuerwerk von Zahlen: Hochrechnungen über die Steigerung der Anbauflächen und der Erträge. Der Generalsekretär hat in solchen Präsentationen Routine.

Vergangene Woche kam eine Abordnung aus Thailand, davor aus China, Indonesien, Indien, Malaysia. Präsidenten wurden vorstellig, Investoren, selbst aus Russland, weltweit größter Erdölproduzent. Die Russen haben kürzlich mit dem Bau der ersten Fabrik für Ethanol aus pflanzlichen Rohstoffen begonnen, um den Export des alternativen Brennstoffs nach Asien und in die EU aufzunehmen. Selbst in Deutschland hat sich unter anderem die Firma Südzucker im Osten der Republik riesige Ackerflächen zugelegt, um im Schutz hoher Einfuhrzölle Ethanol aus Zuckerrüben herzustellen. Subventionen mindern den Nachteil, dass die Produktion nahezu so viel Energie verbraucht, wie der Rübensprit liefert. Auch in den USA wird unter Einsatz von Steuermilliarden aus Mais Ethanol hergestellt, seit vergangenem Jahr sogar mehr als in Brasilien. Ethanol soll bis 2030 rund 40 Prozent des US-Spritbedarfs decken. Es ist die neue Boom-Industrie.

Energie für alle

Roberto Rodrigues, Brasiliens ehemaliger Landwirtschaftsminister, ist ergriffen von der Entwicklung. "Wir machen hier eine stille Revolution. Energie für alle. Das ist die Herausforderung. Nicht nur für ein Land, sondern für die gesamte Menschheit." Natürlich weiß er, dass der Erfolg nur eintritt, wenn das Produkt immer und überall verfügbar ist. "Aus Ethanol muss eine Handelsware werden. Je mehr Länder involviert sind, desto besser." Er ist selbst Großgrundbesitzer, möchte mitverdienen am großen Boom. Aber er weiß, dass noch viele Widerstände zu brechen sind.

Auch in Deutschland. Ethanol hat hierzulande kaum eine Lobby. Weder bei der Mineralölindustrie, die die seit Januar eingeführte Beimischungspflicht dazu nutzte, Preiserhöhungen zu rechtfertigen. Und auch nicht bei Automobilkonzernen, die erst die teuer entwickelte neue Diesel-Technologie auf dem Weltmarkt durchsetzen will. "Aber ich werde kämpfen", sagt der Ex-Minister. "Es ist eine Verpflichtung. Energie für alle heißt: mehr Demokratie und Frieden auf der Welt."

Erste Ethanol-Pipeline im Bau

Brasilien führt mit mehr als 300 Zuckerrohranlagen diese Friedensbewegung an. Allein in den nächsten fünf Jahren werden 90 neue Mühlen fertiggestellt sein, ausschließlich für die Produktion von Ethanol bestimmt. Fünf finanziert der brasilianische Ölmulti Petrobras, um so langjährige Lieferverträge nach Japan abzusichern, wo eine zehnprozentige Beimischung von Ethanol Pflicht werden soll. Die erste Ethanol-Pipeline ist im Bau - vom Anbaugebiet direkt bis zum Hafen von Sao Paulo, 500 Kilometer lang. Petrobras will zum weltgrößten Exporteur grünen Treibstoffs werden.

Grosse Konsortien und Agrar-Multis sind auf der Jagd nach strategisch günstig gelegenen Arealen. Verkehrsanbindung ist wichtig, Sonnen- und Regenperioden müssen passen. Und die Größe, um möglichst rentabel zu wirtschaften. Kleinbauern haben in diesem Spiel nichts zu suchen. Das Erfolgsprodukt wird die Not der Massen nicht lindern. Im Gegenteil. "Ethanol vergrößert die Ungerechtigkeit. Landbesitz, Reichtum und politische Macht werden weiter konzentriert", sagt der Staatsanwalt Marcelo Goulart aus Ribeir‹o Preito, dem Zentrum des Anbaus. Er unterstützt die Bewegung der Landlosen, die steten Zuwachs verzeichnet. Die Preise für Grund und Boden sind bereits gestiegen. Die Mühlen brauchen Futter.

Forschungslabors wollen Pflanzen optimieren

Nachdem die Firma Cosan, das größte private Unternehmen Brasiliens im Ethanolgeschäft, 2005 an die Börse gegangen war, schoss die Aktie binnen sechs Monaten auf den dreifachen Wert. Thomas Kunze bei der Unternehmensberatung Roland Berger in Sao Paulo sieht enorme Chancen: "Die Ethanolproduktion kann auf ein Vielfaches anwachsen. Vor allem dank der steigenden Automatisierung und Weiterentwicklung des Saatguts durch Forschung." Der Zutritt zu den Räumen des privaten Forschungslabors Centro de Tecnologia ist für Besucher verboten. Nur ein Blick in die Gewächshäuser wird erlaubt.

Die Wissenschaftler gehen den Fragen nach: Was hält die Pflanze unter Extrembedingungen alles aus? Wie lässt sich die Effizienz erhöhen? Mehr als 400 Spezies haben die Forscher um Jaime Finguerut, 54, entwickelt. Er ist hoffnungsvoll. "Schon in vier Jahren können wir auch den Zelluloseanteil der Pflanze kommerziell verwerten", sagt er. "Die Ernteerträge werden sich in zehn Jahren verdoppeln, die Verarbeitung wird weiter optimiert, die Kosten sinken." Der amerikanische Multimilliardär Vinod Khosla, ein Fan von Ethanolenergie, war hier, die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, ebenso Bill Gates. Und alle haben viel Risikokapital in neue Mühlen gesteckt, die tiefer und tiefer ins Landesinnere gesetzt werden. Weiter Richtung Norden, hoch zum Amazonas. Umweltschützer wie Brasiliens Greenpeace-Chef Frank Guggenheim sind alarmiert. "Deutschlands Umweltminister Sigmar Gabriel hat mich bei seinem letzten Brasilienbesuch gefragt: Ist Ethanol gut oder schlecht?", erzählt Guggenheim.

Umweltschützer sind alarmiert

Aber so einfach sei das nicht zu beantworten. In Brasilien wird kein Wasser zur künstlichen Bewässerung eingesetzt. Die Böden sind für den Zuckerrohranbau ideal. Die Ökobilanz ist gut. Aber der Bedarf an Fläche ist enorm. "Ethanol wird uns nicht erlauben, weiterhin bedenkenlos Sprit zu verfeuern. Wir kommen nicht umhin, unseren Konsum zu überdenken", sagt Guggenheim. "Der Anbau muss seine Limits spätestens da haben, wo der Amazonas beginnt." Dort sei mit den neuartigen Spezies der Anbau bald ökonomisch sinnvoll. "Der Druck der Industrie ist da, diese Grenzen zu verschieben. Die Frage ist: Wann ist es so weit? Und wer überwacht die Grenzen?"

Nach Berechnungen von Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft an der Universität Hohenheim, müsste die gesamte Agrarfläche Brasiliens mit Zuckerrohr bepflanzt werden, wollte man nur fünf Prozent der im Jahr 2030 weltweit benötigten Treibstoffenergie mit Ethanol bestreiten. Für 30 Prozent müsste gar ein Viertel der gesamten Welt-Ackerfläche für Zuckerrohr geopfert werden.

Ist Nahrung wichtiger - oder Energie?

"Werden die Ölbohrtürme in großem Stil durch Äcker ersetzt, entsteht automatisch ein Zielkonflikt zwischen Nahrungs- und Energieversorgung", sagt Dietmar Dirmoser, Lateinamerika-Spezialist und Energie-Experte bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. "Die reiche Welt wird deshalb nicht hungern müssen. Doch wenn die Lebensmittel für die Armen knapper und teurer werden, wird dies nicht absehbare negative Folgen haben."

So werden die für Deutschland bestimmten Fox-Modelle bei VW do Brasil auch künftig ohne Flex-Fuel-Technik vom Band laufen. Moral ist ein willkommenes Argument für die Konzernstrategie. Holger Westendorf, Vizepräsident bei VW do Brasil, sagt: "Ethanol ist eine tolle Sache für Brasilien und den lokalen Markt. Aber man darf in der EU keine Hoffnung wecken mit einem Produkt, das nicht in genügendem Ausmaß verfügbar ist." In Ländern mit Hungerproblemen verbiete sich der Anbau ganz. "Es ist ethisch nicht vertretbar, dass wir Nahrungsmittel verbrennen, damit Leute mit dem Auto zum Strand fahren können." Lester Brown, Chef des Earth Policy Institute in Washington, warnt die Industrienationen, den Übergang zu Sprit vom Acker zu stark zu forcieren. Er nennt es eine "Essen-für-Autos-Strategie". Es sei lohnender, statt Ethanolraffinerien spritsparende Autos zu bauen. Ganz gleich wie verlockend die grünen Meere der Zuckerrohrbauern in Brasilien auch sein mögen.

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