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"Obdachloses Gesindel": Dieser Brief steht für die Arroganz des Silicon Valley

In einem offenen Brief an San Franciscos Bürgermeister beschwert sich ein Firmengründer über Obdachlose und Drogensüchtige in der Stadt. Dabei ist die boomende Tech-Branche am Elend der Armen nicht ganz unschuldig.

Ein Obdachloser mit seinem Hab und Gut in San Francisco

In San Francisco gibt es viele Gutverdienender aus der Tech-Welt - und geschätzte 7000 Obdachlose

Das Silicon Valley ist der Nabel der Tech-Welt. Im Großraum der San Francisco Bay Area sitzen nicht nur Apple, Google und Facebook, sondern auch unzählige kleinere Start-Ups und mittelgroße Firmen, die alle mehr oder minder an der technologischen Weltrevolution arbeiten. Tausende hervorragend ausgebildeter und sehr gut bezahlter Fachkräfte haben der Region in den vergangenen Jahrzehnten zu einem gigantischen Boom verholfen. Doch wenn die reiche Tech-Elite doch einmal die Rundumwohlfühloase ihrer Firmengelände verlässt, trifft sie auf die Realität einer Großstadt: Armut, Kriminalität, Drogen und Obdachlosigkeit.

Für Justin Keller, Gründer der IT-Firma Commando.io und seit etwa drei Jahren in San Francisco, ist dieses Elend unerträglich. In einem offenen Brief an den Bürgermeister und den Polizeipräsidenten der Stadt, beschwerte er sich über die zunehmende Obdachlosigkeit und die Drogenprobleme San Franciscos. Leider sprach aus Kellers Worten nicht das Mitleid mit den weniger Privilegierten der Stadt, sondern das persönliche Unbehagen über das "obdachlose Gesindel", dessen Anblick er jeden Tag ertragen müsse und das die Stadt zum "Slum" verkommen lasse.

Die Hoffnungslosigkeit des Pöbels

Dass die hohe Zahl von geschätzten 7000 Obdachlosen auch damit zusammenhängt, dass die Mieten in den vergangenen Jahren explodiert sind, lässt Keller kalt. "Die reichen arbeitenden Menschen haben ihr Recht erworben, in dieser Stadt zu leben", schreibt Keller. "Ich sollte mir keine Sorgen darüber machen müssen, angepöbelt zu werden. Ich sollte auf meinem Weg zur Arbeit nicht jeden Tag den Schmerz, den Existenzkampf und die Hoffnungslosigkeit der Obdachlosen sehen müssen. Ich will, dass meine Eltern, wenn sie mich besuchen, eine tolle Zeit haben, und diesen speziellen Ort genießen."

Der wenig empathische Brief trifft einen empfindlichen Nerv. Denn nicht jeder in der Bay Area freut sich über die neureiche Elite aus dem Valley. Seit Jahren gibt es in San Francisco Proteste gegen steigende Mieten und Verdrängung alteingesessener Bewohner - gegen die deutsche Gentrifizierungsdebatten wie Kindergartenstreit anmuten. Dementsprechend heftig fielen die Reaktionen auf die unsensiblen Worte Kellers aus: In den sozialen Netzwerken hagelte es Kritik für Keller, wie die Seite "SFGate.com" dokumentiert.

Klassenkampf in San Francisco

Es ist nicht das erste Mal, dass jemand aus der schönen, neuen Valley-Parallelwelt sich abfällig über den Pöbel äußert, wie der "Guardian" schreibt. Bereits 2013 zog Start-Up-Gründer Peter Shih mit einem Artikel namens "10 Dinge, die ich an dir hasse. San Francisco Edition" öffentlichen Unmut auf sich. Im selben Jahr bezeichnete Firmengründer Greg Gopman Obdachlose als "Degenerierte, die sich wie Hyänen versammeln". Worte, die in einer traditionell bunten und vielfältigen Stadt wie San Francisco nicht gut ankommen.

Justin Keller, der von einigen schon zu einem der meistgehassten Menschen im Internet erklärt wird, hat sich in einem Nachtrag zu seinem Text zumindest für den Begriff "obdachloses Gesindel" entschuldigt. An seiner grundsätzlichen Kritik hält er aber fest. "Anstatt mich zu kreuzigen, sollten wir alle als Bürger die Stadt und die gewählte Regierung für ihre Unfähigkeit kreuzigen", sagte er dem "Guardian".

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