Ärger für die "Es ist nichts mehr da"-Schleckers

27. Juni 2012, 18:00 Uhr

Razzien in 18 Wohnungen und vier Geschäftsräumen, Ermittlungen gegen Anton Schlecker und 13 weitere Verdächtige: Der Patriarch der insolventen Drogeriekette gerät ins Visier der Staatsanwälte. Von Niels Kruse und Thomas Schmoll

Auf der einen Seite steht der Satz von Meike Schlecker: "Es ist nichts mehr da." So sagte es die Tochter von Firmenpatriarch Anton Schlecker, als sie auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit erklärte, dass die nach ihrer Familie benannte Drogeriekette zahlungsunfähig ist. Es gebe "kein Zurück in die Normalität". Später bemühte sich Meike Schlecker - in einem gemeinsamen Statement mit ihrem Bruder Lars -, das Bild zu korrigieren: weniger vermögend, aber auch nicht ganz mittellos. "Wir helfen unserem Vater mit unseren eigenen Mitteln, die wir rechtmäßig besitzen." Der Vater habe "vom Sportwagen bis zur schönen Uhr" alles verloren.

Auf der anderen Seite steht ein stattliches Vermögen, das die pleitegegangene Drogeriekette ihren Gläubigern schuldet: 660 Millionen Euro sind es insgesamt. Ob Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz die gesamte Summe je zusammenbekommen wird, ist fraglich, auch wenn ihm die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nun dabei geholfen haben könnte. 160 Ermittler haben auf Geheiß der Anklagebehörde 18 Wohnungen und vier Geschäftsräume durchsucht, die alle zum Schlecker-Umfeld gehören. Grund für die Razzien ist Verdacht auf Untreue, Insolvenzverschleppung und des betrügerischen Bankrotts. Die Vorwürfe richten sich gegen 14 Personen. Eine davon ist Anton Schlecker, gegen den die Staatsanwaltschaft allerdings nicht wegen Insolvenzverschleppung ermittelt. Das Verfahren bedeutet noch lange nicht, dass die Betroffenen sich etwas zuschulden kommen lassen haben. Die Fahnder gehen allein von einem Anfangsverdacht aus. Nicht mehr und nicht weniger.

Und mittendrin steht die Ansage der Geschwister Schlecker, sie kooperierten "genauso wie unser Vater selbstverständlich offen und transparent mit dem Insolvenzverwalter". Das bedeute, dass Übertragungen "insbesondere in den letzten vier, aber auch in den letzten zehn Jahren" diskutiert und "gegebenenfalls auch rückübervergütet" würden, erklärten sie zu Geldtransaktionen rund um das Firmenimperium.

Mitte Juni hatten Medien darüber berichtet, dass Schlecker Senior Firmen- und Familieneigentum seiner Frau Christa und seinen Kindern Lars und Meike überschrieben haben soll. Im Raum steht der Verdacht, möglichen Gläubigerforderungen aus dem Weg geräumt zu haben. Die "Bild-Zeitung" berichtete damals, dass der 67-Jährige im September 2011, also vier Monate vor der Insolvenz, seinen Kindern ein 14.000 Quadratmeter großes Firmengrundstück geschenkt habe. Zu diesem Zeitpunkt sei aber zumindest intern klar gewesen, dass die Drogeriekette erhebliche Probleme hatte. Laut Insolvenzverwalter Geiwitz soll sie 2011 Verluste in Höhe von 200 Millionen Euro gemacht haben.

Wieviel Geld haben die Schleckers noch?

Eine weitere familieninterne Schenkung soll laut "Bild"-Zeitung, die die entsprechenden Verträge zum Teil abdruckte, schon 2008 eingefädelt worden sein. Schleckers Ehefrau Christa soll in diesem Jahr mit einer "ehebedingten Zuwendung" bedacht worden sein und das Familienanwesen in Ehingen übertragen bekommen haben. Die 13.000-Quadratmeter-Immobilie ist ein paar Millionen Euro wert. Die Zahl von 40 Millionen Euro Vermögen, über die die Familie verfüge, dementierte der Insolvenzverwalter stets. Geiwitz selbst hatte auf rund sieben bis neun Millionen Euro gehofft, die die Schleckers zur Schuldenbegleichung beitragen könnten.

Laut Stuttgarter Staatsanwaltschaft kann Anton Schlecker als Einzelperson in der von ihm gewählten Rechtsform eingetragener Kaufmann (e.K.) nicht wegen einer Insolvenzverschleppung belangt werden. Das gelte aber nicht für die Töchter Ihr Platz und die Schlecker XL. Außerdem bekämen bei Anton Schlecker - sollte er sich tatsächlich schuldig gemacht haben – die Straftatbestände Bankrott, Untreue oder Betrug in Betracht, die mit der Verschleppung eines Insolvenzverfahrens zusammenhingen. All diese drei Tatbestände können laut Gesetz mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Beim Anwalt der Familie Schlecker war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Ein Sprecher von Geiwitz sagte zu der Razzia: "Wir wurden vorab informiert und unterstützen die Ermittlungen." Der Berliner Insolvenzexperte Paulus Christoph warnt vor voreiligen Schlüssen. "Ich halte Anton Schlecker für einen alten Patriarchen, der den Bodenkontakt verloren hat. Ich sehe nichts Betrügerisches sondern wirtschaftliche Dummheit", sagt der Jurist.

Hoffen können die Gläubiger. Die Ermittlungen richten sich erst einmal gegen Personen, nicht gegen ihre Besitztümer. Trotzdem können die früheren Geldgeber des Unternehmens ein weniger zuversichtlicher sein. Durch das Ermittlungsverfahren werde es einfacher, Vermögensübertragungen - wie die Weitergabe von Geld oder Grundstücken an Verwandte - anzufechten und rückgängig zu machen, betont Michael Bretz von der Wirtschaftsauskunftdatei Creditreform. Das Verfahren hilft also den Gläubigern, ihre Ansprüche durchzusetzen, denn es erleichtert das Vorgehen.

Schlecker-Kinder als Schlecker-Dienstleister

Schlecker hatte Ende Januar Insolvenz angemeldet. Ende Juni schlossen deutschlandweit die letzten Filialen. Nach der Pleite wurden wiederholt Vorwürfe laut, vor Anmeldung der Insolvenz seien Vermögenswerte beiseitegeschafft worden. Diese Vorwürfe hatte die Familie stets zurückgewiesen.

"Ermittlungen eine Frage der Gerechtigkeit"

Auch ein anderes Geschäftskonstrukt könnte nun ins Visier der Ermittler geraten. So hatten Lars und Meike Schlecker über ihre Leiharbeitsagentur zuvor entlassene Angestellte an Schlecker zurückvermittelt (zu deutliche schlechteren Konditionen) sowie über die Logistikfirma LDG die beiden größten Lager der Drogeriekette betrieben.

Laut des "Handelsblatts" , sollen beide Unternehmen Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe abgeworfen haben. Dieses Geld liege außerhalb der Reichweite des Insolvenzverwalters. Sollte es sich bei dieser Konstruktion um eine Vermögensverschiebung handeln, könnte sie, wie auch bei den möglicherweise übertragenden Immobilien, rückgängig gemacht werden. Verdi-Gewerkschafter Bernhard Franke sagt: "Für die Schleckerfrauen sind die Ermittlungen eine Frage der Gerechtigkeit."

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