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So funktionierte die Wette auf den Tod

Der mutmaßliche BVB-Attentäter soll vor dem Bombenanschlag eine hohe Geldsumme darauf gewettet haben, dass die BVB-Aktie in den Keller geht. Wie funktioniert das Geschäft mit fallenden Kursen?

Kein islamistischer Hintergrund, kein rechts- oder linksradikales Motiv, sondern schnöde Geldgier soll der Antrieb des mutmaßlichen BVB-Attentäters gewesen sein. Der 28-jährige Deutschrusse Sergej W., den die Spezialeinheit GSG 9 am Freitagmorgen festnahm, hat nach Erkenntnissen der Ermittler eine hohe Summe auf einen fallenden Aktienkurs von gewettet. Anschließend versuchte er, mit drei Bomben möglichst viele Teammitglieder zu töten oder zu verletzen.

Was sich anhört, wie ein finsterer Plot aus dem "Tatort", hätte tatsächlich funktionieren können. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft hatte W. Verbraucherkredite in Höhe von mehreren Zehntausend Euro aufgenommen, um gegen die BVB-Aktie zu wetten. Der Gewinn hätte Ermittlern zufolge "ein Vielfaches des Einsatzes" betragen, berichtet AFP. NRW-Innenminister Ralf Jäger erklärte, der Täter habe nach jetzigem Kenntnisstand 79.000 Euro investiert, um Aktienoptionsscheine zu kaufen. Über die Höhe des möglichen Gewinns gibt es noch keine offiziellen Angaben. Die "Bild" sprach am Morgen von einer Summe bis zu 3,9 Millionen Euro. Der Spiegel berichtet von einem möglichen Gewinn von rund 200.000 Euro. 

Fest steht: Je tiefer die BVB-Aktie gefallen wäre, desto höher wäre der Gewinn des mutmaßlichen Attentäters ausgefallen. Denn das Mittel für den perfiden Plan waren sogenannte Put-Optionsscheine. Mehrere dieser Derivate kaufte W. am Tag des Anschlags online bei der "Comdirect", der Direktbank der Commerzbank. Die Transaktion tätigte er vom Teamhotel des BVB aus, in dem er sich selbst eingemietet hatte, um von dort die Bomben zu zünden.

Wie funktioniert eine Put-Option?

Die Put-Option oder Verkaufsoption bezeichnet das Recht, eine Aktie zu einem späteren Zeitpunkt zu einem festgelegten Preis zu verkaufen - ganz egal, wie der Preis sich in der Zwischenzeit tatsächlich entwickelt hat. Es handelt sich dabei um eine Wette auf einen fallenden Preis. Je stärker die Aktie nach dem Abschluss des Optionsgeschäfts fällt, desto günstiger kann der Optionsscheinbesitzer sie an der Börse kaufen, um sie direkt zu dem durch seine Put-Option festgelegten, höheren Preis wieder zu verkaufen.

Da der auf den BVB-Bus nicht die verheerende Wirkung entfaltete, die sich der Attentäter erhofft hatte, ging der perfide Plan aber nicht auf. Vor dem Anschlag war die BVB-Aktie 5,61 Euro wert. Am folgenden Tag sank der Kurs lediglich leicht auf 5,50 Euro und stieg bis zum Abend sogar wieder auf 5,71 Euro.

Warum kann man auf fallende Kurse wetten?

Warum gibt es überhaupt die Möglichkeit, auf fallende Kurse zu wetten, und sich damit am Verlust anderer zu bereichern? Dafür gibt es ursprünglich ganz bodenständige wirtschaftliche Gründe. Denn eigentlich ist die Put-Option ein typisches Absicherungsgeschäft. So kann sich etwa ein Bauer damit gegen den Preisverfall beim Getreide oder anderen Waren absichern, die starken saisonalen Schwankungen unterworfen sind. Mit Hilfe der Verkaufsoptionen kann er bereits Monate vor der Ernte für einen Teil seiner Waren einen bestimmten Verkaufspreis festlegen. Das kostet ihn eine Gebühr, erhöht aber die Planungssicherheit.

Im Zeitalter des entfesselten Finanzkapitalismus ist der Handel mit Optionen aber häufig zu einem reinen Wettgeschäft ohne realwirtschaftlichen Hintergrund geworden - und private Kleinanleger wie der BVB-Attentäter können munter mitzocken.

Eine weitere Möglichkeit auf fallende Aktienkurse zu wetten, ist der sogenannte Leerverkauf. Dabei verkauft der eine Teilnehmer des Handels dem anderen Aktien oder andere Wertpapiere, die sich zum Zeitpunkt des Deals noch gar nicht in seinem Besitz befinden. Er verpflichtet sich zugleich, diese Aktien bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu besorgen. Fällt der Aktienkurs nach dem Leerverkauf, hat der Verkäufer ein gutes Geschäft gemacht, denn er kann die geforderten Aktien nun günstiger einkaufen. Spekulative Leerverkäufe sind in der EU seit einigen Jahren verboten.

Auf die Spur des mutmaßlichen Attentäters kamen die Ermittler nach Hinweisen aus dem Finanzsektor sowie durch die Geldwäscheanzeige der . Der Kauf der Optionsscheine war Bankmitarbeitern wegen der ungewöhnlich hohen Summe verdächtig vorgekommen.

Hinweis: Zuletzt aktualisiert um 15:25 Uhr

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