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Charakterfehler - darum können arme Kinder nicht aufsteigen

Durchhaltevermögen, Neugier und Fleiß bedingen den sozialen Aufstieg. Doch in modernen Gesellschaften bilden sich Milieus, die ihren Kindern die notwendigen Eigenschaften immer weniger vermitteln können. Wie kann die Gesellschaft helfen?

Disziplin und Selbstbeherrschung sind schon in der Schule wichtig.

Disziplin und Selbstbeherrschung sind schon in der Schule wichtig.

Woher kommt Erfolg? Wie klettert man die sozialen Leiter hinauf? Meist wird für den Aufstieg die Intelligenz verantwortlich gemacht – darunter wird ein Bündel kognitiver Fähigkeiten verstanden. Aber ebenso wichtig sind andere Eigenschaften, die man bedeutende Charaktereigenschaften nennen kann. Hierzu zählen nicht softe Eigenschaften – wie Charme oder Spontanität – die sicher auch einen Einfluss haben. Sondern Dinge, die man auch in einem Test messen kann wie Ausdauer, , Neugier, Selbstbeherrschung, Zukunftsorientierung, Selbstdisziplin, Impulssteuerung und Verzögerung der Befriedigung. 

Thomas B. Edsall hat in der "New York Times" (What Does It Take to Climb Up the Ladder?) zusammengetragen, was die Eigenschaften ausmachen, wo sie anzutreffen sind und ein bitteres Resümee für die Gegenwart gezogen. Seine Bemerkungen beziehen sich auf die USA, doch viele Faktoren treffen ebenso auf Deutschland zu.

Charakterschwächen machen Erfolg unmöglich

Vor dem Hintergrund zunehmender echter oder auch nur attestierter ADHS-Kinder ist ein Befund besonders erschreckend. Wenn schon in jungen Jahren als unruhig und ungeduldig eingestuft werden, haben sie eine 55 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Entsprechend liegt ihr Einkommen 13 Prozent unter dem Durchschnitt. Wenig überraschend steigen Eigenschaften wie Beharrlichkeit und Selbst-Kontrolle mit dem Einkommen der Familien an. Die Unterschiede nur in Abhängigkeit vom Einkommen sind deutlich, aber noch nicht erschreckend. Ganz anders sieht es aus, sobald der Bildungsgrad der Mutter betrachtet wird. Die Werte für die Charakterstärke der Kinder fallen bei einem Uni-Abschluss der Mutter in etwa um den Faktor drei besser aus, als wenn die Mutter gar keinen Schulabschluss besitzt. 

Fast genauso wichtig für den Charakter der Kinder, ist der Familienstand der Mutter. Kinder, die mit der durchgehenden Beziehung aufwachsen, performen in einer Untersuchung der angesehen Brookings Institution mehr als doppelt so gut, wie Kinder einer durchgängig alleinerziehenden Mutter. 

Turbo-Spiralen führen nach oben und nach unten

Damit nicht genug: Diese Faktoren sind nicht voneinander unabhängig. Im wirklichen Leben verstärken sie sich gegenseitig. Gebildete Frauen haben ein höheres, eigenes Einkommen, sie bekommen sehr viel später Kinder, dann meist auch nicht so viele, binden sich dafür aber fest an einen Partner, der wiederum gebildeter und vermögender ist. Dieser Positiv-Spirale entspricht eine negative Spirale der benachteiligten Mütter mit fatalen Folgen für die Kinder.  Das beginnt schon in frühen Jahren. Diese Mütter lesen ihren Kindern weniger vor, sprechen sogar deutlich weniger mit ihnen, beschäftigen sich weniger mit den Schularbeiten. Bei jugendlichen Müttern kommt häufiger Alkoholkonsum noch hinzu.

Die Familie wird durch Trümmer ersetzt

Edsall , der Familienexperte der "New York Times", ist tief besorgt. Gut gemeinte Staatsprogramme hätten in den USA nicht verhindern können, dass die grundlegenden Familienstrukturen eines Teils der Bevölkerung immer dysfunktionaler würde. Genau genommen wisse auch niemand, wie man diese Probleme in den Griff bekommen könne.

Befeuert wird die traurige Entwicklung von einem Großtrend, der ursprünglich als Befreiung angesehen wurde. Seit den Fünfziger-Jahren bröckelt der einst zwingende Zusammenhang von fester Partnerschaft, Ehe und Kindern. "Diese veränderten Familienstrukturen bringen offenkundig Millionen von nachwachsenden Frauen und Männern hervor, die denkbar schlecht ausgerüstet sind, die soziale Leiter zu erklimmen", klagt Thomas B. Edsall. Bei den meisten Fällen leben die Frauen eben nicht in einem faszinierenden Netzwerk von Partnern, Ex-Partnern und besten Freundinnen, sondern sind im Elend auf sich gestellt: Favela statt Patchwork.

Wichtiges Wahlkampfthema 

In den steckt hinter der Familienpolitik ein gewaltiges politisches Problem. Für die Erosion funktionaler Familienstrukturen ist an sich keine Partei verantwortlich, doch die Demokraten haben es sich traditionell zur Aufgabe gemacht, dieses gesellschaftliche Problem zu lösen. Doch alle sozialen Programme haben den Abstieg ganzer Viertel und Gemeinschaften nicht aufhalten können. Schon im Wahlkampf 2016 hat Donald Trump die Demokraten wegen der Verelendung der Innenstädte massiv angegriffen. Auf jeder Wahlveranstaltung sagte Trump, dass die Demokraten die Innenstädte seit Jahrzehnten geführt hätten und nichts als "Armut, schreckliche Schulen und zerbrochene Familien" zustande gebracht hätten. Edsall fürchtet, dass diese Attacken weiter gehen werden, wenn keine wirksamen Methoden gefunden werden.

Ansatzpunkt müssen Mädchen und jungen Frauen sein

Die Ghettoisierung ganzer Innenstädte wie in den USA gibt es in Deutschland nicht, aber doch Viertel und Straßenzüge, die vom Leistungs- und Bildungsgedanken weitgehend abgekoppelt sind. Folgt man den Gedanken des Experten der "" kann es eigentlich nur einen Schlüssel geben, um dieses Elend aufzubrechen. Entscheidender Ansatzpunkte können nur Bildung und ein selbstbestimmtes Leben junger Frauen sein, denn sie sind der Schlüssel für die erfolgreiche Entwicklung der nächsten Generation.

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