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Chinas Wirtschaft braucht Reformen - davon profitiert die ganze Welt

Chinas Ökonomie muss sich dringend modernisieren, davon profitieren auch die USA und Europa. Doch die enorme Wirtschaftskraft wird sich im Reich der Mitte künftig abschwächen. Nun sind die Industriestaaten gefragt.

Von Adriano B. Lucatelli

  Chinas Wirtschaft braucht Modernisierung - dennoch wird das Reich der Mitte nicht mehr so rasant wachsen können wie bisher. 

Chinas Wirtschaft braucht Modernisierung - dennoch wird das Reich der Mitte nicht mehr so rasant wachsen können wie bisher. 

Der Entscheid der US-Notenbank (17. September 2015), den Leitzins auf seinem Rekordtief zu belassen, wurde an den Finanzmärkten mehrheitlich negativ aufgenommen: Das Stillhalten sorgte für heftige Kursbewegungen an den Finanzmärkten. Und die Anleger scheinen seither im Dunkeln zu tappen: Wohin geht die Reise? Wie soll man diese enormen Schwankungen interpretieren? Zumindest die Antwort auf die letztere Frage ist einfach: Wir wurden von der Vergangenheit eingeholt.

Nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 machte sich der damalige Fed-Chef Ben Bernanke für ein energisches Einschreiten der globalen Währungshüter stark. Die Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise (im Gefolge des New Yorker Börsenkrachs von 1929) sprachen seiner Meinung nach für ein "quantitative easing" (QE), also für eine massive monetäre Lockerung.

Im Gefolge des Börsenkrachs hätten die Zentralbanken nämlich damals falsch auf die Krise reagiert. Statt die Geldmenge auszuweiten, hätten sie eine Kreditklemme infolge von Schuldendeflation verursacht. Es galt also, unter allen Umständen eine Wiederholung der Ereignisse zu verhindern.

Aktien statt Anleihen kaufen

Die Grundidee des QE bestand darin, die Anleger zum Erwerb risikoreicherer Papiere,  vornehmlich Aktien, zu bewegen. Dies wurde dadurch erreicht, dass die Notenbanken aggressiv Anleihen aufkauften, die sich zuvor in Privatbesitz befunden hatten. Das Manöver gelang zumindest insofern, als die Aktienmärkte künstlich hochgetrieben wurden: Der Dax legte vom Tiefpunkt am 9. März 2009 bis heute um rund 170% zu. Die Politik des QE führte sogar dazu, dass man am freien Markt bald keine neuaufgelegten Anleihen mehr kaufen konnte.

Dass die Investoren infolge der Verfügbarkeit billigen Geldes nicht nur Aktientitel erwarben, sondern auch Investitionen in Immobilien, teure Bordeaux-Weine oder Kunstwerke tätigten, nahm man bewusst in Kauf.

Keine Erholung der Wirtschaft

Doch trotz des Börsenhochs mahnten die konjunkturellen Zahlen zur Vorsicht; die erhoffte starke Erholung der Wirtschaft blieb nämlich vorerst aus. Die Überlegung, wonach in Zukunft die konjunkturelle Erholung die hohen aktuellen Börsenkurse rechtfertigen würde – und deshalb künftige Anlageentscheide wieder aufgrund fundamentaler Konjunktur- oder Unternehmensdaten gefällt werden würden – hat sich nur zum Teil als richtig erwiesen.

Stehen wir also vor einer „secular stagnation”, wie Larry Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, an einer IMF-Tagung 2013 sagte? Befinden wir uns am Beginn einer Ära, wo eher gespart als investiert wird?

Märkte ohne Realität

Befürworter dieser These behaupten, dass die Märkte heute jeden Bezug zur wirtschaftlichen Realität verloren haben. Es seien, insbesondere in Europa, strukturelle Verbesserungen ausgeblieben, die es den Industriestaaten erlaubt hätten, rascher zu wachsen und sich so aus der Krisenzone zu bewegen. Träfe Letzteres zu, würde dies dafür sprechen, dass die Börsenmärkte wieder Federn lassen müssen.

Eine gegenteilige Meinung vertreten die Börsenbullen. Sie finden, die Lage sei nicht so schlecht, wie sie aussehe. Die Erholung komme zwar nur zögerlich voran, doch befänden sich die wichtigsten Wirtschaftsblöcke – nämlich die USA und Europa – auf dem Weg der Besserung. Die Notierungen an den westlichen Börsen seien gerechtfertigt. Weitere einschneidende Korrekturen an den Aktienmärkten dürften somit ausbleiben.

Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Der Weltwirtschaft geht es zwar zweifellos besser, als oft moniert wird, aber das globale Gleichgewicht hat sich noch nicht eingestellt. Das heißt, dass während dieser immer noch anhaltenden Übergangsphase die Märkte bisweilen etwas nervös reagieren und zu großer Volatilität neigen dürften.

Reich der Mitte ist der Schlüssel

Was braucht es, damit diese Ungewissheit verschwindet? Der Schlüssel liegt beim Reich der Mitte. Das enorme Wachstum Chinas war bisher vor allem staatlichen Investitionen und einer hohen Exportrate zu verdanken. Diese haben aber viel von ihrer Kraft als Wirtschaftstreiber eingebüßt, und die Ökonomie muss sich jetzt und in Zukunft vermehrt auf Modernisierung ausrichten. Ein industriebasiertes Wachstumsmodell, das ausschließlich auf (staatliche) Investitionen und Exporte fokussiert, ist schlichtweg nicht nachhaltig. Deshalb muss nun auch die Regierung mithelfen, die Wirtschaft vermehrt auf den privaten Konsum auszurichten.

Industriestaaten nicht abwürgen

Dieser Wandel ist nicht einfach zu bewerkstelligen, denn Chinas Wirtschaftskraft wird sich im Laufe dieser Adaptierung zwangsläufig abschwächen. Dennoch ist die Neuausrichtung dringend notwendig, damit ein Kollaps, wie ihn die südostasiatischen Länder 1997 erlebt haben, verhindert werden kann. Während dieser kommenden Phase werden die Industrieländer in die Bresche springen und als Wirtschaftslokomotiven fungieren müssen. Deshalb darf nun der Wachstumsmotor in den westlichen Industrieländern keinesfalls abgewürgt werden. Gelingt es, diesen auf Touren zu halten, so dürfte die Anpassung ohne größeren Schaden über die Bühne gehen – womit eine schmerzhafte Korrektur abgewendet würde.


Dr. Adriano B. Lucatelli ist Schweizer Vermögensverwalter und Dozent an der Universität Zürich. Sie können dem Autor auf Twitter folgen.

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