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Ein Jahr neue Fahrgastrechte

Wenn der Anschlusszug davonfährt, ist das für den Bahnreisenden meist ein großes Ärgernis. Bei großen Verspätungen im Fernverkehr haben Bahnreisende inzwischen aber einen Anspruch auf Entschädigung.

Seit einem Jahr gilt die neue "Kundencharta" der Deutschen Bahn, die Passagieren nicht nur Kulanz, sondern ein einklagbares Recht einräumt: Kommen ICE oder Intercity mehr als eine Stunde zu spät ans Ziel, gibt es 20 Prozent des Ticketpreises als Gutschein zurück. Die Regeln hätten sich bewährt, bilanziert der bundeseigene Konzern. Fahrgastvertreter pochen jedoch auf mehr Kundenrechte per Gesetz.

700 Gutscheine pro Tag

Rund 700 Gutscheinkarten werden im Schnitt pro Tag ausgegeben, seit die Kundencharta am 1. Oktober vergangenen Jahres in Kraft trat. Rechnerisch entspricht das einem gut besetzten ICE - bei insgesamt mehr als 1300 Fernzügen mit 320.000 Kunden täglich. Die Handhabung der Entschädigungsregeln habe sich eingespielt, sagt ein Bahnsprecher. Auffällig viele Kundenbeschwerden darüber gebe es nicht. Die Erstattung von 20 Prozent soll denn auch weiterhin gelten. Sie berücksichtige den zuvor gezahlten Preis besser als Pauschalen.

Fahrgastvertreter sehen sich dagegen in ihren Bedenken bestätigt. "Die Charta kann eine gesetzliche Regelung nicht ersetzen", sagt Heidi Tischmann, Bahnexpertin des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Auf Kulanz hätten Fahrgäste schon früher Gutscheine bekommen, wenn ein ICE nur eine halbe Stunde Verspätung hatte. Zudem gilt die Entschädigung weiter allein im Fernverkehr und nicht für Regionalzüge, die mit 3,1 Millionen Fahrgästen am Tag weit mehr Kunden befördern. Die Bahn hält dagegen, dass ihr für extreme Unpünktlichkeit im Nahverkehr schon von den Ländern Geld abgezogen wird, die das Zugangebot bestellen.

Regionalverkehr nicht berücksichtigt

"Die Kundencharta war ein erster zaghafter Schritt", sagt auch Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Mit 20 Prozent liege die Erstattung im internationalen Vergleich jedoch "eher an der unteren Grenze." Und dass sich die Bahn in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen nun selbst auf einen Kundenanspruch verpflichtet, nutze Reisenden in den Zügen privater Konkurrenten wie Connex nichts. Die Politik sei daher mit einer Gesetzesänderung am Zuge, die alle Anbieter betrifft.

Tatsächlich gilt die auf das Jahr 1938 zurückgehende Eisenbahn-Verkehrsordnung nach wie vor. Sie legt fest, dass bei "Verspätung und Ausfall eines Zuges" kein allgemeiner Entschädigungsanspruch besteht. Doch eine Debatte darüber ist schon seit einiger Zeit entbrannt. Den jüngsten Vorstoß unternahm im November 2004 die damalige rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Nach ihrem Gesetzentwurf sollen Bahnen im Fernverkehr nicht länger von Haftung verschont sein. Im Nahverkehr sollen von 20 Minuten Verspätung an Ansprüche gelten. Die Bahn warnt dagegen vor Kosten in Millionenhöhe, die am Ende auch Fahrscheine teurer machen könnten.

Auch EU berät über Verspätungsrichtlinie

Druck kommt auch aus Straßburg. Das Europäische Parlament beriet gerade über eine Richtlinie, die bei Verspätungen von mehr als drei Stunden maximal 75 Prozent Erstattung vorsieht - auf Wunsch in bar. Doch noch ist es nicht so weit. Schon jetzt können sich Kunden aller Verkehrsmittel bei Reiseärger an eine Schlichtungsstelle beim VCD wenden, wenn sie nach einer Beschwerde noch unzufrieden sind. Rund 1300 Anfragen gingen seit dem Start der Stelle im Dezember ein, wie VCD-Expertin Tischmann sagt. Inzwischen gehe es dabei in fast ebenso vielen Fällen um Fluggesellschaften wie die Bahn.

Dass es auf dem 34.000 Kilometer langen Gleisnetz immer wieder zu Störungen kommen kann, räumen auch Kritiker ein. Im vergangenen Jahr hatte die Bahn die Probleme allerdings besser in den Griff bekommen. Im gesamten Personenverkehr von der S-Bahn bis zum ICE waren 93 Prozent der Züge planmäßig oder maximal fünf Minuten zu spät - die Fernzüge verbesserten sich auf gut 85 Prozent. Nachdem Unwetter und Baustellen die Bilanz im Sommer trübten, setze sich der positive Trend von 2004 insgesamt fort. Angespornt sieht sich auch Bahnchef Hartmut Mehdorn, der für die Entschädigungen einen Millionenbetrag zur Seite legen muss. "Aber je pünktlicher wir sind, desto weniger."

Sascha Meyer/DPA/DPA

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