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Goodbye, Ausland

Sie suchten ihr Glück in Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal - nun treibt die Eurokrise viele Deutsche zurück. Auswanderer berichten von ihrer Flucht in die Heimat.

Von Fiona Weber-Steinhaus

  Zurück in die Zukunft: Annika Schultz, hier mit ihren beiden Söhnen, kam nach zehn Jahren in Athen 2012 zurück nach Hamburg

Zurück in die Zukunft: Annika Schultz, hier mit ihren beiden Söhnen, kam nach zehn Jahren in Athen 2012 zurück nach Hamburg

  • Nina Weber

Als Athen brannte, begann Annika Schultz zu zweifeln. Polizisten mit Schutzschild blockierten die Bürgersteige, Molotowcocktails flogen durch die Luft. Mittendrin kauerte Schultz in ihrer Schmuckfiliale und presste sich ein feuchtes Handtuch auf den Mund. Sie war damals im sechsten Monat schwanger. Der Auslöser der Unruhen: Bei einer Demonstration wurde im Dezember 2008 ein 15-Jähriger von einem Polizisten erschossen. Das war der Moment, in dem Schultz das erste Mal überlegte, nach Deutschland zurückzukehren.

Die Eurokrise hat Annika Schultz' Zukunftspläne ausradiert. Zehn Jahre lang war Athen ihr Zuhause. Gemeinsam mit ihrem griechischen Ehemann Yannis hatte sie eine Wohnung gekauft, hatte geplant, dort zu bleiben – 2012 mussten sie das Land endgültig verlassen. Die marode Wirtschaft und der Sparkurs der Regierung zwingen sie, ihre Heimat aufzugeben.

Zurück in Hamburg fühlt sich die 33-Jährige, als hätte jemand die Stopp-Taste in ihrem Leben gedrückt. Die letzten zehn Jahre stapeln sich auf Paletten in einem Lagerhaus. Schultz schläft im Kinderzimmer bei ihren Eltern – gemeinsam mit ihren Söhnen, dem dreijährigen Lukas und dem sieben Monate alten Lukas. Ihr Mann wird in zwei Wochen aus Athen nachkommen. So sehr sie sich freut, wieder hier zu sein – dieses Ausharren macht ihr zu schaffen, sagt sie. Abends, wenn alle schlafen, umgibt sie eine lähmende Stille, kein Ton von draußen. Dann vermisst sie Athen, den Trubel aus ihrem ehemaligen Viertel nahe der Akropolis.

Die Zahl der Rückkehrer steigt

Annika Schultz ist nicht die Einzige, die aus dem EU-Ausland nach Deutschland zurückkehrt. Fast 160.000 Deutsche kamen 2010 zurück – ein Viertel mehr als im Vorjahr. Entgegen des Klischees zogen die meisten nicht wie in der Doku-Soap "Goodbye Deutschland" gen Sonne, um ohne Business-Plan Würstchen am Ballermann zu grillen. Sie gingen, weil sie die deutsche Bürokratie nicht mehr ertragen wollten, oder weil sie sich, wie Annika Schultz, in einen anderen Europäer verliebten. Jetzt kommen sie zurück. Das Raphaels-Werk, die Auslandsberatungsstelle der Caritas, hat 2011 doppelt so viele rückkehrwillige Deutsche beraten wie im Jahr zuvor. Tendenz: steigend.

Doch Zahlen und Statistiken geben nicht wieder, wie es sich anfühlt, unfreiwillig seine Koffer zu packen und seine Freunde zurückzulassen. Der Traum vom Ausland – geplatzt. "Ich hätte mir gut vorstellen können, in Lissabon alt zu werden. Jetzt muss ich weiterziehen", sagt André Bischoff. Noch zwei Monate, dann wird der Devisenmakler Portugal verlassen. Er sieht keine Zukunft in dem Land, das mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 39 Prozent kämpft, dessen Steuern in die Höhe schnellen und wo den Menschen das Geld zum Leben fehlt. "Alles wird teurer", sagt der 48-Jährige, "lange kann auch ich mir das nicht mehr leisten."

Bischoff verdient für portugiesische Verhältnisse gut. Doch sparen oder eine private Altersvorsorge anlegen sei für ihn nicht möglich. Vor fünf Jahren zog er aus dem rheinländischen Hennef nach Lissabon. Er lebte den Traum vieler Deutscher: Damals, im Herbst 2007, zeigte eine Umfrage des Allensbach-Instituts, dass jeder Fünfte gerne auswandern würde. Bischoff kam mit großen Hoffnungen, mit dem Wunsch, nach seiner Scheidung noch einmal neu zu beginnen. Geld spielte für Bischoff beim Auswandern keine große Rolle. Es sei die Lebensqualität: dass er mit dem Motorrad nach Cascais an den Atlantik fahren, am Wochenende mit seiner Freundin am Strand schlendern, mittags im Café in der Sonne Galao trinken kann – das sei nicht mit Gehalt aufzuwiegen. Was ihm am schwersten fällt: Seine Freundin möchte auf keinen Fall nach Deutschland. Vor vier Jahren hat er die Deutsche kennengelernt. Doch inzwischen ist klar: Im April zieht Bischoff zurück, eine Fernbeziehung scheint unausweichlich.

"Man landet schnell auf der Straße"

Während die Liebe André Bischoffs Rückkehr erschwert, führte sie die Filialleiterin Annika Schultz damals nach Griechenland. An den Hamburger Landungsbrücken ankerte im Jahr 2000 ein griechisches Marineschiff. Schultz verliebte sich in den Offizier Yannis, 1,90 Meter groß, strahlendweiße Uniform. Ein Jahr später wanderte sie nach Athen aus. 2007 heirateten die beiden. Damals, erinnert sie sich, war die Stimmung ausgelassen: "Als seien die Griechen zu Geld gekommen! Alle bezahlten mit Kreditkarten, kauften sich Autos, gingen feiern."

Bereits ein Jahr später, 2008, sickerte die Krise in ihren Alltag. Ihrem Mann Yannis – einem verbeamteten Marine-Offizier – fiel das früher übliche 13. und 14. Gehalt weg, sein Grundeinkommen wurde gekürzt. Immer mehr Freunde und Bekannte verloren ihren Job. Mittlerweile ist jeder vierte Grieche arbeitslos, bei den unter 24-Jährigen sucht mehr als jeder Zweite nach einer Stelle. Staatliche Unterstützung erhält man nur für ein Jahr. Dabei ist das Leben in Athen teuer. Ein Kaffee kostet 4,50 Euro – fast doppelt so viel wie in Deutschland. "Man landet schnell auf der Straße. Davor hatte ich Angst – auch wenn der Job meines Mannes sicher war", sagt Annika Schultz.

Sie ertappte sich dabei, wie sie ihren Mann überzeugen wollte, dass Deutschland eine bessere Zukunft für ihre Kinder böte. Der zögerte zunächst. "Er hatte das Gefühl, sein Land im Stich zu lassen", sagt sie. Schultz recherchierte im Internet, was man bei einer Rückkehr beachten muss, wie und wann sie Lohnsteuerkarte und Kindergeld beantragen sollte. Im Internet fand sie die E-Mail-Adresse des Raphaels-Werks.

Zurück in die deutsche Bürokratie

Das kleine Büro der Auslandsberatung kondensiert die Stimmung des Auswanderns: Weltkarten hängen an der Wand, auf der Fensterbank blühen Topfpflanzen, heißer Kaffee aus Kroatien dampft in Cornelia Banischs Tontasse. Hier berät die Mitarbeiterin des Raphaels-Werks deutsche Rückkehrer. In ihrem Postfach sammeln sich Mails von Leuten, die kein Geld mehr für den Rückflug aufbringen können, die ihren gesamten Besitz in zwei Plastiktüten verstauen können. Im Vergleich zu anderen Rückkehrern geht es Annika Schultz und André Bischoff sehr gut.

Die Rückkehr erscheint vielen wie der Inbegriff der deutschen Bürokratie. Ein Wust von Anträgen, die E 301, E 401 und PDU 1 heißen. "Viele Rückkehrer waren seit Jahrzehnten nicht mehr hier. Die wissen gar nicht, was sie beachten müssen", sagt Cornelia Banisch. Deshalb gelte: "Je früher man sich meldet, desto besser. Dann können wir mehr tun", sagt sie.

Bei Annika Schultz hat eigentlich alles geklappt. Sie leitet inzwischen eine Schmuckfiliale in Travemünde. Um 6.30 Uhr steht sie auf, vier Stunden pendeln, um 21 Uhr kommt sie nach Hause. Abends durchforstet sie verzweifelt die Wohnungsannoncen. Ihr Ehemann kümmert sich um die zwei Jungs, bewirbt sich und lernt Deutsch. Annika Schultz fühlt sich ausgelaugt: "Lange halte ich das nicht mehr durch ", sagt sie. Ihr größter Wunsch: endlich richtig in Deutschland ankommen.

Das wünscht sich auch der Devisenmakler André Bischoff. In Lissabon bleiben, der Krise trotzen? Für ihn keine Option. "Jetzt kann ich mich noch für einen Job entscheiden. In zehn Jahren ist das auch in Deutschland nicht mehr so", sagt er. Es klingt, als müsse er sich von seiner Rückkehr selbst überzeugen.

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