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Der Motor brummt - noch

Den globalen Krisen zum Trotz: Der deutsche Arbeitsmarkt boomt, die Konzerngewinne steigen. Wie lange noch? Die Experten sind uneins. Die Risiken steigen.

  Containerverladung in Dresden: Dank Asien ist der Welthandel in Schwung - wie lange noch?

Containerverladung in Dresden: Dank Asien ist der Welthandel in Schwung - wie lange noch?

Ein Euroland nach dem anderen rutscht in die Krise, die Bürger suchen Zuflucht in Gold und Franken, die USA stehen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Und was macht die deutsche Wirtschaft? Sie läuft, läuft und läuft - noch. Diverse Konzerne aus dem Dax legten am Donnerstag vielversprechende Quartalszahlen vor, und auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist trotz eines leichten Anstiegs der Arbeitslosenzahlen im Juli ein Ende des langfristigen Aufschwungs nicht in Sicht. Die Börse gab dennoch nach, der Dax verlor deutlich - am Konjunkturhorizont ziehen Wolken auf. Wie düster sie sind, darüber gehen die Expertenmeinungen allerdings auseinander.

VW verkaufte in der ersten Jahreshälfte weltweit über vier Millionen Fahrzeuge, 14,3 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum. Das brachte 6,5 Milliarden Euro Gewinn (nach nur 1,9 Milliarden im Vergleichszeitraum). Die Entwicklung dürfte im zweiten Halbjahr aber nicht mehr ganz so stark ausfallen. Grund genug für die Börse, die Aktie auf Talfahrt zu schicken. MAN konnte seinen Gewinn im zweiten Quartal fast verdoppeln. Der Umsatz stieg deutlich. Der Nutzfahrzeug- und Maschinenbauer, in der Regel ein guter Konjunkturindikator, blickt jetzt sogar noch optimistischer auf das Gesamtjahr.

Chemie boomt

Bei der Lufthansa wiederum brummte vor allem das Frachtgeschäft. Ingesamt belastete aber das teure Kerosin, so dass der Gewinn trotz eines starken Umsatzplus' nur leicht stieg. Der Chemie-Boom und das starke Pflanzenschutzgeschäft brachten Bayer einen Gewinnsprung von rund 40 Prozent. Chemieprodukte sind so gefragt, dass auch BASF beim Gewinn satt zulegen konnte, und zwar um ein Drittel. Auch der Umsatz stieg deutlich. Die Schwäche des US-Dollars drückt allerdings auf die Erlöse bei Geschäften mit Übersee, außerdem kann die Erdölförderung der Tochter Wintershall in Libyen in diesem Jahr wohl nicht mehr angefahren werden. Am Ende des BASF-Geschäftsjahrs soll zwar trotzdem ein neues Spitzenergebnis stehen. Die Aktie gehörte aufgrund der Hiobsbotschaften aus den USA und Libyen aber zu den großen Verlierern im Dax.

Der Halbleiterhersteller Infineon schwimmt auf der Erfolgswelle der Autoindustrie: Die Bayern konnten ihren Umsatz auf mehr als eine Milliarde steigern. Die einstige Mutter Siemens dagegen wartete mit Negativmeldungen auf. Verpatzte Projekte und Vertragsstrafen ließen den Gewinn des Technologiekonzerns um zwei Drittel einbrechen. Zudem sorgt sich Vorstandschef Peter Löscher zunehmend um die Weltwirtschaft. "Unsere Märkte sind zwar weiter robust, aber die Risiken des weltwirtschaftlichen Umfelds nehmen derzeit eher zu", sagte der Vorstandschef. Damit zeigte sich Löscher deutlich skeptischer als die Kollegen der großen internationalen Rivalen.

Auf dem Weg zur Vollbeschäftigung?

Besser sind die Aussichten für den deutschen Arbeitsmarkt. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sieht Deutschland gar auf "gutem Wege" in die Vollbeschäftigung. Die Sommerflaute versetzte dem deutschen Jobaufschwung im Juli zwar einen leichten Dämpfer versetzt - doch schon im Herbst rechnet die Bundesagentur für Arbeit (BA) wieder mit sinkenden Arbeitslosenzahlen. Im Juli waren 2,939 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet - 46.000 Menschen mehr als im Juni, aber 247.000 weniger als im Vorjahr. BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt ist auch für 2012 zuversichtlich. Trotz erster Anzeichen einer leichten Abkühlung der Konjunktur rechnet er mit sinkenden Arbeitslosenzahlen - und zwar um rund 200.000. Auch von der Griechenland- und Euro-Krise drohe dem deutschen Arbeitsmarkt derzeit keine Gefahr. "Die Finanzkrise dauert ja schon länger. Bisher haben wir auf dem Arbeitsmarkt davon kaum etwas gespürt."

Ulrich Brautzsch, Arbeitsmarktexperte am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), stimmt dem BA-Mann zu. "Die Arbeitslosenzahlen sind so gut, dass ein Absturz nicht zu befürchten ist. Die Konzerne aller Branchen werden einen Fachkräftemangel spüren. Wenn die Wirtschaft schrumpft, werden sie sehr vorsichtig sein und ihre Stammbelegschaft behalten", sagte der Forscher stern.de.

Simon Junker, Deutschlandexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), haut in die gleiche Konjunktur-Kerbe. "Ich sehe keine Abschwächung des Aufwärtstrends. Wir werden vielleicht nicht mehr den enormen Schwung sehen, aber China wächst weiterhin. Dorthin werden wir in zwei Jahren wohl mehr exportieren als in die USA. Bis mindestens Ende 2012 werden sich die Unternehmensgewinne in Deutschland positiv entwickeln."

Konjunktur schaltet einen Ganz zurück

Jedoch sind nicht alle Fachleute so optimistisch. "Die Konjunktur schaltet einen Gang zurück - in Deutschland, aber vor allem in anderen Ländern", sagte Andreas Scheuerle, Konjunkturexperte der Dekabank, nach den vielen Quartalszahlen vom Donnerstag. Auf die Stimmung an der Börse drückt dieser Tage vor allem die Angst vor der US-Schuldenkrise: Dieser Konflikt werde den Markt wohl bis zu seiner Lösung beherrschen, erwartet etwa Matthias Jasper, Chef des Aktienhandels bei der WGZ Bank. Zwar werde er sich schon irgendwie lösen lassen. "Bis dahin kann aber durchaus noch mehr Porzellan zerschlagen werden."

"Wir gehen von Wachstumsraten von gut zwei Prozent aus. Das ist längst nicht mehr so dynamisch, aber wir sind weiterhin gut dabei", sagt Kai Carstensen, Chef des Münchener Ifo-Instituts. Bedingung: In den USA dürfte "nichts radikal schiefgehen". Auch die Furcht vor einer Überhitzung der wachstumsstarken Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien sorgt für eine gewisse Vorsicht. Dennoch liegt Deka-Mann Scheuerle im Trend, wenn er sagt: "Noch sind wir weit von einer Situation entfernt, in der man sich ernsthaft Sorgen um die deutschen Konzerne machen muss." Noch.

ben/fo/DPA/DPA

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