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Die Gasrebellen von Paderborn

Ganz Deutschland leidet unter den massiv gestiegenen Gaspreisen. Ganz Deutschland? Nein! In Paderborn sind tausende Bürger in den Zahlungsstreik getreten. Eon hat 15 von ihnen verklagt. Aber den Gasrebellen geht es mittlerweile um deutlich mehr, als um ein paar Euro. stern.de hat sie besucht.

Von Lenz Jacobsen

Die Paderborner Gaspreisrebellen sitzen gleich neben den Weltverbesserern. In einem Nebenraum des "Weltladen Karibuni" in einer ruhigen Paderborner Seitenstraße haben sie ihr Kommandozentrale errichtet. An der Eingangstür wirbt ein Werbeplakat für fair gehandelte Schokolade, daneben protestiert ein handkopiertes Blatt: "Keine Müllverbrennungsanlage in Mönkeloh!". Die Wände sind in warmen Orange gestrichen, das Mobiliar komplett aus hellem Holz. Auf einem dieser Holzstühle sitzt Roswitha Köllner und verkündet mit pathetischer Stimme: "Um das Geld ist es mir nie gegangen, mir ging es immer ums große Ganze."

Roswitha Köllner ist Sprecherin der Bürgerinitiative "Gaspreise runter owl". Owl steht für Ostwestfalen-Lippe, die Region, zu der Paderborn gehört. Diese Bürgerinitiative ist so etwas wie die Speerspitze im immer mehr ausartenden Kampf der Verbraucher gegen Gasversorger. Um mehr als 50 Prozent sind die Preise für Köllner in den letzten vier Jahren gestiegen. Schon seit 2004 verweigern sie und die anderen Gründungsmitglieder der Initiative die erhöhten Rechnungen ihres Anbieters.

1700 sind es mittlerweile, die nur den alten, niedrigeren Preis zahlen, 6000 zahlen nur unter Vorbehalt. Das sind die Daten, die Eon Westfalen-Weser, der betroffene lokale Versorger, herausgibt. Roswitha Köllner vermutet, das es weit mehr, "bestimmt einige tausend", sind. Auf rund eine Millionen, so habe sie ausgerechnet, belaufe sich der Schaden für den Energiekonzern mittlerweile.

"Das ist reine Abzocke"

Das will sich Eon Westfalen-Weser nicht gefallen lassen. Das Unternehmen, eine hundertprozentige Tochter des Energieriesen Eon, hat 15 Verweigerer aus Paderborn und Umgebung verklagt. Am heutigen Donnerstag ist der Beschlusstermin des Dortmunder Landgerichts.

Das sich die Gaspreisrebellen überhaupt trauen, sich mit mit Eon anzulegen, verblüfft auf den ersten Blick. Schließlich ist es eigentlich eine juristische Selbstverständlichkeit, dass man seine Rechnungen zu bezahlen hat. Doch in diesem Fall liegt die Sache etwas anders. Grund dafür ist der Paragraph 315 des BGB. Der schreibt fest, dass der vom Verkäufer festgesetzte Preis der "Billigkeit" entsprechen muss. Auf gut Deutsch: Er muss angemessen sein, sich also an den Kosten des Versorgers orientieren. Eon und Co. dürfen nicht einfach irgendeinen Phantasiepreis verlangen.

Genau das vermuten aber die Zahlungsverweigerer. Sie halten das "Gerede" der Energieriesen von höheren Bezugskosten für gelogen und vermuten hinter den drastisch gestiegenen Preisen reine Gier. "Das sind reine Abzockerpreise", erregt sich Köllner. Das Schlagwort von der "Gasabzocke", darauf ist sie besonders Stolz, "kommt hier aus Paderborn, wir haben das eingeführt."

Roswitha Köllner, 55 Jahre alt, Lehrerin, rote Haare, ist eine Person mit energischem, fast schon resolutem Auftreten. Der Widerstand gegen die "Abzocke" ist für sie mittlerweile weit mehr als der Kampf um ein paar Euro mehr im Portemonaie. Durch ganz Deutschland ist sie getourt, um andere Gaspreisrebellen zu motivieren, hat überall bei der Gründung neuer Bürgerinitiativen geholfen, über BGB-Paragraphen referiert. Auf ihrer Website stellen sie einen Musterbrief für Zahlungsunwillige bereit - über 70.000 mal wurde dieser bisher schon runtergeladen. Alle paar Wochen bauen sie und Ihre Mitstreiter ihren Stand in der Paderborner Innenstadt auf, um neue Verweigerer zu mobilisieren. Neben Flyern verteilen sie dann auch Feuerzeuge an die Passanten. "Gaspreise runter" steht darauf. Gefüllt sind sie mit: Gas.

"E-off" statt Eon

Köllner ist wegen der Gaspreise zur echten Polit-Aktivistin geworden. Bei ihr zuhause liegt ein Helm, "E-off" steht darauf, in Abwandlung des verhassten Konzernnamens. Er liegt direkt neben der Eingangstür, als rechne sie jeden Moment damit, ihn aufsetzen zu müssen, um wieder in die Schlacht zu ziehen.

Köllner lebt in einer Eigentumswohnung am Rande des Paderborner Stadtzentrums. Auch viele ihrer Mitstreiter gehören zur privilegierten Gruppe sind Wohneigentümer. Von der finanziellen Not der HartzIV-Empfänger sind sie oft weit entfernt. "Es sind vor allem alte, eingesessene Leute, die sich gegen Eon wehren", erzählt Köllner. "Die kennen auch noch die alten Stadtwerke." Die alten Stadtwerke, das verrät Köllners wehmütiger Tonfall - das war für sie die gute, alte Zeit.

Die Zeit vor der Gier der Großkonzerne, die Zeit, in der die Versorgung noch öffentliche Aufgabe war und Energie ein "Grundgut", wie Köllner es sagt. Das ist dann auch das große Ganze, von dem sie so gerne spricht. Die Privatisierung kommunaler Unternehmen, die - wie Köllner es sieht - schon viel zu große Macht der Wirtschaft über die Bürger. "Warum sollen irgendwelche Konzerne am Energieverbrauch verdienen?", fragt sie - um die Antwort gleich selbst zu geben: "Es dürfte eigentlich gar keine privaten Energieversorger geben!"

"Freiwillig zahlen wird nicht"

Doch so weit wird es wohl kaum kommen. Zu kompliziert und vielschichtig ist das Thema Gaspreise, als das es sich wirklich auf den "Abzocke"-Schlachtruf reduzieren ließe. Der Gaspreis ist an den Ölpreis gekoppelt, und dieser steigt bekanntermaßen seit Jahren dramatisch. Außerdem machen die Versorger hohe Bezugskosten geltend, die sie an die Verbraucher weitergeben müssten. Bei Eon Westfalen-Weser heißt es dementsprechend: "Wir können uns den Preissteigerungen am Markt nicht entziehen." Eine ganze Reihe von Gerichtsprozessen hat sich schon mit diesen höchst komplizierten Wettbewerbs- und Preisrechtlichen Fragen beschäftigt. Mal fällt ein Urteil zu Gunsten der Verbraucher aus, mal zu Gunsten der Anbieter. Zu allem Überfluss mischt auch noch die Bundespolitik und die EU in der Diskussion um angemessene Gaspreise mit. Letzten Endes wird es wohl eher eine politische Entscheidung sein, wie es mit den Gaspreisen in Deutschland weitergeht, und keine, über die das Dortmunder Landgericht entscheidet.

Trotzdem hofft Roswitha Köllner, dass das Urteil der Dortmunder Richterin zu Gunsten der Verweigerer ausfällt. "Und wenn nicht", saht sie trotzig, "dann müssen sie alle anderen Verweigerer auch verklagen - freiwillig zahlen wird nach dem Urteil keiner von uns." Der Prozessgegner ist indes "optimistisch, dass das Gericht unserer Klage stattgibt", wie der Pressesprecher von Eon Westfalen-Weser, Michael Wippermann, sagt. Er hofft auch auf eine Signalwirkung des Urteils auf andere Verweigerer.

Das der Prozess gegen die Paderborner Verweigerer der letzte dieser Art sein wird, ist unwahrscheinlich. In zu vielen Orten in Deutschland haben sich mittlerweile die Kunden gegen ihre Gasversorger, Energieriesen wie Eon, RWE oder Vattenfall gestellt. "Natürlich ist das David gegen Goliath", sagt Roswitha Köllner kämpferisch. Und sie scheint sich in der Rolle des Davids recht wohl zu fühlen.

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