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Der große Weinschwindel

Jahrelang präsentierte Weinguru Hardy Rodenstock immer neue sensationelle Funde aus vergessenen Kellern. Seinen größten Coup, die Jefferson-Weine, hat ein US-Milliardär analysieren lassen. Ergebnis: Die Flaschen sind gefälscht. Nun ermittelt das FBI.

Von Michael Streck, Stephan Draf und Bert Gamerschlag

  • Michael Streck
    Michael Streck

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Michael Streck und Stephan Draf

Diese Geschichte beginnt beim dritten Präsidenten der USA und endet beim einstigen Agenten von Tony Marshall. Wir aber steigen im Frühjahr 1985 ein, am Schlüsselpunkt eines Krimis, der vorige Woche zu Vorladungen honoriger Auktionshäuser vor New Yorker Gerichte führte und an dessen Ende eine Ikone als Popanz dastehen dürfte. Das FBI ermittelt gegen mutmaßliche Fälscher und Vertreiber angeblich gefälschter Weine. Im Zentrum der Ermittlungen stehen ein Deutscher und ein Brite: Weinraritätenhändler Hardy Rodenstock und der inzwischen im Ruhestand lebende Christie's-Auktionator und Weinautor Michael Broadbent. Seit sie vor mehr als 20 Jahren eine Flasche aus dem 18. Jahrhundert präsentierten, die für 105.000 Pfund einen Käufer fand, umspült den weltweiten Weinhandel eine Flut gefälschter Luxusweine, ein Strom, den die FBI-Ermittler jetzt trockenlegen wollen.

Flaschen machen Leute

An einem Tag im März 1985 erreicht den damaligen Schlagerproduzenten Hardy Rodenstock ein Anruf aus Paris. Ihm wird Wein angeboten, alte Flaschen, verkorkt, mit Lack versiegelt und in einem Pariser Keller bei einem Mauerdurchbruch entdeckt. Rodenstock liebt alten Wein. Er sieht im Genuss einer alten Flasche "den ganzen Liebesakt", inklusive "Lebenslust und Lasterhaftigkeit". Die Szene der Verehrer greiser Tropfen ist klein, international und vermögend. Wie manche von Sex mit Elisabeth Flickenschildt träumen und ein Vermögen für deren letzten Lustseufzer gäben, delektieren sich andere eben am letzten Hauch moribunder Weine.

Rodenstock gehört noch nicht lange zur Szene, ein klassischer Parvenü - findsam und rege und seit Kurzem im Begriff, sich als Sammler und Trinker alter Tropfen einen Namen zu machen. Trotzdem steht er bereits im Ruf, gern und viel zu kaufen und gleich und bar zu zahlen. Darum erreicht der Anruf aus Paris auch den deutschen Nabob, damals wohnhaft im Westerwald. Er springt in die nächste Maschine an die Seine und eilt zur angegebenen Adresse im Marais, jenem Bezirk, der zur Zeit Ludwigs XVI. das Diplomatenviertel war. Dort erblickt Rodenstock die Fundstücke hinter der verheißenen Kellermauer.Man kann das so erzählen, weil Rodenstock es später so berichtet hat. Er beschreibt es und lässt sich zitieren in "Spiegel", "FAZ" und anderen Blättern.

Die "Jefferson-Flaschen" machten alte Weine schick

Er sieht also die Flaschen. Sie werden von einem Herrn mit französischem Akzent angeboten. Auf der Ware ist an entscheidenden Stellen der Firnis der Zeit entfernt, dort, wo Gravuren sichtbar sind, Zahlen und Wörter in flüssiger Schrift: 1784 und 1787, Château Lafitte (so die frühere Schreibweise), Château Branne-Mouton, Château Margaux und Château d'Yquem; dazu die Kürzel "Th. J.". Es sind die Namen von Weingütern im Bordeaux. Rodenstock hat schon manche mundgeblasene Bouteille vernascht. Er kann Alter wie Echtheit einschätzen. Derart gravierte Exemplare wurden zwar vorher noch nie gesichtet und sind auch später nie mehr aufgetaucht - Form und Machart der Flaschen, Jahreszahlen und Château x lassen ihn aber ans Gesäß greifen. Er bezahlt den Verkäufer bar, packt die Trouvaillen in einen gepolsterten Alukoffer und sagt Adieu. So weit Version eins.

Version zwei ist neuer, ist auch von Rodenstock, klingt aber so: An einem Tag im März erreicht ihn ein Anruf aus Paris, alles wie beschrieben. Er fliegt hin, fährt aber nun zu einem Lagerhaus. Wo das lag, weiß er nicht mehr. Wie der Herr mit dem Akzent hieß? Rodenstock bedauert. Die Story mit dem Keller und dem Umbau? Achselzucken. Er will den Fundort nie gekannt haben. Der Verkäufer ist wohl tot. Rodenstock sieht Pullen, Namen, Jahrgänge, zahlt und geht. Das ist sonderbar. Schließlich war dieser Trip der wichtigste seines Lebens, die ergatterten Flaschen machten ihn im Nu deutlich reicher und weltberühmt. Zuvor war Rodenstock Schlagerproduzent. Er betreute Tina York, Tony Marshall und Gottlieb Wendehals. Die Frucht seiner Arbeit waren Schalala- und Schängeläng-Liedchen, zu denen Kassiererinnen träumen und Feldwebel Hojahojaho singend mit Bierflaschen im Takt klopfen. Diese Reise wandelt eine haarige Raupe in einen Schmetterling.

Seltsame Erinnerungslücken

Wie oft wird er sich den Glückstag in Erinnerung gerufen haben. Nähme es wunder, wenn er ihn für seine Nachkommen aufgeschrieben hätte? Und jetzt ist ihm, ach, fast alles entfallen. Nicht lange, und die Weine werden vom Auktionshaus Christie's in London als 200 Jahre alte Flaschen identifiziert. Dafür stehen Urteil und Name Michael Broadbents, der als Gentleman des Weins gilt. Die Versteigerung einer einzigen dieser Flaschen wird einen Boom auf dem Markt alter Weine auslösen, der bis heute anhält, bei dem bislang Hunderte von Millionen Dollar, Pfund und Euro den Besitzer wechselten und der jetzt fürs Erste zusammenbrechen wird. Aber das ist heute. 1985, da ist noch alles rosig, da brechen für Rodenstock die schönsten Jahre seines Lebens an, mit viel Wein, viel Weib und viel Gesang.

Er wird ein Prinz der Münchner Bussigesellschaft. War er zunächst mit einer No-name-Frau verheiratet, wechselt er bald zu Tina York und wieselt sich über weitere Stationen zu Helga Lehner, einer Schauspielerin und ehemals "schönsten Frau Münchens". Er darf sich sonnen. Vielleicht ist seine zweite Version vom März 1985 so karg und kurz, weil seit August 2006 eine Klage vorliegt, anhängig beim Bezirksgericht Manhattan-Süd. Rodenstock hat sie kommen sehen, die dunklen Wolken, es kamen ja drängende Faxe aus den USA. Vertreiben konnte er sie nicht: Binnen wenigen Monaten ist dem Sonnyboy ein Gegner erstanden, so wie Don Giovanni der steinerne Gast begegnet. Der Komtur in dieser Oper ist ein US-Milliardär namens William "Bill" Koch, ein Sports- und Geschäftsmann, ein in Rechtshändeln bewährter Haudegen, der "Dammit!" ruft: "Meinhard Görke, Sie sind ein Betrüger, und mich verarschen Sie nicht!"

Fälschungen häuften sich

Wie jetzt, Meinhard Görke? Görke nennt Kläger Koch aus Florida seinen deutschen Gegner, jenen Mann, den alle Welt als Hardy Rodenstock kennt. "Jahrelang habe ich mit dem Wein getrunken, nie wusste ich, dass Rodenstock ganz anders heißt", sagt Karl-Heinz Wolf, Gründer des Gourmetlieferanten Rungis-Express. "Rodenstock soll Görke heißen? Hat er mir nie gesagt", sagt Fußball-Weltmeister Paul Breitner, noch ein alter Weg- und Weingefährte Rodenstocks, der sich aber längst von ihm distanziert hat. Koch ließ gegen Rodenstock ermitteln. Danach ist der Mann ein Herr mit erstaunlich vielen Wohnsitzen und ständig wechselndem Aufenthaltsort, der in Wahrheit wie eine Mischung aus Gurke und Möhre heißt und am 7.12.1941 in Marienwerder geboren wurde. Der Künstlername "Rodenstock" steht allerdings im Pass, ihn hat sich der Schlagerproduzent zugelegt, als er schon Nebengeschäfte mit Wein machte, "die ich aber laut meinen Verträgen nicht machen durfte".

Rodenstock, so Kochs Klageschrift, ist ein "Schwindler", und der Kläger sieht sich als "eines von vielen Opfern" in "einem anhaltenden Plan zum Betrug von Weinsammlern". Rodenstock beteuert seine Unschuld. Für Weinbeißer ist es erschütternd: Rodenstocks Geschichte mit den alten Flaschen aus dem Marais-Keller - getürkt? 20 Jahre lang ist alles zu Rodenstock geeilt, was Kenner sein wollte. Bei seinen großzügigen Raritätenproben zu sein war der Ritterschlag nicht nur der deutschen Society. Phänomenal, wie und wo der Kerl so viele alte Weine aufzutreiben wusste. Aus Zarenkellern, die selbst die Sowjets nicht gefunden hatten, rettete er sie, in den schottischen Highlands trieb er sie auf, in Venezuela hob er sie aus tropischem Moder, wie ein Indiana Jones der Weinszene. Man ging in eine Rodenstock-Probe wie in einen Gottesdienst.

"Märchenprinz, Geheimagent und Gentleman"

September 1998, andächtig betreten 90 Gäste den kleinen Saal des "Königshof" in München - sie bestaunen, was Rodenstock zur 18. Raritätenprobe beschafft hat. 125-mal d'Yquem steht da, der berühmteste Süßwein der Welt. Schon junge Yquems kosten ein Sümmchen. Hier aber ist nicht allein das ganze 20. Jahrhundert versammelt, das 19. ist mit 39 Weinen dabei, und die zwei ältesten Flaschen sind aus dem 18. Jahrhundert. Mittrinken darf Finanzpotenz und Prominenz: Franz Beckenbauer zieht den ersten Korken - und zerfetzt ihn im Flaschenhals. Walter Scheel parliert mit Wolfgang Porsche, Glasfabrikant Riedel plaudert mit Dieter Kürten, Paul Breitner grüßt den Witzigmann Eckart, Asiaten haben ihren eigenen Tisch. Am Ende des mehrtägigen Gelages feiert der "Spiegel" Rodenstock als "Weinguru", für die "Woche" gehörte er zu den "drei oder vier berühmtesten Trinkern der Welt", und für die "FAZ" war er schon vorher dreifaltig: "Märchenprinz, Geheimagent, Gentleman". Wenn dieser Herr ein Hochstapler ist, dann hat die Weinwelt ein Problem

Manchmal muss ein Kind kommen und rufen: Der Kaiser ist nackt. Das Kind heisst Koch. Auch er liebt Wein und sammelt ihn, in seinen Kellern liegen neben 35.000 anderen Flaschen auch vier der von Rodenstock präsentierten Exemplare, für die der Amerikaner Ende der 80er Jahre 500.000 Dollar hinblätterte. Eine weitere und fünfte dieser Flaschen stand bei einem guten Bekannten Kochs, beim inzwischen verstorbenen Verleger Malcolm Forbes, der für sein Exemplar mehr herausrückte, als je für einen Wein gezahlt wurde: 105.000 englische Pfund, damals 400.000 Mark; das war am 5. Dezember 1985 bei jener Versteigerung im Londoner Auktionshaus Christie's - Weltrekord. Auch wenn Rodenstock den März 1985, den Fund der Pullen, weitgehend vergessen hat, an den Dezember erinnert er sich verblüffend präzise: Der Hammer ist gefallen, da kommt ein Anruf aus London, am Hörer eine Dame, sie nennt 105.000 Pfund: "Und so wahr wie ich hier sitze, habe ich gesagt: "Okay, thank you so much" und habe aufgelegt. Danach habe ich mich zurückgelehnt, mir einen 59er Lafite aus dem Keller geholt und eine Zigarre angesteckt.

Weine für Finanzpotente und Prominente

Der Erste, der anrief, war ein Herr Rixen von der "Bild am Sonntag": "Ist ja sensationell. Kann man ja ein Haus von bauen für den Preis"." Fortan gibt Rodenstock das Schlagern auf, schüttelt den Staub der Tina Yorks, Gottlieb Wendehälse und Tony Marshalls dieser Welt ab und handelt nur noch mit alten Weinen. Eine Flasche für 105.000 Pfund? Und 500.000 US-Dollar für viere, deren Inhalt von der Lese bis zur Auktion 200 Jahre später kaum mehr als Essig sein kann - was trieb amerikanische Bieter und Sammler zu solchen Summen? Die Antwort liegt im "Th. J." - die Initialen sollen für Thomas Jefferson stehen. Die USA sind ein junges Land, aber die älteste Demokratie der Welt mit den Gründervätern George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson; Militär der erste, Ökonom der zweite, Politiker der dritte. Jede Art von Memorabilia aus ihrer Hand hat Reliquienstatus. Jefferson ist der Heiligste der drei: Mitverfasser der Unabhängigkeitserklärung; dritter Präsident der USA; von Napoleon erwarb er mit Louisiana den halben Kontinent westlich der Appalachen, also die Tiefen des Raumes und damit die Zukunft des amerikanischen Westens.

Vor diesem Deal hatte er andere französische Güter gekauft: Wein. Jefferson liebte Wein, mehr noch - er hatte Ahnung. Als Botschafter am Hofe Ludwigs XVI. impfte er tags spätere Revolutionäre mit demokratischen Ideen, nachts trank er Wein. Er bereiste die Gegend um Bordeaux, er kaufte reichlich und nur das Beste, nicht nur für sich in Paris, auch für sein Daheim in Virginia und für George Washington. So einen Wein im Keller zu haben ist für jeden geschichtsbewussten Amerikaner etwas, das das eigene Ego deutlich vergrößert. Ohne die Initialen wäre der Wein nur ein alter Wein, mit ihnen ist er eine Reliquie.

Rodenstrock suchte die Flaschen zu kontrollieren

Jefferson verließ Paris kurz nach Beginn der Revolution. Wieso hat er den Wein nicht mitgenommen? Hat er ihn selbst bestellt? War es ein Geschenk? Wurde er ihm nach Paris gesandt, als er fort war? Warum war er von vier Châteaux? Und: Warum sollten die Flaschen aufwendig graviert worden sein? Fragen, die im ersten Moment kaum jemand stellte. Sicher war: Hier gab es alte Flaschen, hier gab es Gravuren, hier war eine Sensation. Alle waren glücklich: Verkäufer, Käufer, die Weinwelt ohnehin. Das Testat lieferte Michael Broadbent, heute 79, damals Chef der Weinhandelsabteilung bei Christie's, wo die Versteigerung stattfand. Dort fiel dann für Malcolm Forbes der Hammer. "Natürlich haben sie das testiert", sagt Hans Ottomeyer, Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, im Rückblick, "Auktionshäuser testieren immer was. Sie wollen ja was verkaufen." Heute stellt es sich so dar, dass die Expertise zwar von einem Fachmann, aber nur nach Augenschein und spontan erfolgte.

Die dem stern vorliegenden Unterlagen aus London kennen keine technisch ausgearbeitete Expertise. Es galt wohl die Devise: Die Geschichte ist zu schön, sie muss einfach wahr sein. Dabei wäre es geblieben, wenn nicht das Boston Museum of Fine Arts vor zwei Jahren bei William Koch angerufen und um Ausstellung seiner Kunstsammlung gebeten hätte, inklusive der "Jefferson-Flaschen". Koch sagte zu, konnte aber die vom Museum verlangten Echtheitszertifikate für die Pullen nicht beibringen - und begann selbst zu zweifeln. Diese Zweifel sind heute verflogen, und Koch ist sicher: Er ist beschissen worden. Besuchen wir Mr Koch. Der Mann, 66, groß, sportlich, ist das, was die Amerikaner "flamboyant" nennen, schillernd.

Koch legte den Finger auf die Wunde

Er taugt als Hauptfigur für Fernsehserien. Er lebt in einer Villa in West Palm Beach, Donald Trump gleich nebenan. Er sammelt Geld, Ehefrauen, Kunst, Waffen, Schiffe und Wein. Sein Haus ist voll mit Dalis, Mirós, Cezannes, Picassos, Chagalls, Matisses und Monets. In einem Raum hängen antike Fresken. Überall stehen Schiffsmodelle, Nachbauten aller America's-Cup-Yachten, denn Koch ist ein Segler von Rang: 1992 holte er als Skipper den America's Cup in die USA zurück. Fragt man Koch, was das alles wert ist, antwortet er lakonisch: "Keine Ahnung. Viel." Seine Sammlung füllt ein Buch mit dem Titel "Things I love" - Dinge, die ich liebe. Er liebt ziemlich viel, und weil das so ist, kam 2005 das Bostoner Museum auf ihn zu.

Dann kamen die Zweifel. Zunächst nur misstrauisch, schrieb Koch an Rodenstock und bat ihn "als einzige Person, die den Fundort der Flaschen kennt", um Aufklärung. Rodenstock lehnte per Fax ab, fügte an, dass Koch die Flaschen nicht bei ihm selbst, sondern bei einem Händler gekauft habe, und empfahl sich. Koch sitzt im Yacht Club, isst Krabben und zürnt. "Wissen Sie", sagt er, "ich habe mit vielen Leuten zu tun, die mir gefälschte Kunst oder Dokumente verkaufen wollen. Ich habe einen Grundsatz: Wer mich betrügt, muss mit Konsequenzen rechnen. Es geht um meinen Ruf, nicht um Geld. Das Weingewerbe ist voller Betrüger, und Rodenstock war schon immer verdächtig. Aber niemand, kein Auktionshaus, kein Winzer, kein Sammler, niemand hat sich mit ihm anlegen wollen." Er macht eine Pause, zerkaut einen Krabbe und zischt: "Das ist jetzt vorbei."

"Wer mich betrügt, muss mit Konsequenzen rechnen"

Vielleicht bedurfte es eines Mannes, für den Geld keine Rolle spielt und der keinen Prozess scheut. Der ein Heer von früheren FBI-Agenten und einen ehemaligen US-Bundesrichter in die Spur setzte mit nur einer Mission: zu sammeln. Alles über Rodenstock. Bislang hat Koch mehr als eine Million Dollar, doppelt so viel wie für die "Jefferson-Weine", in die Untersuchung investiert. Er hat Zeit. Er hat Geld. Und er hat seine Leute. An vorderster Front Jim Elroy, 66, kräftiger Händedruck, FBI-Veteran, Spezialität: Korruption. 21 Jahre lang jagte er für die Bundespolizei Drogenschmuggler bis nach Südamerika, er arbeitete für Untersuchungsausschüsse des US-Senats. Elroy sitzt in einem New Yorker Café und erzählt. Wie ihn Koch beauftragte, wie er ein Team zusammenstellte aus einem Dutzend alten FBI-Leuten, britischen Scotland-Yard-, MI-5-Leuten sowie deutschen Ermittlern. Es hört sich an wie das Drehbuch für "Ocean's Eleven". Nur dass die Leute keine Diebe sind. Ermittlungsauftrag war: Sind die Weine Fälschungen?

Die Untersuchung führte Elroy über das Kernforschungszentrum Bordeaux bis in einen Stollen tief unter den Alpen, wo der Wein in einem Bleimantel aus römischer Zeit, gewonnen aus Barren von einer versunkenen Galeere, auf Strahlung untersucht wurde. Nachkriegsweine enthalten radioaktive Spuren, die sich erst seit den ersten Atombomben im Jahr 1945 in der Atmosphäre tummeln; eine relativ zuverlässige Methode der Altersbestimmung. Da war immerhin klar, dass der Wein aus der Zeit davor stammt. "Wir waren ziemlich frustriert", sagt Elroy, aber das war kein Grund aufzugeben. Denn im Laufe ihrer Arbeit ermittelten sie immer mehr "Jefferson-Flaschen". In diversen Zeitungsinterviews, ergab die Recherche, hatte Rodenstock mit der Zeit immer neue, höhere Fundzahlen genannt. Auch bei Gesprächen mit dem stern redete er erst von zwei Dutzend, dann von mehr. Und er habe "noch ein bis zwei Hände voll" im Keller. "Vielleicht habe ich sogar drei Dutzend!", so Rodenstock zuletzt.

Wie viele Flaschen passen in einen gepolsterten Koffer?

Das wären wohl mehr als 50 Kilogramm Gewicht gewesen. Frage: Wie viele Flaschen kann man eigentlich in einem gepolsterten Koffer wegtragen? "Uns hat er damals von sechs Flaschen erzählt", sagt Paul Breitner dem stern. Die wundersame Weinvermehrung bemerkten auch Kochs Leute, die sich auf die Spur der Flaschen begaben und auf einen Rechtsstreit aus den späten 80er Jahren stießen. Die Justizakten belegen, wie nervös Rodenstock die Kontrolle über alle von ihm hergegebenen Flaschen zu behalten versuchte. Seinem Freund Hans-Peter Frericks hatte er noch vor der Christie's-Versteigerung zwei "Jefferson-Flaschen" veräußert. Nach der Auktion wollte er ihm jeden Weiterverkauf untersagen. Bald überzogen sich beide mit Klagen, die dazu führten, dass Frericks sich aus der Weinszene zurückzog, zumal ihm anonyme, teils handschriftliche Schreiben ins Haus flatterten, die ihm Rotlichtnähe unterstellten.

Laut den Akten ließ auch Frericks seine "Jefferson-Flaschen" untersuchen, beim GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit bei München. Fazit: "Entweder stammt der gesamte Wein aus dem Jahr 1962, oder es liegt ein Gemisch aus altem und jungem Wein vor, wobei mehr als etwa 40 Prozent des Flascheninhalts jünger als 1962 ist." Im Klartext: gepanscht, gefälscht. Kaum war das veröffentlicht, verklagte Rodenstock seinen nun Ex-Freund und behauptete, dieser habe die Flasche selbst manipuliert und ihren Inhalt gefälscht. Ein Umstand, der nicht ohne Ironie ist, da Frericks zur selben Zeit seinen Weinkeller durch das Londoner Auktionshaus Sotheby's untersuchen ließ. Ergebnis: Etliche der Flaschen mussten als gefälscht gelten, teils trugen sie manipulierte Etiketten, teils hatte es dort liegende Abfüllungen gar nicht gegeben. Quelle dieser Flaschen: Weinaufspürer Rodenstock.

Rodenstocks Name fällt häufiger

Das ist alles lange her, sagt Rodenstock, und überhaupt, mit tratschenden Neidern habe er leben gelernt. Da stört es ihn kaum, dass in den USA parallel zur Klage Kochs ein weiterer Prozess anlief, in dem es um Fälschungen alter Weine geht - und in dem erneut Rodenstocks Name fällt. In San Francisco verklagte der Sammler Russell H. Frye seine Weinhändler, die Brüder Edward und Carl Gelsman, wegen Betruges. Diesmal handelt es sich um Flaschen im Wert von über einer halben Million Dollar, alle abgefüllt vor 1962. Sie seien manipuliert: Etiketten, wiesen einen anderen Farbton auf als die Original- Label. Der Wein lagere in Flaschen, die vom Château nie zum Abfüllen verwendet wurden. Die Flaschen seien neu verkapselt, die Verschlüsse passten weder zum Château noch zum Jahrgang. Und, so die Klageschrift, viele dieser Flaschen stammten laut Gelsman von Rodenstock.

Als Elroy nach der Untersuchung im Alpenstollen im Flieger sitzt, betrachtet er eine Flasche genau. Wie schön die Gravuren aussehen, denkt er. Wie ebenmäßig. Er hat eine Idee. Kaum gelandet, trommelt er weitere Experten zusammen: Max Erlacher, 73, einen erfahrenen Glasgraveur, der für die US-Regierung feinste Arbeiten fertigte, darunter das Hochzeitsgeschenk für Charles und Diana. Und William Albrecht, den FBI-Forensiker, der die Ermittlungen beim Attentat auf Ronald Reagan leitete. Max Erlacher bittet in seine Werkstatt: "Hier kommt sonst niemand rein." Er lebt sechs Autostunden von New York City in einem Kaff namens Campbell. William Albrecht ist eigens aus Idaho gekommen und Elroy aus Kalifornien.

US-Milliardär setzt Ermittlerteam ein

Erlacher, geboren in Innsbruck, berichtet dem stern von den ersten Zweifeln, als sie in Florida die vier Koch-Flaschen begutachteten. Dass die Gravuren "so erstaunlich eben waren, nicht ausgefranst an den Enden, fast perfekt. Zu perfekt". Wie sie einen Tag lang die Koch-Flaschen prüften, hernach auch die Rekord-Pulle von Forbes, jeden Millimeter fotografierten und katalogisierten. Das Resultat: Die vermeintlichen Jefferson-Stücke waren mit einem elektrischen Bohrer graviert. Keinesfalls aber mit einem pedalbetriebenen Kupferrad aus dem 18. Jahrhundert. "Schauen Sie", sagt Erlacher und zeigt eine Vergrößerung, "die Punkte und Rundungen auf den 'Jefferson-Flaschen' sind ganz sauber. Das funktioniert niemals mit einem Kupferrad." Selbst der Laie kann das sehen. "Gefälscht", sagt Erlacher, "und auch noch plump." Damit konfrontiert, erwidert Rodenstock, dass er einem rachelüsternen Mann wie Koch zutraut, die echten Gravuren mit einem modernen Bohrer nachgezogen zu haben, um ihm zu schaden. Theoretisch möglich, praktisch Unfug. Denn wie steht es mit den Gravuren auf Flaschen, die nachweislich nie im Besitz Kochs oder seiner Leute waren?

Die Koch-Truppe hat zwei weitere Flaschen untersuchen können: Yquems, die Rodenstock im Mai 1985 persönlich beim damaligen Besitzer des Châteaus vorbeibrachte. Zusammen hatte man damals die Flaschen entkorkt und getrunken, der Wein war angeblich köstlich, seitdem standen die leeren Flaschen sicher verschlossen. Als Kochs Leute diese Flaschen untersuchten, brauchten sie nicht lange zu schauen: Die Gravur war identisch mit den amerikanischen Pullen. Beide gefälscht. Dazu sagt Rodenstock: "Hm." Pause. "Weiß ich nicht. Vielleicht sind einige Flaschen echt und andere nicht. Vielleicht bin ja auch ich betrogen worden." Der stern hat mehrfach angeboten, die Gravur einer der ihm verbliebenen "ein bis zwei Hände voll" Flaschen bei der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung untersuchen zu lassen; es ist die Anstalt, die 1983 die "Hitler-Tagebücher" als Fälschung entlarvte. Rodenstock hat das abgelehnt.

Broadbents Ruf wird ruiniert

Selbst wenn die Gravuren modern sind, könnte sich Rodenstock noch immer als ein Betrogener darstellen. Keiner hat ihm nachweisen können, die Flaschen selbst graviert zu haben. Er habe ja auch, betont er, nie behauptet, die Jefferson-Initialen seien echt. Das sei stets Michael Broadbent gewesen: "Wenn Christie's mir sagt, sie haben es von ihrem größten Keramik- und Glasexperten, dass die Gravur echt ist - wenn mir das gefaxt wird, dann ist das Thema doch für mich beendet. Da bin ich doch aus dem Schneider!" Stets hat die Glaubwürdigkeit Rodenstocks am Urteil Broadbents gehangen. Dessen Reputation geht jetzt in Scherben. Rodenstock könnte dem Briten helfen, indem er Dinge preisgibt, die nur er weiß. "Wieder und wieder habe ich Rodenstock inständig gebeten, die Quelle seiner Flaschen zu nennen, er weigert sich", klagte der greise Broadbent, als er im Oktober von Kochs Emissären gegrillt wurde. Käme die Bundesanstalt zum Ergebnis, die Flaschen wären alt und die Gravur ebenfalls, wäre Broadbent gerettet.

Rodenstock denkt über diesen Punkt nach; dann zuckt er mit den Schultern, lächelt und sagt: "Nein!" Im Übrigen sei sein Gerichtsstand München, er selbst habe Koch ja gar nichts verkauft und ausreichend Wein im Keller, um bis zum Ende seiner Tage stets genug im Glas zu haben. Um Broadbent täte es ihm schon etwas leid, aber was könne er schon machen? Tja. Sagt Rodenstock die Wahrheit? Dagegen spricht die Unterdrückung von Fakten. Schon auf dem New Yorker Standesamt, wo er 1992 seine heutige Frau heiratete, hatte er falsche Angaben gemacht, als er behauptete, nie zuvor verheiratet gewesen zu sein. Stimmt nicht, aus der vorigen Ehe stammen zwei Kinder. Aber das mag eine Petitesse sein. Rodenstock: "Da habe ich wohl aus Versehen etwas Falsches angekreuzt."

Ms Goodwin durchforstete alle Jefferson-Unterlagen

Wichtiger ist, dass es sehr früh eine wissenschaftliche Analyse zu dem Fall gab - aber aus einer unvermuteten Ecke: der der Bücherwürmer. Kaum war die erste Flasche 1985 versteigert, setzte sich Lucia Goodwin von der Jefferson Foundation in Monticello, Virginia, hin und nahm sich die Korrespondenz Jeffersons vor. Jefferson tat keinen Schritt, ohne darüber Buch zu führen. Er war ein Pedant. Die Foundation ist die Gralshüterin des Jefferson-Nachlasses, der berühmt ist für seine Vollständigkeit. Goodwin durchforstete alle Jefferson-Unterlagen nach Hinweisen auf Weinbestellungen für die genannten Châteaus und Jahrgänge 1784 und 1787. Sie fand nichts, was Broadbents These stützen könnte, dafür aber vieles, was dagegen spricht: Keinerlei Hinweis gibt es auf Château Lafitte des Jahrgangs 1787, der ist aber auf den Koch-Flaschen eingraviert. Überhaupt die Gravuren: Nichts in Jeffersons Briefen deutet darauf hin, dass der Mann einzelne Flaschen derart aufwendig graviert haben wollte - eine einzige Gravur hätte mit dem damals vorhandenen Werkzeug auch Stunden gedauert und hohe Zusatzkosten verursacht -, Jefferson aber hat nachweislich immer nur für Wein bezahlt.

Die "New York Times" schrieb über den Goodwin-Bericht, was auch der um seine frische Reputation besorgte Rodenstock mitbekam. Er schrieb nun seinerseits Goodwin einen Brief des Inhalts, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung habe und sich in Weinangelegenheiten gefälligst geschlossen halten solle. Wie unverschämt auch immer, Rodenstock erhielt aus Virginia den gesamten Forschungsbericht mit allen Vorbehalten und Zweifeln. Es folgte ein briefliches Hin und Her, in dem Rodenstock seinen Ton mäßigte, was ihm aber keine Entlastung brachte. Die Jefferson-Forscher blieben bei ihren Zweifeln. Trotz aller akademischen Einwände aber verkaufte Rodenstock munter weiter die "Jefferson-Flaschen". Und also kamen peu à peu immer mehr von ihnen unters Volk und schließlich auch Sammler Koch in ihren Besitz - für den Vorwurf des möglichen Betrugs muss Rodenstock die Flaschen nicht einmal selbst gefälscht haben. Den Briefaustausch mit der Jefferson Foundation leugnet Rodenstock. Er liegt der Redaktion vor, als Kopie aus Virginia.

Alter Wein verzeiht keine Fehler

Rodenstock hat trotz Bedenken verkauft und geschwiegen. Hardy Rodenstock, alias Meinhard Görke, mag das unterschätzt haben. 20 Jahre lang konnte er tun und lassen, was er wollte. 20 Jahre spürte er wie einst Heinrich Schliemann die unglaublichsten Schätze auf. 20 Jahre lang ließ er sich dafür feiern von ergebenen Claqueuren, Promis und einer verblüffend freundlichen Presse. 20 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Aber nicht für Wein. Alter Wein verzeiht keine Fehler. Und manchmal, wie im richtigen Leben, kippt alter Wein ganz einfach um.

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