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Denver-Clan in Hessen

In der Führungsetage des deutschen Medizinkonzern Fresenius tobt ein erbitterter Kampf zwischen einem scheinbar übermächtigen Testamentsvollstrecker und einer Tochter des toten Firmen-Chefs. Jetzt eskaliert der Konflikt: Die Tochter will ihren Gegner per Gerichtsbeschluss verjagen. Es geht um Macht, verletzte Eitelkeiten - und eine Unterschrift über 72 Millionen Euro.

Von Axel Hildebrand

Die Aktionäre des deutschen Weltkonzerns Fresenius kommen an diesem Freitag in Frankfurt zu ihrer Hauptversammlung zusammen. Es geht um Umsatz, Gewinn und Dividende. Der Konzern steht gut da: für 2008 stehen 12,3 Milliarden Euro Umsatz und 450 Millionen Euro Gewinn im Buch. Knapp 127.000 Angestellte arbeiten unter anderem an Infusionslösungen und Biotech-Medikamente gegen Krebs. Das Mutterhaus und die Tochter, Fresenius Medical Care, sind im Dax gelistet, dem Index der wichtigsten deutschen Firmen.

Für Aufruhr könnte in Frankfurt jedoch ein Thema sorgen, das gar nicht auf der offiziellen Tagesordnung steht: Der nächste Akt in dem erbitterten Erbstreit um Macht, Millionen und Eitelkeiten. Seit Jahren überschattet dieser Konflikt die Firma, gekämpft wird mit allen Mitteln und ohne Rücksichten. Gegenüber stehen sich Gabriele Kröner, eine Tochter des toten Firmenchefs Hans Kröner, und Dieter Schenk, seit 2003 einer der Testamentsvollstrecker von Else Kröner, die das Unternehmen mit aufbaute.

Schwere Vorwürfe gegen den Testamentsvollstrecker

Die Vorwürfe wiegen schwer: Kröner bezichtigt den Anwalt, sein Amt missbraucht zu haben, statt den Willen der Eltern umzusetzen. Sie selbst sieht sich als Opfer eines Schenkschen Allmachtanspruchs und behauptet, er habe sie aus wichtigen Unternehmensgremien gedrängt. Diese Vorwürfe stehen schon länger im Raum, nun aber wagt Kröner den Putschversuch: Per Gerichtsbeschluss will die Tochter den Testamentsvollstrecker seines Amtes entheben lassen.

Wer die Tragweite dieses Konflikts verstehen will, muss ein wenig zurückgehen in der Familiengeschichte der Kröners: Das Ehepaar Else und Hans hatte aus einem Labor in Bad Homburg den Global Player Fresenius geschaffen. Es gab viel zu verteilen. Und es gab auch eine beachtliche Anzahl möglicher Erben: Vor allem Hans Kröners bewegtes Beziehungsleben sorgte für eine Vielzahl von Kindern, wenn auch die Beziehungsstrukturen, vorsichtig formuliert, vertrackt waren. Als er Else heiratete, war dies bereits seine zweite Ehe, aus der ersten brachte er eine Tochter mit, Gabriele. Gemeinsam mit Else, die keine leiblichen Kinder hatte, adoptierte er fünf weitere Kinder. Während dieser Ehe entstanden jedoch vier weitere Kinder - eine Tochter mit der ersten Frau, drei Kinder mit zwei weiteren Frauen. Insgesamt also es zehn Kinder, mit unterschiedlichen Ansprüchen auf den Nachlass. Der Keim des Konflikts mag hier liegen.

Schenk wird bei Fresenius zum wichtigen Mann

Ihr immenses Vermögen vererbten Hans und Else jedoch nicht direkt weiter. Sie schufen stattdessen eine ungewöhnliche Konstruktion: Der Nachlass von Else floss in eine gemeinnützige Stiftung, die Else Kröner-Fresenius-Stiftung. Die Kinder sollten ihre Ausbildung finanziert bekommen, aber dann würde Schluss sein. Else starb 1988, Hans 2006, mittlerweile gehören knapp 60 Prozent der Fresenius-Stammaktien der Stiftung. Wer diese kontrolliert, kontrolliert den Konzern. Aktueller Wert des Stiftungsvermögens: 1,5 Milliarden Euro.

Und hier kommt Dieter Schenk ins Spiel. Der graubärtige Anwalt, mit der weichen Stimme im Münchner Dialekt, wurde 2003 zum gut dotierten Testamentsvollstrecker von Else Kröner bestellt. Er ist an wichtigen Entscheidungen beteiligt und eine der grauen Eminenzen der deutschen Wirtschaft: stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Fresenius, der Tochter Medical Care und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Else Kröner-Fresenius-Stiftung. Insgesamt sitzt Schenk in sieben Aufsichtsräten.

Gabriele Kröner, Hans Kröners erste Tochter, stößt sich an der Macht des Münchners. Sie kritisiert die Ämterhäufung, rügt, dass Fresenius Aufträge just an jene Kanzlei vergibt, in der er Partner ist, bemängelt die angeblich mangelnde soziale Ausrichtung der Stiftung, wirft ihm vor, den Willen der Eltern zu missachten. "Er hat ein falsches Verständnis von der Aufgabe", sagt sie stern.de. "Er sitzt an allen Schaltstellen. Er ist niemandem mehr verpflichtet, es gibt keine Kontrollmöglichkeiten mehr." Mit diesen Aussagen konfrontiert sagt Schenk, dass eine Kontrolle sehr wohl stattfinde - etwa durch die beiden anderen Testamentsvollstrecker und die übrigen Mitglieder im Aufsichtsrat.

"Ich war für die Herren ein Sicherheitsrisiko"

Zudem behauptet Kröner, Schenk habe sie ausgebootet, sie gezielt aus dem Unternehmen ihres Vaters gedrängt. Denn von 2003 bis 2007 saß sie im Vorstand der Stiftung, 2008 verschwand sie aus dem Fresenius-Aufsichtsrat. „Ich war für die Herren ein Sicherheitsrisiko", sagt sie. Im Juli 2005 habe Schenk ihren 95 Jahre alten Vater zudem überrumpelt, als es darum ging, auf seinen Pflichtanteil am Erbe der toten Ehefrau in Höhe von 72 Millionen Euro zu Gunsten der Stiftung zu verzichten. Der Mann sei taub und dement gewesen - Schenk habe das ausgenutzt. "Ich glaube nicht, dass Schenk gut schläft", sagte Kröner stern.de. "Er weiß im Grunde seines Herzens, dass er nicht in Elses Sinne handelt."

Schenk behauptet, alles sei korrekt gelaufen. Und bei der Behauptung, er habe ihren Vater bei seinem Verzicht auf seinen Pflichtanteil unlauter gesteuert, handele es sich um „blanke Lügen“. Ja, sagte er gegenüber stern.de, Hans habe zwischenzeitlich überlegt, den Pflichtteil einzufordern, den Gedanken dann aber wieder verworfen. Und ja: Es stimme auch, dass Vater Kröner zeitweise mit der Arbeit der Stiftung unzufrieden gewesen sei. Aber an den Vorwürfen gegen ihn sei nichts dran.

Beobachter beurteilen zumindest Schenks Machtfülle und die Praxis der Auftragsvergabe durchaus kritisch: "Von außen macht das keinen besonders hygienischen Eindruck", sagte der Professor für Bankwirtschaft und Fresenius-Aktionär Leonhard Knoll stern.de. Er macht "Interessenkollisionen" aus. Knoll vertritt häufig Aktionärsinteressen.

Nachdem die verbale Kritik keine Wirkung gezeigt hat, versucht Kröner nun, Schenk per Gerichtsbeschluss beim Nachlassgericht zu stürzen, ihn seines Amtes entheben zu lassen. Das Argument: Er verfolge nicht den Willen von Else, die mit ihrem Geld in der Stiftung gemeinnützig handeln wollte. "Alle Macht leitet sich aus dem Amt des Testamentsvollstreckers ab", sagte Kröner. "Die Begründung für die Macht wäre von einem auf den anderen Tag weg." Dabei steht Gabriele Kröner nicht allein. Nach eigenen Angaben wird sie bei ihrem Ansinnen mindestens von einer Schwester, einer weiteren Verwandten und einer Bekannten der Familie unterstützt.

Der Versuch einer Amtsenthebung ist der übliche Weg, mit dem Erben einen Testamentsvollstrecker aus dem Weg räumen können. Ob es ihr gelingt, Schenk die nötige "grobe Pflichtverletzung" nachzuweisen, bleibt anzuwarten. "Für Testamentsvollstrecker gibt es in Deutschland strikte Vorgaben, an denen sie sich messen lassen müssen", sagt Julia Roglmeier, Expertin für Erbrecht in München.

Geschwister kritisieren Gabriele Kröner

Auf der anderen Seite sammelt Schenk seine Truppen. Andere Kröner-Kinder haben sich auf die Seite des Testamentsvollstreckers geschlagen. Die Familie halte zusammen, sagt etwa Andreas Berninger - bis auf Gabriele Kröner.

Bei ihrem Streit überlassen Tochter und Testamentsvollstrecker nichts dem Zufall, beide kämpfen mit allen Mitteln. Während Kröner sich der Dienste eines Medienberaters bedient, verschickt Schenk Eidesstattliche Versicherungen der Geschwister, in denen Gabriele Kröner massiv angegriffen wird.

Auf der Hauptversammlung in Frankfurt will Gabriele Kröner auftauchen und sich einmischen. Wie? "Das hängt von dem Verlauf der Diskussion ab", sagte sie stern.de. Mehr wollte sie nicht verraten. "Dann wäre ja die Überraschung weg."

Vielleicht wird in Frankfurt doch auch über etwas anderes diskutiert als über den Aktienkurs.

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