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Im Reich des "iGod"

Dies ist die Geschichte einer Verführung. Steve Jobs hat aus einem kleinen Computerbauer die am meisten bewunderte Marke der Welt gemacht. Wie schafft er es, dass sich Millionen Menschen in Telefone und Rechner verlieben? Und wer ist der Mann, den seine Anhänger als "iGod" verehren?

Von Giuseppe di Grazia und Karsten Lemm

Vor ein paar Wochen geschah es wieder, dass einige von ihnen spurlos verschwanden. Auf einmal waren sie nicht mehr an ihrem Platz. Keiner weiß, wo sie sind. Aber alle wissen, dass sie sich irgendwo im Hause in einem unscheinbaren Büro verstecken, mit Fenstern, die mit Papier abgeklebt sind, und vermutlich mit dem Schild Buchhaltung oder Steuerverwaltung an der Tür.

Sie sitzen gewöhnlich auf der Etage, wo ER sein Büro hat. ER will sie ja in solchen Fällen immer ganz in seiner Nähe haben. Monatelang und jedes Wochenende. Keiner im Hause weiß, woran sie gerade arbeiten. ER misstraut seinen eigenen Mitarbeitern. Bei anderen Firmen mag der Hausausweis reichen, um überall die Sicherheitskontrolle zu passieren, hier werden sie ähnlich gründlich gefilzt wie Reisende am Flughafen. Man kann auch sagen: ER hat einen Sicherheitstick.

ER ist Steve Jobs. Und bei Apple verschwinden immer wieder Mitarbeiter, damit Steve Jobs Monate später mal wieder mit einem "insanely great thing", mit einem "unfassbar großartigen Gerät", die Welt verblüffen kann. Auf Pressekonferenzen, die eher Rockkonzerten gleichen. iMac, iPod, iPhone. Das ist der Dreiklang der Apple-Erfolgsgeschichte. Jobs wird als iGod verehrt. Er bestimmt, was die Menschen sehen und was sie hören - und wie sie es sehen und hören. Er bestimmt, wie sie arbeiten und woran; er bestimmt, wie sie telefonieren und womit. Selbst wenn sie kein Apple-Produkt besitzen, denn alle Hersteller orientieren sich daran. Jobs brachte den Computer zu den Menschen nach Hause und nun mit dem iPhone in ihre Hosentasche. Er erfindet nicht immer alles neu, aber er macht es besser und schöner. Er bestimmt das Spiel. Es sind seine Regeln, nach denen die anderen mitspielen dürfen: Computerhersteller, Handyfirmen, die Filmbranche und die Musikindustrie.

Die Apple-Sekte

Steve Jobs, 54, ist ein Ästhet, ein Perfektionist, ein glänzender Verkäufer, ein arroganter Fiesling, ein Despot, ein Zuchtmeister und eine Muse, also ein Genie. Das erzählen alle, die ihn kennen. Jobs hat Apple zur innovativsten Firma und zur am meisten bewunderten Marke der Welt geformt. Aber auch Apple macht mal Unsinn. Auch Apples Geräte spinnen mal rum. Nur gibt das kaum jemand zu, der eines hat. Apple macht süchtig. Apples Fangemeinde ist eine Art Konsum-Sekte. Das Zeichen einer Sekte ist Verblendung.

Anfang Juni wurden bei der Apple-Entwicklerkonferenz in San Francisco lediglich Updates alter Produkte vorgestellt, darunter auch das iPhone 3GS, und trotzdem jauchzten und jubelten und klatschten die gut 5000 Besucher. Steve Jobs ließ sich nicht blicken. Er ist der Mann fürs Revolutionäre. Erst jetzt werden wieder neue Geniestreiche erwartet, das Jobs von seiner krankheitsbedingten Pause wieder an die Spitze der Firma zurückgekehrt ist. Es gibt viele Gerüchte, was das sein könnte. Ein Mini- Laptop etwa, kleiner und leichter als Apples bisherige Macbooks - und selbstverständlich auch "unfassbar" viel cooler als die Netbooks der Windows-Konkurrenz. Oder ein iPod Touch mit einem deutlich größeren Bildschirm, damit man darauf bequem Bücher und Zeitungen lesen kann. Es würde passen, wenn Apple nun auch noch den Büchermarkt neu erfände. Und es wäre ein Comeback, so wie es Jobs liebt.

Doch es könnte auch ganz anders kommen. Es gibt nur wenige, die wissen, wie es ihm wirklich geht. Iinzwischen weiß man aber, weshalb Jobs ein halbes Jahr Auszeit brauchte: Er unterzog sich einer Lebertransplantation. Lange wurde gemunkelt, woran der Apple-Chef den leidet. Dass er ein gesundheitliches Problem hatte, wurde schon allein beim Betrachten seiner Fotos klar. Innerhalb weniger Monate hatte Steve Jobs viel Gewicht verloren. Er schob es auf eine Hormonschwäche. Erst spät informierte er die Öffentlichkeit über die waren Hintergründe. Obwohl er ein öffentlicher Mensch ist, betrachtet Jobs seine Gesundheit als Privatangelegenheit. Die Apple-Aktionäre sehen dass anders, der Kurs der Aktien richtet sich maßgeblich nach dem Puls des Firmenlenkers.

Überlebenswichtige Geheimhaltung

Auch als er 2004 vom Krebs angefallen wurde, schwieg die Firma. Erst als die Operation gelungen war, erfuhr die Öffentlichkeit von der Krankheit. Denn jedes Mal wenn sich die Börse Sorgen um den Apple-Chef macht, rauscht die Aktie in den Keller. Es gibt wohl kein Unternehmen dieser Größe, das so abhängig ist von einer einzelnen Person wie Apple.

Steve Jobs ist die One-Man-Show. Hinter seinem Ego und Charisma, hinter seinen Auftritten verbirgt sich die ganze Firma; aber er ist es auch, der die Kraft und den Ideenreichtum der 35.000 Mitarbeiter in den Produkten bündelt.

San Francisco, ein italienisches Restaurant mitten in der Stadt. Schlichtes Design, feine Küche. Jonathan hat es als Treffpunkt vorgeschlagen. Jonathan arbeitet bei Apple, er heißt aber nicht Jonathan. Alle Interview-Anfragen des stern für diese Geschichte wurden von Apple abgelehnt. Mitarbeiter, die trotzdem sprechen, bitten darum, anonym zu bleiben, selbst wenn sie Jobs und Apple nur bewundern und loben. Es ist eine eigenartige Mischung aus berechtigter Furcht, vorauseilendem Gehorsam und großer Loyalität. Nicht mal der Name der Firma darf am Tisch erwähnt werden. Statt von Apple spricht Jonathan immer von der "Aprikose". Er sagt: "Die Geheimhaltung mag lächerlich wirken, aber sie ist überlebenswichtig für ein Unternehmen, das davon lebt, innovativer als die anderen zu sein." Jonathan erzählt nicht mal seiner Frau, woran er gerade arbeitet.

Der Star ist die Firma

Jonathan ist einer der Besten auf seinem Gebiet, aber das allein hätte nicht gereicht, um bei Apple zu landen. Jobs verlangt von seinen Leuten, dass sie sich in Apple verlieben. Er sagt tatsächlich "to fall in love", und: "Dann werden Sie immer das Beste für Apple machen und nicht für sich." Apple braucht keine Stars, der Star ist die Firma. Und der Superstar Steve Jobs.

Als Jobs 1997 an die Spitze von Apple zurückkam, stand das Unternehmen vor der Pleite. Er fragte die Mitarbeiter: "Was stimmt nicht mit der Firma?" Noch bevor jemand antworten konnte, sagte er: "Es sind die Produkte, die sind beschissen. Sie sind nicht sexy." Er verlangte Produkte, in die sich alle verlieben können.

Das alles hört sich für einen Mann aus der Welt der Bits und Bytes verdammt pathetisch an. Hat sich früher etwa jemand in seinen Plattenspieler verliebt oder in sein Telefon? Heute hört man dauernd: "Ich liebe meinen iPod", "Ich liebe mein iPhone". Jobs bringt die Menschen dazu zu schwärmen, wie von einem Buch oder einer Platte. Bei Apple wird die Hardware zur Software. Man kann auch sagen: Apple hüllt die Technik in Sinnlichkeit.

Unsichtbares sichtbar machen

Viele glauben ja, Steve Jobs gehe es in erster Linie um das Design, also das Gehäuse. Dabei kümmert er sich zuerst immer um die Software, also das Innenleben. Jonathan erzählt: "Er kann sich Software vorstellen, er kann sie fühlen." Jobs stellt sich vor, wie man an einem MP3-Player aus Tausenden von Songs ein Lied sekundenschnell per Drehrad aussucht, wie man auf dem Bildschirm seines Handys mit dem Finger Bilder an sich vorbeiflippen lässt. Dann schickt er seine besten Leute in die abgedunkelten Zimmer, und Monate später kommt dabei der iPod oder das iPhone heraus.

John Maeda, Leiter der Rhode Island School of Design, sagt: "Jobs ist kein Designer, er ist auch kein Entwickler. Aber er schafft es, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Der iPod oder das iPhone sehen so aus, weil die einfache, benutzerfreundliche Software durch sie sichtbar wird. Das ist es, was gutes Design ausmacht. Und Apple macht geniales Design."

Jobs glaubt an das Schlichte. Sein Kleidungsstil, diese Kombi aus grauen Turnschuhen, Jeans und langärmligem schwarzem T-Shirt, reflektiert seine Grundhaltung, und sie findet sich auch in den Produkten wieder. Zu seinen Entwicklern sagt er: "Nehmt dies weg, und nehmt das weg." Die Geräte sind Steve Jobs. Nicht Apple.

Jobs privat

Mit Mitte 20 ist Jobs Millionär und wohnt in einem fast leeren Haus. Er schläft auf einer Matratze auf dem Boden, an der Wand hängen einige Fotografien. Herkömmliche Möbelstücke findet er nicht inspirierend genug. Er gibt viel Geld aus für ein altes deutsches Klavier. Jobs kann nicht spielen, er möchte es nur anschauen. Ein Freund wird später erzählen: "Steve meinte, dass dieser Flügel würdig sei, mit ihm den Raum zu teilen."

Jobs hatte nach wenigen Vorlesungen sein Kunststudium in Portland abgebrochen, Cola-Flaschen gesammelt, um sich vom Pfand Essen zu kaufen, bei Freunden im Flur geschlafen. Er reiste nach Indien, nahm LSD. Der Zen-Buddhist Kobun Chino wurde sein spiritueller Guru. 1976, im Alter von 21 Jahren, gründete er mit seinem Freund Steve Wozniak Apple, sie brachten den ersten Heimcomputer heraus. Das "Time Magazine" hob ihn aufs Cover, Jobs wurde berühmt und begehrt. Er ging mit Joan Baez und Diane Keaton aus.

Mit 30 wird er aus der eigenen Firma geschmissen, weil er den Vorstand stürzen will. Er übernimmt Pixar und macht es zum innovativsten Animationsstudio; zur selben Zeit gründet er Next, eine neue Computerfirma, die später von Apple gekauft wird. Zwölf Jahre nach seinem Rauswurf kehrt Jobs zu seiner Firma zurück. Er löst die Applemania aus und macht die Aktionäre reich. Wer 1997 in Apple 1000 Dollar investierte und einen langen Atem bewies, bekäme dafür heute rund 35.000 Dollar.

Die Geschichte wiederholt sich

Als Kind wird Steve Jobs von Clara und Paul Jobs, einem Paar aus Kalifornien, adoptiert und aufgezogen. Erwachsen und erfolgreich, lässt er seine leiblichen Eltern von einem Detektiv finden: die Mutter, Joanne Simpson, und den Vater, Abdulfattah "John" Jandali, einen Syrer. Jandali und Simpson waren unverheiratet und 23 Jahre alt, als sie ihr Baby zur Adoption freigaben. Ein paar Monate später heirateten sie und bekamen ein weiteres Kind, eine Tochter. Dieses Mal behielten sie ihr Kind, vier Jahre später trennten sie sich.

Als Jobs selbst 23 Jahre alt ist, wird seine Freundin schwanger, und auch er entzieht sich der Verantwortung. Er ist reich, er ist berühmt, doch er lässt es zu, dass die Mutter seiner Tochter Lisa mit Geld vom Sozialamt leben muss. Er streitet die Vaterschaft sogar vor Gericht ab, er legt einen Eid ab, dass er nicht der Vater sein könne, weil er "zeugungsunfähig" sei. Er heiratet danach die Finanzexpertin Laurene Powell und zeugt weitere drei Kinder. Bei seiner ersten Tochter versucht Jobs auf seine Art, etwas gutzumachen: Er benennt einen Computer nach Lisa. Als Vater wird er sich aber erst viel später zu ihr bekennen.

Mit seiner Familie wohnt Jobs heute in einem großen Haus in Palo Alto, das aussieht wie aus einem Märchen. Vom kühlen Apple-Design keine Spur. Im Inneren soll allerdings auch diese Villa eher spärlich möbliert sein. Seinen Sohn Reed schickte Jobs auf die Nueva School, eine Schule für begabte Kinder. Von Jobs war bei Elternabenden und ähnlichen Gelegenheiten nie etwas zu sehen. Das ist ihm zu gewöhnlich.

Alleinherrschender Kontrollfanatiker

Steve Jobs liebt es eben, nach eigenen Regeln zu leben. Seinen Mercedes auf dem Behindertenparkplatz abstellen, das Auto ohne Nummernschild fahren, alles nicht ungewöhnlich. Er nennt das "ein kleines Spiel". In seiner Firma gibt es einen Vorstand und einen Aufsichtsrat, aber er leitet sie so, als wäre er ein Alleinherrscher.

Menschen, die als Kind zur Adoption freigegeben werden, sagt man, seien später oft Kontrollfanatiker. Die frühe Erfahrung erscheint ihnen im Rückblick als unerträgliche Hilflosigkeit. Sie suchen deshalb nach Kontrolle genauso wie nach Liebe und Aufmerksamkeit. Diese Annahme mag zutreffen, vielleicht auch nicht, aber bei Jobs würde sie vieles erklären. Zum Beispiel, dass er bei Apple alles unter einem Dach haben möchte, die Hardware und die Software im Zusammenspiel, anders als Bill Gates, sein Konkurrent von Microsoft. Dass kein Pixel an ihm vorbeiläuft, das er nicht persönlich inspiziert hat. Oder seine egomanischen Produktpräsentationen. Solche Auftritte, glauben Mitarbeiter, brauche Jobs wie Luft zum Atmen.

Braucht Apple Steve Jobs?

Manche seiner Rivalen hält Jobs für Idioten, mittelmäßige Idioten. Unausgesprochen sieht er sich selbst in einem Werbespot in einer Reihe mit Gandhi, John Lennon, Bob Dylan und Martin Luther King. Bei einem solchen Mann überrascht es nicht, dass er auch von Marktforschung nichts hält. Steve Jobs verlässt sich lieber auf sich selbst.

Innovation ohne Grenzen

Jonathan ist während des Essens nun beim Dessert angelangt. Er hat in der vergangenen Stunde von Jobs geschwärmt. Jonathan rückt seine Brille zurecht, schiebt den Teller zur Seite, lächelt verlegen und sagt: "Ich weiß, es klingt so, als wäre ich dafür bezahlt worden. Aber Jobs weiß wirklich wie kein anderer, was sich die Welt da draußen wünscht. Und manchmal weiß er das, bevor die Menschen sich das überhaupt wünschen." Steve Jobs selbst sagte dazu mal: "Die Leute können ja nicht um die Ecke schauen."

Was er meint: Ich schon.

Jobs fragt sich nicht: Was kann ich den Leuten noch andrehen? Im Kopf von Steve Jobs, so muss man sich das wohl vorstellen, läuft es anders ab: Was nervt mich? Mein Handy. Okay, warum? Ich hasse es, es ist furchtbar. Fürchterliche Software. Die Hardware auch nicht viel besser. Er denkt sich, das ist ein Riesenmarkt, auf dem wir was tun sollten. Mehr als eine Milliarde Handys werden jedes Jahr verkauft. Was haben wir? Wir haben einen Mac, einen iPod. Wir können also ein Handy bauen mit einem Mac und einem iPod drin. Wir haben also die Chance, etwas Besseres zu erschaffen.

So ist das iPhone entstanden.

Andere Unternehmen stoßen an Grenzen und weichen zurück. Steve Jobs akzeptiert keine. Er fragt immer: Wovon träumen wir? Nur so kann man Grenzen überschreiten, nur so kann man wirklich Neues schaffen.

Keine Kompromisse

Cordell Ratzlaff, 49, heute Director of User-Centered Design bei Cisco, ist der ursprüngliche Designer von OS X, dem Betriebssystem des Mac. Er hat bei Apple eine Zeit lang Jobs aus nächster Nähe erlebt. Ratzlaff erinnert sich: "Jobs lässt ein Nein als Antwort nicht gelten." Als Jobs wieder zu Apple kam, stellte er den Entwicklern die Idee des iMac vor. Die hatten tausend Gründe, weshalb man das so nicht machen könnte. Und Jobs sagte: "Wir machen das genau so." Die Entwickler bockig: "Warum?" - "Weil ich der Chef bin." Der iMac wurde ein Riesenhit.

Fast alles, was Apple herausbringt, wird zum Erfolg. Im Apple-Store finden sich Männer wie Frauen, Alte wie Junge. Die Läden selbst machen einen Teil der Faszination aus.

Entworfen wurden die ersten Stores von Steve Jobs, dem Verkaufsteam von Apple und der Designagentur "Eight Inc.". Wilhelm Oehl und sein Partner Tim Kobe arbeiten seit 1999 für Apple. Oehl ist ein Schreiner aus dem Rheinland, er studierte Anfang der 90er Jahre Industriedesign in der Schweiz und in Kalifornien und landete später in San Francisco.

Filialen mit Rundumversorgung

Oehl ist dunkel gekleidet, hat einen Dreitagebart und eine leise, angenehme Stimme, er ist genau so, wie man sich einen Designer vorstellt. Und wenn Oehl erzählt, schiebt er Sachen, die auf dem Tisch stehen, gern hin und her, damit man sich das Zusammenspiel von Möbeln, Produkten und Raum besser vorstellen kann. "Steve bat um eine kundenorientierte Präsentation", sagt Oehl. "Bisher standen ja immer die Geräte im Mittelpunkt. In den Apple-Läden sollte es dagegen Platz zum Durchatmen geben, damit sich die Kunden von den Produkten und den Verkäufern nicht eingeengt fühlen."

Die Apple-Läden sehen aus wie ein Designmuseum, sie dienen als riesige Werbefläche für die Marke, als Freizeitpark, als Treffpunkt für Gleichgesinnte und als Notaufnahme für Erste-Hilfe-Fälle. Andere Hersteller denken, wenn sie ein Gerät verkauft haben, dann ist die Sache erledigt. Apple dagegen setzt auf Rundum-Betreuung. An der "Genius Bar" helfen junge Verkäufer im dunkelblauen Hemd weiter, wenn man mit seinem iPod oder Mac-Rechner Probleme hat. Die "Personal Shopper" in Türkis kümmern sich um unentschlossene Käufer. Man kann mit ihnen sogar vorab einen Termin ausmachen. Und es gibt eine Ecke, wo Kinder an Computern spielen können, damit sie ihre Eltern in Ruhe shoppen lassen.

"Apple verkauft kein Produkt, sondern ein Erlebnis", sagt Wilhelm Oehl. 257 Stores gibt es weltweit, vergangenes Jahr kamen 100 Millionen Besucher. Im Dezember eröffnete in München der erste deutsche Apple-Laden, ein weiterer soll in Hamburg folgen.

Teure Massenprodukte

Früher war Apple die Kultmarke für Werber, Journalisten, Kreative, also für einen exklusiven Kreis. Heute ist Apple dank iPod und iPhone Lifestyle für die Masse und trotzdem noch sehr teuer. Wer zum Beispiel in Deutschland das iPhone 3GS für einen Euro haben möchte, muss einen Vertrag über eine Mindestlaufzeit von 24 Monaten abschließen, so kommen weitere 2880 Euro Tarifkosten hinzu. Viele sind dazu trotzdem bereit.

Selbst die Wirtschaftskrise hat Apple bisher nur gestreift. Der Gewinn kletterte in den ersten drei Monaten des Jahres um 15 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar, der Umsatz um 9 Prozent auf 8,2 Milliarden. Zu verdanken hat Apple das zum Großteil seinem Design-Handy. 3,8 Millionen iPhones verkaufte das Unternehmen, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

Apple ist eine Geldmaschine. Rund eine Milliarde Programme wurden aus dem "App Store" für das iPhone heruntergeladen, aus Apples Musikbibliothek mehr als sechs Milliarden Songs. Der "iTunes Store" ist damit zum größten Musikverkäufer Amerikas geworden. Lediglich die alte, teure Computersparte schwächelt. Apples Image bei den Computern ist von jeher viel größer als sein Marktanteil: Der liegt nämlich bei gerade mal fünf Prozent.

"Er hat mich besser gemacht"

Mit dem Ur-Mac allerdings begann der Mythos um Apple, vor 25 Jahren. Zum Jubiläum trafen sich im Januar viele, die 1984 dabei waren. Steve Jobs meldete sich per Telefon. "Er sagte nichts über seine Krankheit, und alle anderen sprachen auch nicht darüber", erzählt Andy Cunningham von der Wiedersehensfeier. Die 51-Jährige arbeitete für Apples damalige PR-Agentur, später wurde sie Steve Jobs' Beraterin. Vor einigen Monaten sah sie ihn zufällig auf der Straße, er war auf dem Weg zu einem Joghurt-Laden. "Er ging mit energischem Schritt, wirkte völlig gesund, und natürlich hatte er sein Auto im Parkverbot abgestellt", erinnert sich Andy Cunningham.

Die Zusammenarbeit mit Jobs, erzählt sie, habe ihr erst gezeigt, wo ihre Grenzen liegen. "Ich dachte, ich kann bis hierhin gehen", sagt sie und hält eine Hand direkt neben die andere - "aber in Wahrheit konnte ich bis hierhin." Sie streckt sich, bis der linke Arm über den halben Tisch reicht. Wilhelm Oehl, der Store-Designer, erzählt Ähnliches. Eigentlich erzählen fast alle dasselbe über Jobs. Jeder sagt: Er hat mich besser gemacht, ich war nie so gut wie unter ihm. Oder: Wenn ihm etwas nicht gefällt, dann wird eine Sache nicht zwei- oder dreimal gemacht, sondern 300-mal.

Bei Apple gibt es endlose Diskussionen um Qualität. Und alle sind verblüfft, dass diese Besessenheit den Laden nicht ausbremst oder lähmt. Es geht immer um das Streben nach Perfektion, sagt Wilhelm Oehl. Er schüttelt den Kopf, lacht und sagt: "Manchmal ist es so, dass gleich die erste Idee die beste ist, aber das genügt Jobs nicht. Er lässt dich so lange weitermachen, bis du alle Optionen durchdacht hast. Er will ausschließen, dass man eine noch bessere Idee übersehen hat."

Von Perfektion besessen

Jeden Arbeitsprozess begleitet Jobs. Er beugt sich über die Entwürfe, und die Mitarbeiter bekommen Dutzende Kommentare zu hören - und sie können sicher sein, dass Jobs sich beim nächsten Mal an alle erinnert.

Das ist Steve Jobs, der Motivator. Doch Mitarbeiter sind für ihn Verbrauchsmaterial. Es ist das Rennwagen-Prinzip - wenn die Reifen abgenutzt sind, wechselt man sie aus. Er bringt schon mal einen seiner Leute zum Weinen. Sie sind für ihn entweder "genial" oder "bozos", Dummköpfe. Man kann innerhalb von Sekunden von einer in die andere Kategorie rutschen.

Andy Cunningham hat drei Jahre mit Jobs zusammengearbeitet. Oder man kann auch sagen: Sie hat es drei Jahre lang ausgehalten. Er hat sie mehrmals gefeuert und dann wieder eingestellt. Zwei Tage Urlaub hat sie in ihrer Zeit bei Jobs gehabt. Ihre Flitterwochen verbrachte sie mit ihrem Mann auf einer Computermesse. Wenn Jobs rituell am Ende seiner Präsentationen den Familien dafür dankt, "dass sie verstehen, wenn wir nicht rechtzeitig zum Abendbrot zu Hause sind", dann weiß er genau, warum er das tut. Und warum es bei Apple Paartherapeuten für gestresste Mitarbeiter gibt.

Der Motor von Apple

Apples Firmensitz liegt in Cupertino, in einem dieser gesichtslosen Vororte des Silicon Valley. Der Campus besteht aus einer Handvoll blassgelber Sandsteingebäude, die neben dem Highway 280 um eine ovale Rasenfläche gestellt sind. Mitarbeiter können zum Lunch im Patio sitzen, das Kantinenessen ist mittelmäßig, aber es gibt eine eigene Station für Gerichte, die ohne Fleisch, Ei, Gelatine und andere Tierprodukte zubereitet werden. Jobs ist seit Jahren Veganer. Hier saß er oft mit seinen engsten Mitarbeitern. An den Tischen wird jetzt erzählt, dass Jobs in den vergangenen Monaten mehrmals heimlich ins Büro gekommen sei. Einige wollen wissen, dass er die Firma nach dem Comeback öfter von zu Hause aus kontrollieren möchte. Jonathan sagt: "Alle, egal, wie sehr sie unter ihm leiden, hoffen, dass er bald wieder da ist."

Diese Kultur, die er geschaffen hat, braucht ihn oder zumindest einen wie ihn. Einen, der die Autorität hat, geniale Ideen mit genialen Leuten umzusetzen. Der sich nicht verliert in den Eitelkeiten der Einzelnen. Steve Jobs ist dieser Geist in der Apple-Maschine. Ohne ihn wird Apple vielleicht überleben, er hat sich ja ein Weltklasseteam zusammengestellt: mit Tim Cook, seinem Vize, oder Jonathan Ive, dem Chefdesigner. Aber es wäre ein anderes Unternehmen.

Bevor Jobs zu Apple zurückkehrte, mangelte es dort nicht an klugen Köpfen, wohl aber an Disziplin und Durchsetzungskraft. "Es gab damals diesen Witz bei uns", erzählt der OS-X-Designer Cordell Ratzlaff. "Eine Abstimmung mit dem Ergebnis 1 zu 10.000 zählt als Patt." Nach dem Comeback von Jobs änderte sich die Pointe. Von da an hieß es: Die eine Stimme gewinnt.

Mitarbeit: Dirk Liedtke, Lilith Volkert, bla/print
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