Hoeneß denkt nicht an Rücktritt

21. April 2013, 22:09 Uhr

Uli Hoeneß hoffte auf ein anonymes Verfahren. Als das Steuerabkommen mit der Schweiz scheiterte, schritt er zur Selbstanzeige. Der Präsident des FC Bayern will aber nicht zurücktreten.

Ein geheimes Konto in der Schweiz könnte Uli Hoeneß teuer zu stehen kommen. Nach einer Selbstanzeige beim Finanzamt geht es für den Präsidenten des FC Bayern München nicht nur um Geld und Straffreiheit, sondern auch um sein Ansehen, das nach den Enthüllungen des Wochenendes mehr als angekratzt ist. Das öffentliche Bild des streitbaren Vordenkers und populären Klartextredners mit hohen Wertvorstellungen über den Fußball hinaus muss womöglich ganz neu gezeichnet werden.

Personelle Konsequenzen beim Rekordmeister schloss Hoeneß für sich vorerst aus. "An einen Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender bei Bayern München denke ich nicht", sagte er der "Sport Bild Plus". Da der Chef des Gremiums der Aktiengesellschaft stets auch Präsident des eingetragenen Vereins ist, gilt diese Aussage für beide Ämter. Hoeneß kündigte zudem seinen Besuch des Halbfinal-Hinspiels in der Champions League am Dienstag in der heimischen Allianz Arena an. "Gegen Barcelona bin ich auch wieder im Stadion", sagte er. Beim 6:1-Sieg im Bundesligaspiel am Samstag bei Hannover 96 saß der Präsident nicht auf der Tribüne.

Hoeneß will zunächst Hausaufgaben erledigen

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt gegen den 61 Jahre alten Sportfunktionär und Unternehmer wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung, wie der "Focus" in seiner neuen Ausgabe schreibt. Das Nachrichtenmagazin, dessen Herausgeber Helmut Markwort dem Verwaltungsbeirat des FC Bayern angehört, berief sich auf Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich und Hoeneß selbst. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) erklärte, schon seit Längerem Kenntnis von dem Verfahren zu haben.

Der "Focus" zitierte aus einer schriftlichen Stellungnahme, die Hoeneß dem Magazin übermittelt habe: "Ich habe im Januar 2013 über meinen Steuerberater beim Finanzamt eine Selbstanzeige eingereicht." Diese hänge "mit einem Konto von mir in der Schweiz" zusammen.

Laut Oberstaatsanwalt Heidenreich sei die "Prüfung auf Wirksamkeit und Vollständigkeit der Selbstanzeige" Gegenstand des Verfahrens. Belegbare Angaben über die im Raum stehenden Summen gibt es nicht. Auch eine Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft wollte keine näheren Angaben zum Fall machen.

Hoeneß will sich aber erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder zur Steuercausa äußern. "Ich darf im Moment nichts sagen, denn ich befinde mich in einem schwebenden Verfahren", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". "Sie können sich vorstellen, dass mir vieles auf der Zunge liegt, aber ich muss erst mit den Behörden meine Hausaufgaben machen."

Glaubwürdigkeit "extrem erschüttert"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hielt sich zurück. "Jeder Kommentar von mir wäre einfach falsch", erklärte er auf einer Dienstreise in Washington. Die politische Opposition im Bund und in Bayern hielt sich im Wahlkampfjahr dagegen nicht mit lauter Kritik an den Unionsparteien und dem CSU-Sympathisanten Hoeneß zurück.

"Mich enttäuscht, dass jemand wie Uli Hoeneß, der Leistung, Disziplin und Geradlinigkeit unerbittlich wie kaum ein anderer fordert, beim Steuerzahlen Anspruch und Wirklichkeit nicht in Übereinstimmung bekommt", sagte NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans. Florian Pronold, Chef der Bayern-SPD, urteilte: "Uli Hoeneß ist kein Vorbild mehr." Sylvia Schenk, die Sportbeauftragte der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, sieht Hoeneß beschädigt. Seine Glaubwürdigkeit sei "extrem erschüttert", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Hoeneß wird an seinen Worten gemessen

Selbstanzeigen eröffnen Steuerhinterzieher grundsätzlich die Möglichkeit, nachträglich Straffreiheit zu erlangen, wenn dies dem Fiskus verborgene Steuerquellen erschließt. Hoeneß sagte laut "Focus", dass er die Angelegenheit ursprünglich über das von der Bundesregierung aus Union und FDP angepeilte Deutsch-Schweizer Steuerabkommen habe regeln lassen wollen. Dieses war im Bundesrat am Widerstand der von SPD und Grünen regierten Bundesländer gescheitert.

Gegen Hoeneß wendet sich nun auch, dass er seit seinem Rückzug vom Managerposten und der Wahl zum Bayern-Präsidenten im Jahr 2009 sein Engagement auf politischem und sozialem Terrain forciert hatte. Der Metzgerssohn, der auch mit großzügigen Spenden ein Herz für die Schwachen in der Gesellschaft beweist, äußerte sich in Talkshows auch zu Steuerfragen wie der Reichensteuer. Man müsse die Reichen im Lande behalten, warnte er, "damit sie hier gemolken werden können". Er verwies auch darauf, dass die Bayern-Profis "schon jetzt eine Halbzeit für das Finanzamt" spielten.

Auch wenn den FC Bayern die "Privatangelegenheit" (Trainer Jupp Heynckes) des Präsidenten zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt trifft, erwarten die sportlich Verantwortlichen keine Auswirkungen auf das Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona am Dienstag. "Das in irgendeine Verbindung mit Barcelona zu setzen, ist völliger Quatsch", sagte Sportvorstand Matthias Sammer am Sonntag im TV-Sender "Sport 1".

Als Beweis konnte er den Sieg der Münchner Profis in Hannover anführen. "Uli Hoeneß ist für uns natürlich ein wichtiger Mann, aber wir äußern uns dazu nicht - und das belastet uns überhaupt nicht", versicherte Heynckes. Dass Hoeneß in Hannover nicht im Stadion war, ist ein seltenes Ereignis beim FC Bayern. Der "Sport Bild Plus" zufolge war dieses Fehlen schon länger mit Karl-Heinz Rummenigge ausgemacht. Der Vorstandsvorsitzende sparte sich demnach ebenfalls die Reise nach Niedersachsen, um Kraft für die Duelle in der Königsklasse zu sammeln.

Mit der Steueraffäre belastet Hoeneß "seinen" Club ausgerechnet in einer Saison, in der die Mannschaft mit dem Gewinn des Triple (Meisterschaft, Pokal und Champions League) sein sportliches Lebenswerk krönen könnte.

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