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Wie ein Dorf die lokale Energiewende schaffte

In dem Dorf Jühnde zeigen die Einwohner, dass Erneuerbare Energien keine Millionen-Subventionen brauchen - und dass die lokale Energiewende möglich ist. Jetzt will der Ort die ganze Welt verbessern.

Von Rolf-Herbert Peters

  Jühnde im Landkreis Göttingen hat die lokale Energiewende geschafft.

Jühnde im Landkreis Göttingen hat die lokale Energiewende geschafft.

Die Kameruner sind gerade weg, Manfred Menke sieht den Bus noch auf der Dorfstraße verschwinden. Doch Zeit für eine Pause bleibt ihm nicht. Die Japaner sind schon da. Menke schüttelt acht Hände, acht Verbeugungen, acht genuschelte "Hello".

Die Gäste, fünf Männer, drei Frauen, sind Politiker aus der Nähe von Fukushima, wo 2011 das Atomkraftwerk explodierte. Jetzt stehen sie in ihren dunklen Anzügen und feinen Kostümen neben den Silos im Staub einer Biogasanlage. Einer der Japaner bückt sich und greift in die Biomasse, die neben dem Ökokraftwerk lagert. Er lässt sie durch die Finger rieseln, als wäre es Zaubersalz.

Es gibt Reiseführer, die erklären Besuchern die Gotik im Kölner Dom oder die DDR an Berliner Mauerresten. Menke, 62, ein pensionierter Autobahnpolizist mit Schnäuzer, erklärt die "German Energiewende". In seiner Heimat Jühnde.

Energiewende, selbstgemacht

Die Besucher kommen aus der ganzen Welt, mehr als 20 000 waren schon da in den vergangenen Jahren. Das 800-Seelen-Dorf im Landkreis Göttingen ist berühmt, weil seine Einwohner ein Meisterwerk vollbracht haben: Sie haben die Energiewende geschafft. Gemeinsam. Als Do-it-yourself-Projekt. Sie beziehen Strom und Wärme fast vollständig aus klimaschonenden Quellen. Jeder Jühnder bläst im Mittel 80 Prozent weniger CO2 in die Luft als ein Durchschnittsdeutscher. Ein Traumwert, den die Bundesregierung für alle Deutschen anstrebt – allerdings nicht für 2015, sondern eher für 2050.

Und während die große Energiewende nur langsam vorangeht, starten die Jühnder noch einmal durch. Sie wollen das Bioenergiedorf 2.0 erschaffen, das Update ihrer Vision von einer besseren Welt.

Anderen Mut machen

Die Bewohner haben in den vergangenen zehn Jahren eine Menge gelernt über die Chancen und Tücken grüner Energie. Nun wollen sie beweisen, dass Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen keine Millionen-Subventionen mehr brauchen, um im Markt zu bestehen. Sie wollen sogar ihre Nachbargemeinden mitversorgen. Und ein Carsharing-System mit Elektroautos soll auch her.

Bei allem schwingt eine Botschaft mit: "Wir wollen anderen Mut machen, die Energiewende selbst in die Hand zu nehmen", sagt Eckhard Fangmeier, Vorstand der Genossenschaft Bioenergiedorf Jühnde eG. Politiker und Ökonomen teilen seine Einschätzung, 2014 wurde das Dorf von der Bundesregierung und dem Bundesverband der Deutschen Industrie als "Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen" geehrt. Jühnde 2.0 könne eine Blaupause liefern für viele der rund 3000 deutschen Klein- und Mittelstädte. Ein Turbo, um die Klimaziele doch noch zu erreichen. Minister Sigmar Gabriel sagt, ohne die Bevölkerung könne die große Wende nicht gelingen: "Ganz klar, wir brauchen die Energiegenossenschaften."

  Besuch bei der Biogasanlage: Eine japanische Reisedelegation aus Fukushima lässt sich erklären, wie man ohne Atomstrom leben kann.

Besuch bei der Biogasanlage: Eine japanische Reisedelegation aus Fukushima lässt sich erklären, wie man ohne Atomstrom leben kann.

Die Energiewende "auf einem Bierdeckel"

Solche Sätze machen Fangmeier, 56, glücklich. Der Physiker hat Feierabend. Er lümmelt im Rattansessel seines Bauernhauses und genießt den Himbeerkuchen seiner Frau. Vor zehn Jahren hat er, inspiriert von Forschern der Uni Göttingen, die Idee für die lokale Energiewende entwickelt, "auf einem Bierdeckel". Der Umbau der Strom- und Wärmeversorgung könne nur regional gelingen, sagt er. "Man muss dort produzieren, wo der Verbrauch liegt." Er hat seine Mitbürger bekniet, Genossen zu werden und 1500 Euro Einlage einzubringen. Am Ende investierten sie 5,2 Millionen, ein Großteil davon waren staatliche Zuschüsse. Gemeinsam bauten sie am Dorfrand eine Biogasanlage und ein Hackschnitzelwerk und verlegten neue Wärmeleitungen im Ort.

Klimaneutrale Wärme

"Kommen Sie mit" , sagt Fangmeier und geht voran in einen Vorratsraum, wo eingeweckte Birnen und Weinflaschen lagern. Dort zeigt er auf grau ummantelte Leitungen an der Wand, ein paar Steuergeräte und einen mannshohen Wasserspeicher. "Das ist das Geheimnis des Klimaschutzes", sagt er. Hier kommt bis zu 82 Grad heißes Wasser aus der Biogasanlage an. Zum Duschen und Heizen, jederzeit. 80 Prozent der Energie im Haushalt gehen für Wärme drauf. Die Ökowärme ist sogar billiger als die alte Ölheizung: "Wir sparen rund 700 Euro im Jahr" , sagt Fangmeier. Drei Viertel der Jühnder haben sich inzwischen an das Nahwärmenetz anschließen lassen.

Weil die Wärme mit nachwachsenden Pflanzen erzeugt wurde, ist sie klimaneutral. Sie stärkt zudem die heimische Wirtschaft: Die Bauern verkaufen Holz, Getreide, Sonnenblumen, Mist und Gülle von 800 Kühen und 1400 Schweinen an die Genossen. In der Biogasanlage wird daraus Methan, mit dem das Wasser erhitzt und Strom erzeugt wird. Rund um die Uhr.

Zu viel Energie

Der Erfolg hat einen Schatten: Niemand fragte, ob die 24-Stunden-Energieversorgung überhaupt nötig ist – die Jühnder jedenfalls verbrauchen nur die Hälfte ihres Stroms. Lieber schauten die Genossen auf ihr Konto, wo jede produzierte Kilowattstunde, die sie ins Stromnetz einspeisen, mit rund 20 Cent verbucht wird. Diesen hochsubventionierten Preis garantiert ihnen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) noch bis 2025. Das ist üblich, die anderen Betreiber von Biogas-, Wind-, Wasser- oder Solaranlagen agieren nicht anders: Fast überall wird durchgepowert. Das überlastet die Stromnetze. Mit Jühnde 2.0 wollen die Genossen die Dauerbrennerei einstellen und Energie nur noch liefern, wenn der Markt danach verlangt.

Dafür müssen sie ihr Biogaskraftwerk für 2,5 Millionen Euro erweitern, finanziert über Kredite oder Investoren. In den nächsten Monaten werden zwei hochmoderne Blockheizkraftwerke geliefert, die sich an- und abstellen lassen. Installiert werden zudem zwei weitere Heißwasserspeicher, damit die Jühnder auch duschen können, wenn die Anlage stillsteht. Das wird vor allem im Sommer sein, wenn Sonne und Wind bundesweit ausreichend Energie liefern. Die marktgerechte Produktion, die das EEG extra prämiert, bringt zwei Vorteile, sagt Fangmeier: "Sie stabilisiert das Netz und liefert etwa 160.000 Euro mehr Gewinn pro Jahr."

Biogas reicht nicht

Wenn das Update 2.0 gelingen soll, reicht es allerdings nicht, nur auf Biogas zu setzen. Das weiß niemand besser als Otto Freiherr Grote, 47. Der schlanke Mann steht in braunem Tweedjackett und Stiefeln in der Landhausküche seines Jühnder Schlosses und sortiert Leitzordner auf der Anrichte. Hier sind die Verträge seiner Liegenschaften abgeheftet. Ihm gehören rund 1200 Hektar Wälder und Felder im Umland. Seit 1664 betreibt die Familie nachhaltige Land- und Forstwirtschaft. Das heißt: Sie entnehmen der Natur niemals mehr, als nachwachsen kann. Schon deshalb lassen sich Äcker und Wälder nicht beliebig für Biogasanlagen und Hackschnitzelkraftwerke ausbeuten. Und Monokulturen, mit Maisfeldern bis zum Horizont, kann niemand wollen.

  Gerlinde Wiese nutzt auch den Carsharing-Dienst in Jühnde.

Gerlinde Wiese nutzt auch den Carsharing-Dienst in Jühnde.

"Rendite schafft Akzeptanz"

Der Freiherr, selbst Genosse des Bioenergiedorfs, will für Jühnde 2.0 einen Windpark bauen. Auf einem seiner Grundstücke sollen ab 2016 fünf Mühlen mit 101 Meter Spannweite in den Himmel ragen. Im Dorf finden das nicht alle gut. Manche feinden den Freiherrn an, weil er ihr Idyll zerstöre. Grote kann das nicht verstehen, er liebt Windräder wie die schöne Kunst: "Dieser Segelschnitt der Rotoren! Die eleganteste Erfindung der Menschheit." Eines davon ist als Bürgerwindrad konzipiert, in das alle Anwohner investieren können. Grote sagt: "Rendite schafft Akzeptanz." Er steigt in seinen Volvo und fährt zum Baugrund, seine Hündin Flitzi hockt auf der Rückbank. Auch die Stadt Dransfeld und drei weitere Dörfer der Gemeinde will er künftig mit Windstrom beliefern. Was dann noch an Energie übrig bleibt, soll nicht wieder ins Netz gedrückt werden, sondern per Elektrolyse Wasserstoff und, versetzt mit dem CO2 der Biogasanlage, Methan produzieren. "Das Gas ließe sich so leicht speichern wie heißes Wasser", sagt Grote. Ein lokaler Stromspeicher soll entstehen. Als Projektpartner hat er den Heiztechnikhersteller Viessmann gewonnen. Noch ist das Verfahren teuer, eher was für Jühnde 3.0. Aber die Genossen jagen gern Visionen nach.

Visionen hatte Gerlinde Wiese, 52, schon als Kind. Die Sozialwirtin von der Uni Göttingen wuchs in Gorleben auf, direkt neben dem Salzstock mit dem Atommüll. Ihr Vater, ein Bauer, war Mitbegründer der Republik Freies Wendland. Nun arbeitet sie daran, Jühnde auch beim Verkehr zu einem ökologischen Vorbild zu machen. Zum Konzept Jühnde 2.0 gehört ein Carsharing-Modell mit Elektroautos. Aus dem Flecken kommt man kaum weg ohne Pkw. Anderthalb Stunden braucht der Bus ins 15 Kilometer entfernte Göttingen, wo viele Jühnder arbeiten.

Carsharing, kann das funktionieren?

Ein halbes Jahr lang ist Wiese mit Studenten von Haustür zu Haustür und am Wochenende auf den Fußballplatz gezogen, hat die Menschen nach ihren Wünschen befragt. Anfangs sagten viele: Carsharing, das funktioniert vielleicht in der Großstadt, aber doch nicht bei uns. Inzwischen machen 20 Familien mit. An den Hauswänden hängen Ladestationen, wo sich die zwei Elektro-Ups von VW mit Ökostrom betanken lassen. Finanziert wurde das Pilotprojekt bislang mit Fördermitteln. Bis Juli dürfen die Jühnder die Autos umsonst nutzen, bekommen aber schon Rechnungen, um die späteren Kosten abzuschätzen. "Natürlich werden nicht gleich sämtliche Familien auf Carsharing umstellen", sagt Wiese, "aber wäre es nicht schon ein Riesengewinn, wenn nicht alle hier einen Zweitwagen brauchten?"

Noch steht nicht fest, ob sich in der Provinz wirklich genug zahlende Kunden finden. Aber sie probieren es, um irgendwann gar kein CO2 mehr in die Luft zu pusten. "Eigentlich", sagt Fangmeier, der oberste Genosse, "muss Deutschland Jühnde nur in groß denken, wenn es die Energiewende schaffen will." Und vielleicht stimmt das: Das Engagement der Bürger, der regionale Ansatz, die gemeinsame Strom- und Wärmeversorgung – so könnte es vielleicht gehen.

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