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Ja is' denn heut scho' Weihnachten?

In den Supermärkten gibt es schon wieder Lebkuchen und Dominosteine. Wie jedes Jahr um diese Zeit. Deswegen wärmen wir einen Artikel auf, der erklärt, warum Weihnachten in Kalenderwoche 35 beginnt.

Von Niels Kruse

  Das sind sie schon: Lebkuchen, Stollen und Dominosteine liegen seit Anfang September in den Supermärkten

Das sind sie schon: Lebkuchen, Stollen und Dominosteine liegen seit Anfang September in den Supermärkten

Gerade eben erst ist wieder diese kurze Zeitspanne zu Ende gegangen, in der es in deutschen Supermärkten weder Schokoladen-Nikoläuse noch Osterhasen zu kaufen gab, weder Karnevals-Berliner noch Halloween-Kürbisse, weder Spargel noch Erdbeeren noch Grillfleisch. Nur ganz zu Anfang des Jahres und während des auslaufenden Sommers steht kein Fest oder Event an, für das die Sonderverkaufsflächen mit Saisonware befüllt werden müssten. Ungewohnt kahl ist es dann zwischen den Regalen, doch zum Glück für die Händler kommt verlässlich zum Ende eines jeden Sommers die "KW 35". KW steht für Kalenderwoche. Es ist die Woche, in der der Einzelhandel die Vorweihnachtszeit eröffnet. Seit vergangener Woche, noch mehr aber in dieser füllen sich die Sonderverkaufsflächen.

Es ist die Zeit, in der Lebkuchen-Schmidt aus Nürnberg damit beginnt, seine Honigbrote an die Supermärkte auszuliefern. Sehr zum Unwillen vieler Weichnachtsnostalgiker, die jedes Jahr aufs Neue monieren, das Fest würde in den Supermärkten immer früher beginnen. Auf Facebook tummeln sich Gruppen wie "Boykott sämtlicher Weihnachtsartikel bis kurz vor dem 1. Advent". Motto: "Wir lieben Weihnachten, aber wer braucht Lebkuchen, Christstollen und Co. schon im September, Oktober? Das gleiche Ansinnen verfolgt die Gruppe "Kein Lebkuchen vor dem 1. Advent".

Im Händlerdeutsch werden die Weihnachtsleckereien "Herbstgebäck" genannt. Klingt befremdlich, kommt aber zumindest zeitlich hin: Denn während Bayern und Schwaben noch mitten in den Sommerferien sind, fahren von den Höfen der Süßwarenhersteller bereits die Laster mit der Jahresproduktion ab, meist Mitte August. Zwei Wochen später liegen dann Lebkuchen und Dominosteine in den Regalen. "Manchmal wollen einige Händler ihre Lieferungen sogar vorziehen, doch wenn es zu warm ist, bleiben sie bei KW 35", sagt Gerhard Schmid, Vertriebs- und Marketingchef von Wicklein-Lebkuchen aus Nürnberg. "25 Grad Außentemperatur tun auch den Feinen Nürnberger Lebkuchen nicht besonders gut."

Jetzt werden Lebkuchen am meisten verkauft

Gründe für den Advent im Spätsommer gibt es viele: Zum einen ist die Ware jetzt noch frisch. Zum anderen haben die Supermärkte genug Zeit, um das Gebäck überhaupt loszuwerden. So deutlich würde es der Handel selbst natürlich nicht formulieren. "Wir machen den Kunden nur ein Angebot. Das muss aber keiner annehmen, der nicht will", sagt ein Sprecher von Rewe, das die gleichnamigen Supermärkte sowie die Toom- und Penny-Märkte betreibt. Klassisch kapitalistisches Prinzip von Angebot und Nachfrage. Auch wenn sich viele Menschen darüber aufregen: "Unsere Produkte werden vor allem zu dieser Zeit, in den ersten vier, fünf Wochen nach Verkaufsstart, sehr gut abverkauft", sagt Schmid.

Offenbar gibt es genug Menschen, die nach acht Monaten Abstinenz scharf auf Lebkuchen und Spekulatius sind. Zwischen Anhängern und Gegnern des "Herbstgebäcks" ist mittlerweile ein regelrechter Kulturkampf ausgebrochen: Während die einen den Ausverkauf der adventlichen Stimmung beklagen, freuen sich die anderen über die Frische der Backwaren, wie auch die leidenschaftliche Diskussion zu dem Thema in einem Forum bei Brigitte.de zeigt. "Wir wissen, dass es ein emotionales Thema ist", sagt der Rewe-Sprecher. "Aber wir kennen auch die Erwartungen unserer Kunden."

In alten Zeiten war Lebkuchen eine Ganzjahres-Leckerei

Verkaufstaktisch sei der frühe Beginn äußerst geschickt, sagen Fachleute. Der Psychologe Stephan Lermer etwa glaubt, dass Vorfreude einen Großteil der weihnachtlichen Stimmung ausmache. Und je länger die Vorfreude anhalte, desto mehr seien die Menschen auch bereit, Geld auszugeben. Der Süßwarenhersteller aus Nürnberg freut sich darüber, dass Menschen und Märkte schon im Herbst nach Lebkuchen verlangen und kommt diesem Wunsch natürlich gerne nach.

Übrigens war speziell der Lebkuchen nicht immer ein klassisches Weihnachtsgebäck. Bis zum 30-jährigen Krieg hat man Lebkuchen das ganze Jahr über zubereitet und gegessen. Erst als die Zutaten im Laufe des Krieges immer schwieriger zu bekommen waren, ist man dazu übergangen, die Leckerei nur noch zum besonderen Anlass auf den Tisch zu bringen. So oder so: Am 24. Dezember ist Schluss mit Weihnachtsgebäck - danach, sagt ein Hamburger Supermarktleiter, "kriegen sie das Zeug nicht mal mehr reduziert an den Mann". Außerdem kommt ja schon bald der Osterhase ins Regal.

Liebe Leser, einige von Ihnen werden es vielleicht bemerkt haben: Dieser Text ist bereits vergangenes Jahr an dieser Stelle gelaufen. Weil sich das Weihnachtsgebäck-Ritual jedes Jahr um diese Zeit wiederholt, wiederholen wir einfach den Artikel. Und nächstes Jahr auch wieder

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