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Ausländer sollen Pflegenot beheben

Dramatischer Notstand: Der Arbeitgeberverband Pflege hat eine Greencard für Ausländer gefordert, die in Deutschland einen Pflegejob ergreifen wollen. Fachpersonal wandert zunehmend ins Ausland ab.

Von Maike Rademaker

"Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich von derzeit 2,2 Millionen bis 2050 verdoppeln. Wir fordern deswegen eine Greencard für Pflegekräfte - schnellstmöglich. Wir können nicht auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit 2011 warten", sagte Thomas Greiner, Vorsitzender des Verbands, der "Financial Times Deutschland" (FTD). Greiner ist auch Vorstandsvorsitzender der Dussmann-Gruppe, zu der die Kursana-Pflegeheime gehören.

Der Hilferuf des obersten Vertreters der Pflegebranche zeigt, wie dramatisch der Notstand ist: Nach Schätzungen fehlen bereits jetzt 50.000 Fachkräfte für die Pflege älterer Menschen. Der Bedarf wird weiter zunehmen. Der Arbeitgeberverband, dem die größten Anbieter privater Pflegeeinrichtungen angehören, will dieses Thema nun vorantreiben.

Akuter Fachkräftemangel in manchen Regionen

Insgesamt seien in der öffentlichen und privaten Pflege rund 800.000 Menschen beschäftigt, erklärte Greiner. "Bei den Hilfskräften haben wir kein Problem, wohl aber bei Fachkräften. Es gibt heute schon einen akuten Fachkräftemangel in manchen Regionen." Mit deutschen Kräften allein sei das Problem des Fachkräftemangels in der Pflege nicht zu lösen. "Das Konzept Frau pflegt Frau, Mann pflegt Mann, und das auf Deutsch, wird es nicht mehr geben."

Grund für den Bedarf sei nicht nur die alternde Gesellschaft: Pflegekräfte wanderten auch zunehmend ab, zum Beispiel in die Schweiz: "Es gibt einen regelrechten Wettbewerb, dem wir uns stellen müssen." So werde für eine Fachkraft in der Schweiz mehr gezahlt, und die Rahmenbedingungen seien besser. Im Schnitt verdiene eine Fachkraft bei Kursana 2500 Euro brutto - für examinierte Kräfte kein unüblicher Lohn. "In der Schweiz zahlt man mehr." Mit dem wachsenden Fachkräftemangel dürften auch in Deutschland die Löhne steigen, so Greiner. "Fach- und Führungskräfte können schon jetzt ihre Vorstellungen durchsetzen." Mit Geld allein sei das Problem aber nicht zu lösen. Der Job als Pfleger ist nicht nur anspruchsvoll und anstrengend, er hat durch Schicht- und Wochenenddienste einen schlechten Ruf.

Ausbildungsvorschriften entschlacken

Das gilt offenbar nicht bei Ausländern: Viele Familien, die sich keine deutsche Kraft leisten können, beschäftigen oft schwarz Hilfen aus Osteuropa. Für die hatte die damalige Bundesregierung 2001 eine Greencard eingeführt, die allerdings kaum angenommen wurde. Der Arbeitgeberverband Pflege will nun ebenfalls auf die sich anbietenden ausländischen Kräfte zurückgreifen und verlangt politische Unterstützung. "Ausländische Kräfte müssen kommen und hier arbeiten dürfen - ohne bürokratische Auflagen wie perfekte Sprachkenntnisse", forderte Greiner. Gemeinsam mit der Regierung sollten die Ausbildungsvorschriften entschlackt werden. Ausbilden wollen die Arbeitgeber sie dann selbst.

Den Vorschlag von Familienministerin Kristina Schröder (CDU), für Familienmitglieder eine zweijährige Pflegezeit bei reduziertem Gehalt einzurichten, hält Greiner für unzureichend. "Alles, was die Pflege in den Mittelpunkt rückt, ist wichtig. Aber der Vorstoß reicht nicht aus - meist wird weit länger als zwei Jahre gepflegt." Er bezweifelt zudem, dass Pflegende auf längere Sicht auf 25 Prozent des Gehalts verzichten könnten. Nach dem Vorschlag sollen Pflegende ihre Arbeitszeit bis zu zwei Jahre bei 75 Prozent Gehalt halbieren - dann werde ebenso lang bei 75 Prozent Gehalt Vollzeit gearbeitet.

FTD

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