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Fesselt die Banken!

Die Kapitalmarktjongleure von der Großbank JP Morgan Chase haben binnen kürzester Zeit Milliarden in den Sand gesetzt. Ein besseres Argument für knallharte Regulierung hätten sie nicht liefern können.

Von Tim Bartz

  • Tim Bartz

Noch ist nicht klar, wie genau sich die US-Bank JP Morgan Chase um satte zwei Milliarden Dollar verzockt hat. Insofern verbieten sich eigentlich voreilige Schlussfolgerungen. Und doch dürfen sich alle, denen etwas daran liegt, die Finanzbranche viel härter als früher zu regulieren, in ihrer Meinung bestätigt fühlen: Denn wenn selbst die nach ihrem Börsenwert zweitgrößte US-Bank, die bislang so vorbildlich durch die Krise gekommen ist und sogar in den dunkelsten Stunden 2008 noch Gewinne erwirtschaftet hat, nicht vor "schwarzen Schwänen" gefeit ist, ist das ein überragend starkes Argument dafür, den Geldhäusern mit allen aufsichtsrechtlichen Mitteln die Zockerei zu erschweren.

Das Gute an dem Milliardenverlust ist, dass es sich bei JP Morgan Chase und seinem Chef Jamie Dimon nicht um die üblichen Verdächtigen handelt. Hätte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein einen derartigen Milliardenskandal einräumen müssen, wäre die Reaktion dieselbe wie immer gewesen: typisch Goldman. Doch Dimon und JP Morgan Chase sind ein anderes Kaliber.

Das smarte Sprachrohr der Wall Street

Dimon ist es, der als Sprachrohr der Wall Street gegen das für US-Banken geplante Eigenhandelsverbot wettert, Kreditobergrenzen im Interbankenhandel ablehnt und die schärferen Kapital- und Liquiditätsregeln Basel III als "anti-amerikanisch" geißelt. Eine Zeit lang galt der smarte Vorstandschef sogar als Kandidat für den Posten des US-Finanzministers. Was Dimon für seine Branche sagt, ist Gesetz. Seine unbestritten souveräne Krisenstrategie gab ihm das Recht dazu.

Die Argumentation von Dimon und anderen Branchenvertretern ist stets dieselbe: Werden den Banken Fesseln angelegt, sinkt die im Kapitalmarkt verfügbare Liquidität. Das wiederum verknappt das Kapital und macht es teurer für Unternehmen, die doch für das Wachstum der Volkswirtschaft sorgen sollen und dafür Finanzierungsmittel brauchen. Kurzum: Wer die Banken dort regulieren will, wo es ihnen wirklich weh tut, der versündigt sich am Steuerzahler, der Industrie - der Allgemeinheit.

Tausendköpfige Armada gutbezahlter Lobbyisten

Dass die Banken seit Jahren und auch noch in Zukunft zu Niedrigstzinsen Notenbankgeld erhalten, um am Leben zu bleiben, wird in diesem Zusammenhang stets geflissentlich geschwiegen. Ebenso, dass davon Inflationsgefahren ausgehen - für die Allgemeinheit. Welchen volkswirtschaftlichen Nutzen Derivatgeschäfte in Billionenhöhe oder die Nahrungsmittelspekulation haben, ist bis heute trotz wortreicher Erklärungsversuche der Branche unklar. Wie auch: Die Weltwirtschaft ist jahrzehntelang ohne sie ausgekommen und trotzdem gewachsen.

Flankiert von einer tausendköpfigen Armada gutbezahlter Lobbyisten, die in den USA insbesondere in der Republikanischen Partei Gehör findet, wird seit Monaten heftig antichambriert, um Teile der US-Finanzmarktreform zurückzudrehen. Gewinnen die Republikaner im November die Präsidentschaftswahl, will ihr Frontmann Mitt Romney die Gesetze teilweise wieder kassieren oder zumindest abschwächen, wie er selbst angekündigt hat. Mit dem heutigen Tag haben die Wall Street und Romney ein Argument weniger für ihre Positionen - kurioserweise dank JP Morgan Chase und Dimon, dem Strahlemann der Wall Street und Sympathisanten der Demokraten.

FTD

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