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"Lord Voldemort" verzockte zwei Milliarden Dollar

Das Desaster von JP Morgan geht auf eine groß angelegte Wette Londoner Broker zurück. Der Deal stieß frühzeitig auf Kritik - wurde von dem Geldhaus aber noch vor wenigen Wochen verteidigt.

Von Barbara Schäder

  Die erneute Fehlspekulation gefährdet den Ruf von JP Morgan

Die erneute Fehlspekulation gefährdet den Ruf von JP Morgan

  • Barbara Schäder

"Der Wal von London verschlingt 2 Mrd. Dollar" - so kommentierten mehrere Websites in den USA den von JP Morgan erlittenen Handelsverlust. Sie hätten auch schreiben können: "Lord Voldemort schießt ein Eigentor." Denn "Voldemort" und "der Wal von London" sind die Spitznamen, die Konkurrenten schon vor Wochen dem offenbar für die Fehlspekulationen verantwortlichen JP-Morgan-Händler Bruno Iksil verpassten. Iksil bewegte auf dem Markt für Kreditderivate so große Summen, dass er mit dem Bösewicht aus der Harry-Potter-Serie und dem größten aller Lebewesen verglichen wurde.

Das Pikante an der Sache: Anders als beispielsweise der Händler Kweku Adoboli, der im vergangenen Herbst bei der UBS 2,3 Mrd. Dollar verzockte, handelte Iksil mit ausdrücklicher Unterstützung seines Arbeitgebers. Bankchef Jamie Dimon hatte die Strategie von Iksils Abteilung, des Chief Investment Office (CIO) in London, noch Mitte April verteidigt. Kritische Medienberichte über die Finanzwetten des CIO bezeichnete Dimon als "Sturm im Wasserglas". Die ausgerechnet für die Risikosteuerung der Bank zuständige Abteilung handele sehr geschickt, sagte der Bankchef damals.

Am Donnerstagabend musste Dimon einräumen, dass er sich geirrt hat. Der Handelsverlust stehe in Zusammenhang mit den Geschäften, über die vor einem Monat unter anderem das "Wall Street Journal" berichtet habe, sagte der Bankchef.

Zocken mit Massenvernichtungswaffen

Wie Iksil genau vorging, darüber wird jetzt in New York und London heftig spekuliert. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete unter Berufung auf Schätzungen von Marktteilnehmern, Iksil und seine Kollegen hätten Wetten im Volumen von bis zu 100 Mrd. Dollar auf einen Index für Kreditausfallderivate (CDS) abgeschlossen, den Markit CDX North America Investment Grade Index. Er bildet die Wertentwicklung von Kreditausfallderivaten ab, mit denen sich Inhaber von Anleihen amerikanischer Unternehmen gegen einen Zahlungsausfall absichern. Mit CDS können aber auch Spekulanten handeln, die die dazugehörige Anleihe gar nicht besitzen. Der Markt ist deshalb schwer durchschaubar. Der Starinvestor Warren Buffett hat CDS deshalb einmal in einem inzwischen legendären Zitat als Massenvernichtungswaffen bezeichnet.

Bekannt wurden Iksils Geschäfte, weil sich andere Marktteilnehmer darüber beschwerten. Viele Hedge-Honds-Manager setzten auf einen Anstieg der CDS-Prämien, die zuvor stark gesunken waren. Sie äußerten gegenüber Bloomberg und der Financial Times die Befürchtung, dass JP Morgan gegen sie wetten und wegen des hohen Einsatzes die Kurse verzerren werde.

Letzten Endes gewannen aber die Hedge-Fonds. Als Beispiele nannte das "Wall Street Journal" BlueMountain Capital Management LLC und BlueCrest Capital Management, die jeweils 30 Mio. Dollar verdient hätten. Denn der Index entwickelte sich anders als von JP Morgan erwartet, laut Daten der Nachrichtenagentur Reuters legte er in den vergangenen Monaten zu.

Obwohl in den vergangenen Wochen über komplexe Absicherungsstrategien Iksils für genau diesen Fall spekuliert worden war, wurde der Bank die Wette offenbar zu heiß. Laut "Wall Street Journal" versuchte das Geldhaus deshalb hektisch, seine Positionen zurückzufahren. Dabei seien die Verluste entstanden, schreibt die Zeitung. Dazu würde passen, dass Konzernchef Dimon am Donnerstag mitteilte, sein Haus werde die Finanzwetten nun vorerst weiterlaufen lassen.

Für das Chief Investment Office von JP Morgan in London arbeiten insgesamt 400 Händler, die 350 Mrd. Dollar für die Bank verwalten. Drei frühere Mitarbeiter der Abteilung sagten Bloomberg, dort werde schon seit einigen Jahren eine aggressive Strategie gefahren. Sie sei vom 2006 eingestellten Chef des CIO, Alexis Macris, vorangetrieben worden. Aufgabe der Abteilung ist eigentlich, die mit der Vergabe von Unternehmenskrediten verbundenen Risiken mit Derivaten abzusichern. Aus Bankkreisen hieß es, einige der an den Geschäften beteiligten Mitarbeiter müssten voraussichtlich ihren Hut nehmen.

FTD

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