Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Flüchtlinge in Deutschland: Jung, männlich, gebildet, sucht Arbeit

Mujtaba Sayed ist Praktikant bei Siemens – doch bald sitzt er wieder im Heim. Über die schwierige Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt - und warum diese Aufgabe gelingen muss.

Von Silke Gronwald

Mujtaba Sayed, Praktikant bei Siemens

Mujtaba Sayed ist Flüchtling und macht derzeit ein Praktikum bei Siemens. Wie viel ihm das bedeutet? "Alles", sagt er.

Montagfrüh, kurz nach acht. Für die meisten ein Angang. Für Mujtaba Sayed eine Erlösung. Eine Stunde hat er mit Bus und Bahn gebraucht, vom Flüchtlingsheim in Nürnberg zum Siemens-Werk in Erlangen. Jetzt geht er mit den anderen Siemensianern Richtung Werkstor. Er strahlt. Er zeigt seinen Mitarbeiterausweis, eilt vorbei an der feudalen Empfangshalle, hinein in eines der Hightech-Gebäude. Hier hat der Afghane einen höhenverstellbaren Schreibtisch, einen Laptop, einen Siemens-Account.

Einen Arbeitsplatz. Hier ist er für ein paar Stunden raus aus der Trostlosigkeit des Flüchtlingsheims – eines heruntergekommenen Altbaus an einer vierspurigen Straße, in dem er sich mit einem Fremden das kleine Zimmer teilt. Wie viel ihm das bedeutet? "Alles", sagt er, "ich bin unendlich dankbar." Dann schluckt er und schweigt.

Perspektive auf ein neues Leben

Die Integration in den Arbeitsmarkt – daran wird sich zeigen, ob Deutschland die Verantwortung für Hunderttausende Flüchtlinge bewältigt. Nur so haben Asylsuchende eine echte Perspektive auf ein neues Leben. Nur so wird es langfristig ein friedliches Miteinander geben. Am Arbeitsmarkt entscheidet sich, ob die Gesellschaft die Jahrhundertaufgabe löst – oder daran scheitert.
Seit sechs Wochen kommt Mujtaba Sayed, 25 Jahre alt, jeden Morgen zu Siemens. Stets in Stoffhose und akkurat gebügeltem Hemd. Die braunen Haare nach hinten geföhnt, den Backenbart cool auf Form und Länge gestutzt, genau so, wie es hier gerade modern ist. Bloß nicht anecken in diesem fremden Land, das ihm endlich eine Chance gibt. Mujtaba sprintet vor, um Türen aufzuhalten oder Frauen schwere Pakete abzunehmen – und immer lächelt er dabei. Diese Gesten sind, so hat er gelernt, die Zeichen deutscher Höflichkeit.

Integration in schwierig

Der Afghane ist Praktikant, Teil eines speziellen Programms für Asylsuchende. Und so vielversprechend die Geschichte dieser Chance klingt, die Mujtaba in stockendem Deutsch erzählt – sie zeigt auch, wie kompliziert die Integration in den Arbeitsmarkt ist. Für den Einzelnen. Für Hunderttausende. Für die Gesellschaft.
Mujtaba lebte mit seinen Eltern in einem Haus in Kabul, er besaß einen weinroten Mercedes, studierte Informatik und betreute nebenbei die IT-Systeme einer amerikanischen Firma. Eigentlich wollte er nie weg. "Die Heimat ist wie eine Mutter", sagt er. Doch dann wurde sein Vater, ein Karikaturist, entführt und umgebracht. Auch für Mujtaba wurde es gefährlich. "Ich konnte nicht mehr allein auf die Straße, lebte in ständiger Angst." Mehr möchte er über die Zeit nicht erzählen. Zu belastend sind die Erinnerungen – an seine Mutter, die er zurücklassen musste und die seit Monaten verzweifelt auf ein Visum für Pakistan wartet.

"Was ist Deutschland?"

Mujtaba floh mit dem Lkw, mit dem Boot, zu Fuß. Er lief nächtelang, schwamm durch kaltes Wasser. Er hatte vor der Reise Zeugnisse und Dokumente zu Verwandten nach Deutschland geschickt, mitnehmen konnte er nichts, außer zwei kleinen Speichersticks mit Fotos. Und selbst die waren verschwunden, als er nach sechs Wochen im September 2013 endlich in München ankam. Der Polizist im Auffanglager sagte zu ihm: "Willkommen in Deutschland!" Und Mujtaba fragte irritiert auf Englisch: "Was ist Deutschland? Bitte, können Sie mir das erklären?" Das Wort hatte er nie gehört. In Afghanistan hatten alle immer von "Germany" oder "Almania" gesprochen.

Warten auf Behörden

Bis heute haben die Behörden es nicht geschafft, seinen Asylantrag zu bearbeiten. Mujtaba zuckt hilflos die Schultern. "Ich habe meinen Anwalt gefragt, was soll ich machen? Und er hat gesagt: Mujtaba, du musst warten." Er hat Flüchtlinge kennengelernt, die schon vier, fünf Jahre in Deutschland leben und noch immer zum Nichtstun gezwungen sind. Junge Männer, voller Energie und Tatendrang, die sich oft in Aggressionen entladen. Er habe keine Woche ohne Streit erlebt. Mujtaba sucht nach Worten und formuliert es dann so: "Die Köpfe dieser Leute gehen kaputt."
Dabei scheint die Rechnung doch so einfach: Die Unternehmen suchen Fachkräfte, die Flüchtlinge Arbeit. Sogar das Demografieproblem könnte gelöst werden. "Viele Flüchtlinge" , sagt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ganz optimistisch, "werden eines Tages die Rente für die heutige Erwerbsgeneration zahlen."

"Fachkräfte von übermorgen"

Doch die Realität sieht anders aus: Statt das Bruttosozialprodukt zu steigern, sitzt der Großteil der Neuankömmlinge untätig herum. Von den rund 600.000 Flüchtlingen, die seit Anfang Januar in Deutschland registriert worden sind, hat es bislang nach Recherchen der "Zeit" kein einziger auf einen festen Job in einem der 30 Dax-Konzerne geschafft. Bei der Arbeitsagentur warnt man vor Illusionen: "Die Menschen, die heute zu uns kommen, sind nicht die Fachkräfte von morgen. Sie sind die Fachkräfte von übermorgen." Denn natürlich kommen keineswegs nur bestens ausgebildete Ärzte und IT-Spezialisten nach Deutschland. Nicht einmal jeder zehnte Flüchtling bringt die fachlichen Voraussetzungen mit, um direkt vermittelt zu werden, schätzt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).


Mujtaba schickte kurz nach seiner Ankunft eine Bewerbung an die Uni München. Weil er kein Deutsch konnte, schrieb er auf Englisch – und die Uni lehnte ab, weil man nur deutsche Bewerbungen annehme. Ob seine Abschlüsse aus Kabul anerkannt werden, Mujtaba weiß es nicht. Das ist von Uni zu Uni, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. "Es ist schwer, wenn man nichts zu tun hat", sagt Mujtaba, für einen Moment versagt ihm die Stimme, dann spricht er weiter, "ich habe nicht geahnt, dass es so lange dauert. Ich dachte, zwei, drei Monate, dann kann ich was machen. Aber zwei Jahre?"

Unternehmen in der Pflicht

In diesen Tagen versprechen viele Unternehmen, Flüchtlinge einzustellen. Beiersdorf etwa, Porsche oder Daimler. Die meisten Programme entstehen erst noch. Siemens war einer der ersten Konzerne mit speziellen Angeboten. "Ein Unternehmen, das keinen Wert für die Gesellschaft leistet, sollte am besten gar nicht existieren", sagt Siemens-Chef Joe Kaeser. "Wir wollen den Menschen eine Perspektive geben." Zurzeit tut er das für ziemlich genau zwei Handvoll Flüchtlinge. Er verspricht aber, das Projekt auszudehnen. 2016 sollen es 100 Plätze sein.
Es geht nur langsam voran. Zu viele Regeln blockieren den Zugang zum Arbeitsmarkt. In den ersten drei Monaten dürfen die Neuankömmlinge grundsätzlich nicht arbeiten, dann gilt die sogenannte Vorrangregelung: Ein Job kann erst dann an einen Flüchtling vergeben werden, wenn dafür weder ein Deutscher noch ein EU-Bürger infrage kommt.

Wo sind die begehrten Talente?

Das mag bürokratisch klingen, einerseits. Andererseits: Ließe die Regierung die Barrieren fallen, würde sie die rund drei Millionen Arbeitslosen benachteiligen. Auch Siemens-Chef Kaeser bekäme ein Problem, wenn er mit großer Geste Syrer und Afghanen einstellt – und gleichzeitig Tausende Stellen streicht. Er sagt: "Wir müssen aufpassen, dass wir den sozialen Frieden im Unternehmen im Blick haben.


Das nächste Problem: Keiner weiß, wer überhaupt in den Flüchtlingsunterkünften zu den begehrten Talenten zählt. Fest steht: Es gibt sie – jung, gebildet, geübt im Umgang mit Computern und Englisch. Nur: wo? Die beruflichen Fähigkeiten werden an keiner Stelle der Flüchtlingsbürokratie systematisch erfasst. Keine Datei, die Auskunft darüber geben könnte, wer Akademiker oder Arbeiter ist, wer Deutsch spricht oder nur den Dialekt seines Heimatdorfs.

Siemens: Zunächst ein Schock

Dass Mujtaba und Siemens zueinanderfanden, war reines Glück. Der Afghane hatte Monate vorher bei einer Flüchtlingsinitiative seine Hilfe angeboten. Er tauschte mit einer der Helferinnen E-Mail-Adressen aus, und eines Tages bekam er die Nachricht: "Siemens sucht Praktikanten."
Der erste Arbeitstag begann für Mujtaba mit einem Schock. Beim Betreten des Werksgeländes, beim Anblick der eisernen Eingangspforte überfiel ihn ein furchtbares Déjà-vu: Er erinnerte sich an die US-Firma, für die er einst in Kabul gearbeitet hatte. Panik kroch in ihm hoch, sein Herz schlug schneller, doch dann sah er die vielen deutschen Schriftzüge und realisierte, nein, du bist in Deutschland, du bist in Sicherheit. Die Tage danach waren trotzdem eine Herausforderung. Eine Kantinenkarte, mit der man bargeldlos sein Mittagessen zahlt – was ist das? Wie findet man auf dem riesigen Areal das Personalbüro? Fragen, mit denen schon normale Praktikanten ihre Schwierigkeiten haben.
Damit sie für die Flüchtlinge nicht zu unüberbrückbaren Hürden werden, stellt Siemens jedem einen "Buddy" zur Seite. Mujtabas Buddy heißt Andrea Scheerbaum, eine erfahrene Mitarbeiterin im Bereich Human Resources, die sich geduldig darum bemüht, die Überforderung des afghanischen Praktikanten zu lindern. Ausführlich erklärte sie Mujtaba die ungeschriebenen Gesetze. Zum Beispiel, warum er nicht geknickt sein muss, wenn er abends um fünf nach Hause geschickt wird. "Nein, deine Chefin ist nicht unzufrieden mit dir" , sagt sie, aber bei Siemens gelte die 35-Stunden-Woche – auch für Flüchtlinge.

"Er ist eine große Hilfe"

Mujtaba arbeitet in einem Großraumbüro. Sein Team betreut Projekte zur Hochspannungs- und Gleichstromübertragungstechnik auf der ganzen Welt. Siemens-Kerngeschäft. Mujtaba ist nicht zum Kaffeekochen und Kopieren hier. Er bereitet den Jahresabschluss vor, pflegt Excel-Tabellen, schreibt Formeln. "Er ist eine große Hilfe", sagt Maike Klee, die Projektleiterin, "bei Excel gibt es keine Sprachbarriere. Das hilft." Doch ganz ohne Deutsch, das sagt sie auch, gehe es nicht. Es sei etwas anderes, in der Arbeitswelt über Fachthemen reden zu müssen, als sich abends in der Kneipe eine Cola zu bestellen. Immerhin, Mujtaba versteht alles – und kann sich mühsam, aber beharrlich verständlich machen.
Mit dem vom Amt verordneten dreimonatigen Kurs hätte er das nicht geschafft. Über "Mein Name ist" oder "Mir geht es gut" seien sie nicht hinausgekommen. Das konnte er nach der ersten Stunde. Links und rechts saßen viele Ältere, einige konnten kaum lesen. Mujtaba hat sich die Sprache schließlich selbst beigebracht, mit Youtube-Tutorials.

Semmelknödel, das neue Lieblingsessen

Mittagspause. Heute stehen Semmelknödel mit Kräutern auf dem Speiseplan der Werkskantine. Mujtabas neues Lieblingsessen. Mit einem Preis von fünf Euro ist es das günstigste Angebot – aber für jemanden, der mit 300 Euro im Monat auskommen muss, beinahe unerschwinglich. Zwar überweist Siemens den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, doch der komplette Verdienst wird mit dem Sozialgeld vom Amt verrechnet – auch noch in den Monaten, wenn Mujtaba längst nicht mehr bei Siemens arbeitet. Er ist unsicher, ob er sich die Knödel leisten kann, die erste Abrechnung steht noch aus. Er leistet sie sich heute trotzdem.

Eine andere Heimat gefunden

"Aus finanzieller Sicht haben die Flüchtlinge überhaupt keinen Anreiz, einen Job anzunehmen", sagt Andrea Scheerbaum. Ihr blute das Herz, wenn sie sehe, wie sich Mujtaba reinknie, wie er morgens oft als Erster komme und abends als Letzter gehe und dennoch keinen Cent mehr in der Tasche habe, als wenn er einfach zu Hause bliebe. Ende Oktober endet sein Praktikum. Was es ihm gebracht hat? Er hat einen tiefen Einblick in die deutsche Arbeitswelt bekommen, hat mit den neuesten Computerprogrammen gearbeitet und – ganz nebenbei – jeden Tag einen Acht-Stunden-Intensivkurs Deutsch im Kollegenkreis absolviert. Sein Traum wäre ein fester Arbeitsplatz bei Siemens, kombiniert mit einem berufsbegleitenden Studium. An eine Rückkehr nach Afghanistan glaubt er nicht. Seine Heimat ist nun eine andere.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools