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Arbeiten bis zum Selbstmord

Neun Mitarbeiter des weltweit größten Elektronikkonzerns Foxconn haben sich seit Jahresbeginn in den Tod gestürzt. Dabei sind Selbstmorde in Unternehmen kein Phänomen der asiatischen Hochleistungskultur. Westliche Firmen müssen ihre Organisation anpassen, damit keine Suizidwellen folgen.

Von Isabel Gomez

Alle sieben Sekunden beenden die chinesischen Mitarbeiter des taiwanesischen Elektronikherstellers Foxconn einen Arbeitsvorgang. 4000 Dell - Computer fertigen sie in einer zehnstündigen Schicht. Im Stehen, wie die Organisation China Labor Watch nach dem letzten Selbstmord eines Foxconn-Mitarbeiters am Dienstag bekannt gab.

Arbeitsdruck, Isolation, Mindestlohn

Neun Mitarbeiter des weltweit größten Elektronikherstellers stürzten sich seit Jahresbeginn vom Dach des Produktionsgebäudes in den Tod. Zwei Mitarbeiter verletzten sich bei einem misslungenen Suizidversuch schwer. "Harsche Arbeitsbedingungen" werden als Ursache dafür genannt. Darunter fallen der hohe Arbeitsdruck, die Isolation von Familie und Freunden durch das Leben in Fabrikstädten, die Bezahlung nach Mindestlohn und eine Hierarchie, die eine kollegiale Beziehung zwischen chinesischen Wanderarbeitern und ihren taiwanesischen Vorgesetzten unterbindet.

"In Deutschland ist bisher keine Häufung von Selbstmorden in einem Unternehmen bekannt", sagte Thomas Rigotti, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Uni Leipzig, zu FTD.de. Aber auch hierzulande befänden sich Unternehmenspolitiken und Arbeitsbedingungen im Wandel: Restrukturierungen führten auch in der westlichen Arbeitswelt zu Unsicherheit und Stress am Arbeitsplatz.

Suizidversuche könnten auf Nachahmung zurückzuführen sein

Laut einer Umfrage des Forsa-Instituts leiden 46 Prozent von mehr als 1000 Befragten zwischen 16 und 65 Jahren an Schlafschwierigkeiten, ausgelöst durch beruflichen Stress. Zweithäufigster Grund für Schlafprobleme sind laut Umfrage Zukunftsängste mit 35 Prozent.

Eine Reihe von Suizidversuchen in einem Konzern führt Rigotti auf Nachahmungen zurück. Wie im Fall des Hannoveraner Torwarts Robert Enke, nach dessen Selbstmord die Suizidrate in Deutschland signifikant gestiegen sei. "Auch bei Foxconn könnte der erste Suizid dazu geführt haben, dass sich Kollegen in ähnlichen Situationen anschließend auch getraut haben, den Schritt zu gehen." Aber: "In einem Unternehmen, in dem viele Mitarbeiter den Selbstmord wählen, sind die Bedingungen wahrscheinlich seit längerer Zeit katastrophal."

Das gelte auch für die Suizidserie bei der France Telecom im Sommer 2009. Dort hätten Umstrukturierungen für Unsicherheit gesorgt. "Im Falle der France Telecom wurden ältere Mitarbeiter spontan versetzt und mit Aufgaben bedacht, die ihrer Qualifikation nicht entsprachen." Angestellte hätten nicht gewusst, an welchem Projekt und unter welchen Vorgesetzten sie am nächsten Tag arbeiten würden, sagt Rigotti.

80 Prozent mehr psychologisch bedingte Fehlzeiten

Nicht nur asiatische Fließbandarbeiter müssen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gehen. "In den letzten Jahren kam es auch in Europa zu einem höheren Schritttempo bei der Produktion", sagt Rigotti. Daraus folgt die Zunahme der Fehlzeiten und Krankheitstage in deutschen Betrieben. "Vor allem Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch psychische Erkrankungen stieg seit 1995 um 80 Prozent", sagt Helmut Schröder, vom Wissenschaftlichen Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK).

Die Gründe für die Zunahme liegen laut Fehlzeiten-Report der AOK in der rasanten Entwicklung der Arbeitswelt, die veränderte Anforderungen an die Mitarbeiter stellt. Bisherige Belastungen wie Nacht- und Schichtarbeit seien geblieben, hinzu kämen berufliche Mobilität und erhöhter Termin- und Leistungsdruck. Die AOK vermutet, dass die momentane wirtschaftliche Situation die Anforderungen noch erhöhen werde. Das dürfte auch für chinesische Arbeitnehmer gelten.

Neue Organisationsformen und Arbeitsmarktpolitik

China Labor Watch fordert daher von Foxconn die "gründliche Untersuchung des Lebens an den Produktionslinien". Pekinger Zeitungen wollen einen Verhaltenskodex mit fortschrittlichen Arbeitsstandards für taiwanesische Arbeitgeber. Die haben in China den Ruf, vor allem Wanderarbeiter als Menschen zweiter Klasse zu behandeln.

Auch in Europa sollte laut dem Arbeitspsychologen Rigotti zunächst auf betrieblicher Ebene angesetzt werden. "Gegen Stress und Frustration am Arbeitsplatz helfen nur betriebliche, organisatorische oder gesetzliche Veränderungen." In den Unternehmen müsse eine Vertrauenskultur entstehen, eine transparente Firmenpolitik, die Mitarbeiter in Entscheidungen einbeziehe und rechtzeitig über Veränderungen informiere. Aber auch gesetzliche Möglichkeiten sollten erwogen werden - "bei der betrieblichen Gesundheitsvorsorge und in der allgemeinen Arbeitsmarktpolitik, beispielsweise bei der Einbindung von älteren Arbeitnehmern in den Arbeitsmarkt".

Unternehmensmodelle wie bei Foxconn, wo Mitarbeiter in der unmittelbaren Umgebung ihres Arbeitsplatzes leben, sieht Rigotti kritisch. Einerseits könne sich die soziale Funktion einer solchen Fabrikstadt positiv auf das Arbeitsleben auswirken. Andererseits werde es dadurch unmöglich, nach der Arbeit abzuschalten und mit Freunden oder der Familie Abstand vom Alltag zu gewinnen. "Die notwendige Erholung kann die Gefahr eines Burnouts mindern und ist immer noch die beste präventive Strategie."

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