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"Die Finanzkrise macht mich krank"

Der Friedensnobelpreisträger und Geschäftsmann Muhammed Yunus wird wütend, wenn er an das viele verschwendetete Geld in der aktuellen Finanzkrise denkt. "Ich träume nicht, ich tue etwas", sagt er und lebt mit seiner Bank vor, wie Wirtschaft und soziale Verantwortung zusammenpassen.

Von Marcus Müller

Er klingt recht sanft, dieser kleine, grauhaarige, ältere Herr Muhammad Yunus, selbst wenn er sich offenbar aufregt. Doch die Position des Friedensnobelpreisträgers des Jahres 2006 zur derzeitigen Finanzmarktkrise ist deutlich: "Das macht mich krank", sagt Yunus in Berlin stern.de. "Man kann Billionen Dollar abschreiben und so tun, als sei nichts geschehen. Das ist unglaublich."

Bei den dann folgenden Sätzen muss man schon etwas genauer hinhören, um die Empörung in der Stimme herauszuhören, die den Wirtschaftsprofessor erfasst, wenn er über das verbrannte Geld redet. "Was hätte man mit diesen Billionen in der Welt nicht alles anstellen können, wenn man an all die Krankheiten, die Armut, das fehlende Geld für Infrastruktur denkt?"

Muhammad Yunus ist zur Vorstellung seines neuen Buches "Die Armut besiegen" in die Hauptstadt gekommen. Er trägt eine "Koti" genannte traditionelle Tracht mit einer ärmellosen Jacke und weiten Hosen. Im Ton redet er nüchtern über das Problem schlimmster Armut. Das ist offenbar Programm. Er will die Menschen mit seiner höflich-freundlichen Art sachlich überzeugen, dass Wirtschaften zum Wohle der Menschen möglich ist.

Bewiesen hat der 1940 in der Hafenstadt Chittagong in Bangladesch geborene Yunus das mit der von ihm in seinem Heimatland gegründeten Grameen-Bank bereits. Mit der vergibt er an die Ärmsten der Armen sogenannte Mikrokredite, also Kleinstkredite von manchmal nicht einmal 30 Dollar. Damit ermöglicht er den Besitzlosen, die von normalen Banken wegen fehlender Sicherheiten nie einen Cent bekämen, sich selbstständig zu machen.

Soziale Verpflichtung als Sicherheit

So können sie sich Arbeitsmaterial, eine Kuh zur Milcherzeugung oder Handwerkszeug und Maschinen kaufen, um sich selbst eine Existenz aufbauen und einen Weg aus der Armut bahnen zu können. Die meisten Kreditnehmer in dem muslimischen Land sind Frauen, die nach Yunus' Erfahrung ihre Schulden zuverlässiger zurückzahlen als Männer.

Den Kreditnehmern gehören auch 90 Prozent der Anteile an der Grameen-Bank. Zinsen müssen für die Kredite auch gezahlt werden, Yunus will kapitalistische Grundsätze nicht abschaffen. Nur sind die Zinsen der Grameen-Bank geringer, und das Institut ist notfalls flexibler, wenn ein Kunde mit den Raten in Verzug gerät. Als Sicherheit dienen der Bank keine Häuser oder Güter, sondern die soziale Verpflichtung anderer Dorfbewohner.

Und das aus einem Studienprojekt entstandene Geschäftsmodell ist erfolgreich: Gut 98 Prozent der Kredite werden zurückgezahlt. Die Bank hat in rund 100 Ländern Ableger - inzwischen auch in den USA, wo sie armen Menschen etwa die Möglichkeit bietet, überhaupt ein Konto zu eröffnen. Inzwischen sind unter dem Grameen-Dach in Bangladesch Unternehmen für Solarenergie, Telekommunikation und eine Bekleidungsfirma entstanden. Für sein Engagement für die Ärmsten erhielt Yunus gemeinsam mit der Grameen-Bank vor zwei Jahren den Friedensnobelpreis.

Zusammenarbeit mit Danone

Bereits nach seiner Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis hat Yunus viel von seiner Idee "sozialer Unternehmen" gesprochen. Er meint damit Betriebe, die statt einer Gewinnausschüttung soziale Ziele verfolgen. Dabei soll den Kapitalgebern keine Dividende ausgezahlt werden. Das Unternehmen soll sich selbst tragen, Gewinne werden in den Ausbau des Geschäfts gesteckt. "Ich habe die Grameen-Bank auch nicht für mich selbst gegründet", sagt Yunus. "Es gibt viele Menschen auf der Welt, die Unternehmen gründen wollen, um anderen zu helfen."

Als Beispiel nennt Yunus eine Zusammenarbeit mit dem französischen Danone-Konzern in Bangladesch. Ein zusammen mit der Grameen-Bank umgesetztes Unternehmen stellt billigen Joghurt her, den sich auch arme Menschen leisten können. Diese Art Geschäft sei für alle Bereiche möglich, auch für Infrastrukturprojekte, sagt Yunus.

Ihm gehe es darum, die Menschen in die Wirtschaftstheorie einzubeziehen. "Die Menschen sind multidimensional, die ökonomische Theorie kümmert sich aber immer nur darum, Geld zu machen." Auch soziale Ziele sollten berücksichtigt werden.

Auf die Frage von stern.de, wie oft er wegen seiner Ideen für verrückt gehalten werde, lacht Yunus nach der Buchvorstellung. Leise erzählt er dann: "Wenn man einem Menschen aus der Armut geholfen hat, ist eine Tür geöffnet. Dann geht es um die zweite Person und dann um eine Million Menschen. Das ist alles."

Das klingt alles sehr einfach, und so scheint es auch zu sein. In seinem Buch beschreibt Yunus, dass er den Danone-Chef bei einem Mittagessen von dem Joghurt-Joint-Venture überzeugt habe. Abgemacht wurde es per Handschlag über den Tisch. Man sollte den Mann also nicht unterschätzen, wenn er leise, ruhig und entspannt sagt: "Ich träume nicht, ich tue etwas."

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