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Das zweite Leben der Lehman-Banker

15. September 2008. Lehman-Angestellte tragen ihre Sachen aus der Pleite-Bank. Die Finanzwelt ist am Boden. Und heute? Bilanz einer Katastrophe und sechs Geschichten über das Leben nach dem Crash.

Von Norbert Höfler, New York

  Ein gekündigter Angestellter von Lehman Brothers verlässt am Tag der Pleite die Bankzentrale in New York: Mit der Pleite des Instituts im September 2008 spitzte sich die Finanzkrise dramatisch zu.

Ein gekündigter Angestellter von Lehman Brothers verlässt am Tag der Pleite die Bankzentrale in New York: Mit der Pleite des Instituts im September 2008 spitzte sich die Finanzkrise dramatisch zu.

Manchmal bleibt ein Touristenbus in Manhattan vor dem Bürohochhaus an der 7th Avenue stehen. Dann legen alle die Köpfe ganz weit in den Nacken. Das ist der Moment, in dem der Stadtführer vom "Gorilla" erzählt, der dort oben im 31. Stock saß und nicht glauben wollte, dass die 158 Jahre alte Bank gerade den Bach runter ging. Der seinen Konkurrenten "das Herz aus dem Leib reißen und essen wollte, bevor sie sterben". Der fast eine halbe Milliarde Dollar verdient haben soll. Richard Fuld war vierzehn Jahre Chef bei Lehman Brothers. Eine Wall Street Legende. Berüchtigt für Härte und Gier.

Was diesem 15. September 2008 folgte, ist Wirtschaftsgeschichte: die Pleite der Bank, entlassene Lehman-Angestellten, die mit ihren Pappkartons voller persönlicher Habseligkeiten aus den Büros auf die Straße gesetzt wurden. Die oft älteren Anleger mit ihren verlorenen Sparguthaben. Die Rettungspakete für marode Banken, die Wirtschaftskrise, die Schuldenlawine.

Viele ehemalige Lehmänner sind zurück im Geschäft

Und was wurde aus der Bank? Die gesunden Teile von Lehman Brothers samt dem Hochhaus in New York kaufte das britische Geldhaus Barclays, einen kleineren Teil übernahm die japanische Nomura Bank – der große Rest wurde abgewickelt. Fünf Jahre danach ist es im Foyer der ehemaligen Firmenzentrale angenehm kühl und still, Menschen in Anzügen und Businesskostümen huschen durch die Sicherheitsschleusen. Die drei Männer und drei Frauen am Empfang scheinen nur den protzigen Kristallpokal zu bewachen, den es in diesem Jahr beim Barclays' Golfturnier zu gewinnen gab. Der Bank geht es gut. Wie inzwischen wieder allen großen US-Geldhäusern – von Goldman Sachs bis Wells Fargo.

Fast die Hälfte der 26.000 ehemaligen Lehmänner mischt längst wieder mit, irgendwo in der Finanzwelt. Die Lehman-Pleite war für sie wie ein peinlicher Niederschlag im Boxring. Das mag auch Jahre später noch schmerzen. Aber sie grübeln nicht darüber, das würde nur die Geschäfte stören.

Die, die auch nach fünf Jahren noch draußen stehen vor den Türen der großen Finanzinstitute, sind offener und erzählen. Einigen ist ein Neustart in anderen Branchen gelungen. Die meisten blieben ihrem Gewerbe auch außerhalb der Bank treu. stern.de erzählten sie ihre Geschichten vom Fallen und wieder Aufstehen, vom schwierigen Leben nach Lehman. Aber selbst sie zweifeln nicht am Kapitalismus.

Wenn sogar die Opfer nicht zweifeln, wer soll es dann? Vielleicht ist das auch eine Erklärung dafür, warum die Regierungen nicht längst wirksame Vorschriften durchgesetzt haben, die das Bankensystem krisensicher machen. Wie das gehen kann, darüber sind sich fast alle Experten einig: Die Banken sollten mit viel mehr eigenem Geld – dem sogenannten Kernkapital – für ihre Geschäfte haften. Anat Amdati, eine international angesehene Ökonomin von der Stanford Universität, sagt, die Banken müssten mit einem Drittel ihres Kapitals gerade stehen. Dann wären auch nicht mehr so viele Finanzwetten möglich. Aber die Realität ist eine andere: In Europa sollen es bis 2019 gerade einmal sechs Prozent werden.

Der Traum vom schnellen Geld wird wieder geträumt

Fünf Jahre nach Lehman gibt es noch immer keine international gültige Vereinbarung, wie Pleitebanken kontrolliert abgewickelt werden können. Die EU arbeitet an einer Richtlinie. Fünf Jahre danach blüht der Handel mit Derivaten, diese komplizierten Wetten auf die Kursentwicklung von Aktien und Anleihen, als ob es die Finanzkrise nie gegeben hätte. Fünf Jahre danach sind die Bars um die ehemalige Lehman-Zentrale am frühen Freitagnachmittag wieder voller junger Männer, die ihre Gewinne der Woche feiern. Nicht mehr gleich mit Schampus. Und nicht mehr ganz so laut. Aber der Traum vom schnellen Reichtum wird wieder geträumt.

Fünf Jahre danach gibt es noch eine Webseite der Pleitebank (www.lehman.com). Dort ist zu lesen: "Wir sind bankrott, bitte wenden Sie sich an Barclays." Und von dort wird der Besucher zum weltweiten Markt für hochriskante Derivate gelotst. Als sei nichts geschehen.

Fünf Jahre danach glaubt Richard Fuld noch immer an eine Verschwörung von US-Regierung und Konkurrenten gegen ihn. Er selbst, inzwischen 67, arbeitete nach der Pleite für zwei Investmentgesellschaften in New York. Seit 2012 ist der "Gorilla" Rentner. Sicher einer der reichsten im Staat New York.

Mitarbeit: Anuschka Tomat

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