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"Wir sollten uns nicht schämen, dass wir am Schalthebel sitzen"

Claus Weselsky sieht sich im stern-Interview mächtigen Gegnern gegenüber: Bahn, DGB, Regierung. Nun muss der GDL-Chef entscheiden, ob weiter verhandelt wird oder ob es wieder zu Streiks kommt.

  GDL-Chef Claus Weselsky vor der nächsten Tarifrunde: Ob es bald eine Einigung mit der Bahn gibt, ist schwer zu beurteilen

GDL-Chef Claus Weselsky vor der nächsten Tarifrunde: Ob es bald eine Einigung mit der Bahn gibt, ist schwer zu beurteilen

Herr Weselsky, mit ihrem Namen werden Attribute verbunden, wie: egoistisch, eitel, machtbesessen, verbissen und autoritär...
Das sind Versuche, mir etwas anzuheften, weil man keine Argumente gegen unsere tarifpolitischen Ziele findet. Tatsächlich geht es bei uns um Stringenz und konsequentes Handeln. Ich kann doch nicht mitten in so einer Auseinandersetzung einknicken, bloß weil ich diskreditiert werde.

Wer versucht da Ihrer Meinung nach, Stimmung zu machen?

Wir haben fünf Gegner in diesem Tarifkampf: Unsere direkte Konkurrenz, die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, den DGB, die Bahn AG, die Arbeitgeberverbände und die Bundesregierung. Die hat ein Interesse daran, den Streit zu eskalieren, um in der Öffentlichkeit Zustimmung für ihr Gesetz zur Tarifeinheit zu bekommen.

Ihre Privatadresse wurde veröffentlicht, es wurde der Eindruck erweckt, sie würden sehr feudal wohnen...

...auf 61 Quadratmetern! Mir macht das Sorgen. Heute ist es möglich, mit einer geschickten PR-Kampagne, die ein großer Konzern in unserem Land führt, den Vorsitzenden einer Gewerkschaft mit allen Mitteln zu beschädigen.

Sie meinen die Bahn?
Ja. Und das ist auch bei unseren Mitgliedern angekommen. Deswegen fand in dieser für mich sehr harten Phase ein unglaublicher Schulterschluss in den Betrieben statt. Das Zugpersonal ist zusammen gerückt. Wenn da in Zeitungen steht: "Der Egomane will mit dem Kopp durch die Wand", dann tut es unheimlich gut zu sehen, dass trotzdem 9000 Lokführer zum Streik antreten. Die Bahn stand zu dieser Zeit still.

Sie waren auch deswegen im letzten Jahr einer der meist gehassten Menschen im Land. Wie hält man das aus?

Das wird behauptet. Ich hab das selber nicht so empfunden.

Wurden Sie denn nicht angefeindet, wenn Sie während der Streiks auf dem Bahnhof waren?

Das hat es auch gegeben. Ich wurde zur Rede gestellt: „Was machen Sie denn hier? Wie können Sie sich erlauben, den ganzen Verkehr lahm zu legen?“ Ich habe dann zurück gefragt: Wenn die Politik 1993 entschieden hat, uns den Beamtenstatus wegzunehmen und uns zu ganz normalen Tarifkräften zu machen, wieso sollen dann Lokführer nicht auch ganz normal streiken dürfen? Das haben viele verstanden.

Was sagt Ihr privates Umfeld zu den Anfeindungen?

Es ist mein Glück, dass ich in der Familie Stabilität vorfinde. Sonst ginge es nicht. Man braucht irgendwo Rückhalt. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Die Position des Lokführers ist mächtig: Die Bahn spricht bereits von 150 Millionen Euro Schaden durch Ihre Streiks. Ist die Macht Fluch oder Segen?
Wir sollten uns nicht schämen, dass wir am Schalthebel sitzen. Wir gehen seit vielen Jahren mit dieser Macht sorgsam um. Uns wurden deswegen vom DGB vorgeworfen, wir seien „Entsolidarisierer“. Dass wir gerade auf dem Weg sind, die nicht so durchsetzungsstarken Zugbegleiter und Bordgastronomen zu unterstützen, das sieht keiner. Wir streiken aber auch für diese Gruppen.

Bei der Bahn wurden unbequeme Gewerkschaftsbosse früher auch schon mal angeheuert. Es gibt das Gerücht, Sie selbst hätten bereits das Angebot gehabt, Personalchef zu werden?

Das ist kein Gerücht: Im Jahr 2007 ist mir ein Personalvorstandsposten bei der DB Netz AG angeboten worden. Das findet natürlich unter vier Augen statt, nicht in aller Öffentlichkeit. Ende der Durchsage.

Bei der Bahn heißt es, man wisse nichts davon.

Was würden sie denn sagen, wenn sie bei so einem Konzern wären? (lacht) Das war noch unter Mehdorn. Aber das Thema können sie abhaken: Ich wollte kein "Hansen" werden,...

...der ehemalige Transnet-Chef Norbert Hansen war kurze Zeit Personalvorstand der Bahn,...

...weil ich morgens noch in den Spiegel schauen wollte. Ich sehe das als Charakterstärke. Den Verlockungen des Geldes erliegt mancher Mensch schneller, als er es sich träumen lässt. Da muss man innere Grundwerte haben, denn so ein Wechsel ist ein Verrat an der gewerkschaftlichen Sache.

Werden Sie sich mit der Bahn bald einigen?
Schwer zu beurteilen.

Das klingt aus Sicht der Kunden nicht gut. Könnte im Februar noch mal gestreikt werden?

Ja, das ist möglich. Aber ich drohe hier ausdrücklich nicht mit Arbeitskampf. Da bin ich schon oft genug falsch zitiert worden. Leider recherchieren manche Journalisten heute nicht mehr selbst, sondern nehmen aus dem Zusammenhang gerissene Zitate der Nachrichtenagenturen. Ich finde solche Meinungsmache bedenklich.


Interview: Jan Boris Wintzenburg
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