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Wenn die Russen-Masche auffliegt

Image ist alles, vor allem bei einem Geldeintreiber. Und weil sich das Inkasso Team Moskau - Werbespruch: "Sie brauchen kein Russisch können, um uns zu verstehen" - dereinst als besonders grimmig inszenierte, sind die jetzigen Ermittlungen besonders peinlich. Den Eintreibern wird Betrug vorgeworfen.

Von Markus Götting

Der Porsche ist nun erst mal weg. Und wenn man überlegt, dass für Werner Hoyer der Tag damit begonnen hat, dass man ihm sein Lieblingsauto quasi unterm Hintern konfisziert hat, dann erstaunt es schon sehr, wie gut er gerade gelaunt ist.

Ein etwas verwittertes Hochhaus im Celler Stadtteil Klein-Hehlen, im obersten Stockwerk sitzt Herr Hoyer im Hinter­zimmer an seinem Schreibtisch. Büros der Studentenvertretung in der Uni sehen so aus wie dieses. Nur, dass dort kein hochpoliertes Schlägerset in einer ledernen Golftasche in der Ecke steht. Herr Hoyer, 59, trägt ein schwarzes Polohemd mit der Aufschrift Inkasso Team Moskau, wobei man sich ihn auch im maßgeschneiderten Hemd vorstellen könnte, mit Goldkette drunter und vielleicht einen Knopf zu viel geöffnet. Seine Jungs vom Inkasso Team Moskau (ITM) waren die Popstars unter den deutschen Geldeintreibern, und Werner Hoyer war sozusagen ihr Leadsänger. Zunächst hat ihre Werbung ("Ihr Schuldner muss kein Russisch können - er wird uns auch so verstehen") sie berühmt gemacht, dann das Fernsehen: glatzköpfige, grimmige Gestalten, schwarzes Outfit mit kugelsicherer Weste drüber, und der Typ mit dem Schnäuzer, das ist Hoyer.

Ermittlung wegen Betrugsverdacht

Wenn es blöd läuft für ihn, dann ist bald Schluss mit dem Kostümfest. Die Staatsanwaltschaft Celle ermittelt wegen Betrugsverdachts. Der Vorwurf: Das ITM habe jede Menge Aufträge angenommen und dafür entsprechend kassiert, obwohl es personell überhaupt nicht ausreichend besetzt war, diese auch zu erledigen. Es habe, so die Staatsanwaltschaft, suggeriert, über einen umfangreichen, bundesweiten Außendienst zu verfügen, der jeder Forderung durch schlagkräftigen Einsatz Nachdruck verleiht. Gerade dieser Außendienst war nach Ansicht der Ermittler für viele Auftraggeber entscheidend. Sie prüfen nun, ob ITM jemals genügend Mitarbeiter hatte, um seine vollmundigen Versprechungen zu erfüllen.

Mit mehr als 75 Beamten durchsuchte die Polizei mehrere Büros und Wohnsitze, 8.500 Auftragsordner wurden beschlagnahmt und, wie das im Amtsdeutsch so heißt, Unterlagen in elektronischer Form. "Die haben sogar meinen iPod mitgenommen", sagt Hoyer und öffnet die Schreibtischschublade. "Wenigstens hab ich noch das Ladegerät." Er lacht. Er nimmt das alles sehr sportlich, was da gerade auf ihn zukommt. Und behauptet, mehr als 50 Mitarbeiter an mehreren Standorten bundesweit sowie im Ausland zu beschäftigen. "Wo ist das Problem?"

Das Geschäftsprinzip ist genial. Jedenfalls aus Sicht des ITM: Wer es beauftragen will, muss erst mal Mitglied werden. In der Regel werden Verträge über drei Jahre abgeschlossen, 50 Euro Beitrag jeden Monat, Aufnahmegebühr 150. Bei einigen Tausend Kunden kommt da hübsch was zusammen - vergangenes Jahr hat das ITM fast fünf Millionen Euro umgesetzt.

"Wir hatten erstaunlich wenige Anzeigen"

Das ITM lebt von der Emotionalität seiner Kunden. "Davon, dass die Leute einen dicken Hals haben, weil sie ihrem Geld hinterherlaufen", wie Hans-Peter E. aus München das formuliert. Nur dass sein Hals jetzt noch dicker ist, nachdem er zusätzlich zu mehreren Tausend Euro, die er von einem Mieter haben will, nun auch noch "ein paar Hundert Euro an ITM verschleudert" hat. Bei der Staatsanwaltschaft in Celle sind inzwischen etliche Anzeigen von wütenden Kunden eingegangen, die sich geprellt fühlen.

Die Leute mit dem dicken Hals wollen nicht nur ihre Kohle, sie wollen Rache. Und die Vorstellung, dass ein Schlägertrupp beim Schuldner vor der Tür steht, wird zumindest durch die Leistungsbeschreibung suggeriert, die ITM-Kunden erhalten: "Besuch beim Schuldner durch unser ITM Team (...) Unser Forderungsmanagement und unsere Überwachungsverfahren werden mit äußerster Härte, aber nach geltendem Recht durchgeführt." Es ist eine reine Marketingmasche, ein Spiel mit Klischees. Moskau-Inkasso, das klingt ja irgendwie nach Russenmafia, und Herr Hoyer hat sich auch nie Mühe gegeben, dieses Image zu widerlegen. Die Außendienstmitarbeiter, heißt es, seien Kampfhundezüchter und Thai-Boxer, und wenn man einmal den kräftigen Händedruck des Igor Kulikow gespürt hat, kann man es auch mächtig mit der Angst zu tun bekommen. Nur ist Herr Kulikow in Wahrheit ein Ossi, der seine paar Brocken Russisch in der Schule gelernt hat. Er besteht übrigens darauf, dass man seinen richtigen Namen nicht erwähnen möge. Mit Rücksicht auf seine Fami­lie, sagt er. Und das ist dann schon rührend.

Werner Hoyer kennt sich aus mit dem Dasein als Schuldner. Er ist selbst einer. Seit er 2002 mit einer anderen Firma Insolvenz anmelden musste, werden seine privaten Einkünfte von einem Treuhänder verwaltet, noch ein Jahr lang, dann endet die Wohlverhaltensphase. Auf Hoyers Visitenkarte steht Chef. Kursiv gedruckt, was letztlich das Gleiche ist, als stünde es in Anführungsstrichen: 2004 hat er die ITM-Geschäftsführung formal abgegeben. Übrigens kurz bevor sein Insolvenzverfahren rechtskräftig wurde. Der nominelle Geschäftsführer heißt seither Jens Matthies, der sitzt während des Interviews auch hier im Büro. Auf dem Besuchersessel. Was soll man da denken?

In Celle spricht man mit Respekt über den ehemaligen CDU-Stadtrat Hoyer. Es gibt eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen den offiziellen Einkünften und seinem formidablen Lebensstil. Er hat auch Spaß dran, sein Gauner-Image zu kultivieren. Seit Ende 2006 ist er immerhin vorbestraft. Wegen versuchter Nötigung in 21 Fällen (Az. 20C 104/05). Es ging dabei um Drohbriefe, die, wie es im Urteil heißt, "bei den Schuldnern den Eindruck erweckten, dass der Einsatz mafiotischer Strukturen in Gestalt der Russenmafia unmittelbar bevorstehe". Richtige Nötigung hätte übrigens nur dann vorgelegen, wenn die Schuldner auch bezahlt hätten. Natürlich darf kein Inkasso-Unternehmen die Schuldner vermöbeln. Vielmehr geht es darum, außergerichtliche Einigungen zu erzielen, Vermögenswerte eines Schuldners zu ermitteln, Zahlungsbereitschaft herzustellen, Beharrlichkeit in Mahnverfahren. Solche Sachen.

"Ich begreife nicht, dass diese Firma immer noch existiert"

"Wir hatten erstaunlich wenige Anzeigen, die das Verhalten der Außendienstmitarbeiter betrafen", sagt der Celler Oberstaatsanwalt Bernd Kolkmeier, "bis uns allmählich dämmerte, die tatsächliche Tätigkeit des Außendienstes unter die Lupe zu nehmen." Denn das Geschäftsgebaren vom ITM wirkt wie ein permanenter Gesetzesverstoß. Die Firma wirbt sogar damit, dass sie gar keine Zulassung als Inkasso-Unternehmen hat, sie nennt sich inzwischen auch "Moskau Team - kein Inkasso". Das hält sie aber nicht davon ab, so aufzutreten. Deshalb geht jetzt auch der Bundesverband Deutscher In­kasso-Unternehmen (BDIU) gegen das ITM vor, wettbewerbsrechtlich. Das Amtsgericht Celle entschied bereits 2005, dass ein Inkasso-Un­ternehmen, das Forderungen ohne Erlaubnis eintreibt, ordnungswidrig handelt. Das Amtsgericht Pankow/Weißensee entschied 2006, dass Kunden ihre gezahlten Beiträge vom ITM zurückfordern können - die Verträge seien allein deshalb nichtig, weil sie einen Verstoß gegen das Rechtsberatungsgesetz darstellen. BDIU-Präsident Stephan Jender sagt: "Ich begreife nicht, dass diese Firma immer noch existiert. Man lässt denen viel Luft."

Aber die Einschläge kommen näher, das ist auch Herrn Hoyer nicht entgangen. Er sagt: "Wir haben uns mit unseren Juristen hingesetzt und geschaut, wo wir gegen Gesetze verstoßen. Das machen wir eindeutig nicht." Jetzt muss man aber wissen, dass Hoyer ein bisschen Pech hat mit seinen Anwälten. Rechtsbeistand der Firma ist ein gewisser Olaf Pfalzgraf. Dessen Zulassung wurde im Juli 2006 von der Anwaltskammer Schleswig-Holstein wider­rufen. "Ja, der hat seine Zulassung abgegeben", gibt Hoyer zu. Was so klingt wie: Der hat seinen Führerschein abge­geben. "Was den Betrugsvorwurf betrifft", sagt Hoyer, "machen wir uns keine Sorgen. Wenn man uns etwas vorwerfen kann, dann, dass wir einen schlechten Job machen. Aber das ist doch nicht strafbar." Hoyer sagt: "Ich muss mir Sorgen machen um meine Person, aber nicht um die Firma. Und wenn die mich dann für ein halbes Jahr oder so einsperren, hätte ich endlich die Zeit dafür, mein Buch zu schreiben." Herr Hoyer hat einen unerschütterlichen Optimismus. Den Umstand, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Akten beschlagnahmt haben, deutete das ITM zum Beispiel auf seiner Homepage ganz schnell in eine Werbebotschaft um: "Wir haben wieder Kapazitäten frei."

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