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Warum die Gema singende Senioren zur Kasse bittet

Deutschland, deine Bürokraten: Einige ältere Damen trafen sich einmal im Monat zum Singen - und bekamen dafür eine Rechnung von der Gema. Sie haben angeblich Urheberrechte verletzt.

  Senioren singen gerne. Doch in Fahrdorf in Schleswig-Holstein ist damit jetzt Schluss. Die Gema verlangt Geld von den älteren Damen.

Senioren singen gerne. Doch in Fahrdorf in Schleswig-Holstein ist damit jetzt Schluss. Die Gema verlangt Geld von den älteren Damen.

Am Mittwoch wird es wohl das letzte Treffen geben, dann ist Schluss. Noch einmal werden die Senioren in dem Café am Ortsrand von Fahrdorf bei Schleswig zusammen kommen. Doch es wird anders sein - denn Singen dürfen sie nicht mehr.

Einmal im Monat trafen sich die Senioren aus Fahrdorf, um gemeinsam alte Volkslieder zu trällern. Singkreis, so nennen sich die rund zehn, zum Teil dementen, älteren Damen und ein Senior. Bei Kaffee aus Porzellan-Tässchen mit Blumenmotiven und einem Stück Kuchen schallte "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Es tönen die Lieder" durch die Café-Stube von Helga von Assel. Dort, zwischen den bunten Landschaftsmalereien an der Wand und den rosa Tischdecken, hatten die Oldies Spaß am gemeinsamen Singen. Bis der Brief von der Gema kam.

Die "Gesellschaft für musikalische Aufführung- und mechanische Vervielfältigungsrechte", kurz Gema, treibt für Musiker und Komponisten Nutzungsgelder zusammen. Wo immer auch öffentlich Musik gespielt wird, sind Gebühren fällig. Und offenbar gilt das auch für die Senioren aus Fahrdorf. Die Gema schickte dem Café eine Rechnung zu: Für das Singen der Volkslieder würden 24,13 Euro fällig. Und künftig seien alle weiteren Live-Veranstaltungen dieser Art anzumelden. Auf einen Aufschlag von satten 100 Prozent habe die Gema verzichtet, da die singenden Senioren offenbar die Rechtslage nicht kannten.

Ein Radio oder gar eine Stereoanlage gibt es in dem Café nicht. Die Senioren würden das gar nicht mögen, so von Assel zu den "Schleswiger Nachrichten".

Singkreis steht vor dem Aus

Die Gema teilte Helga von Assel mit, dass es durchaus möglich sei, dass die älteren Damen mit ihrem Geträller Urheberrechte verletzt hätten.

Also steht der Singtreff vor dem Aus. "Das wird so traurig für die Damen und für uns eine große Belastung", sagt Helga von Assel den "Schleswiger Nachrichten". Der Gema die Stirn zu bieten, das trauen sich Gesine Haupt, die 78-jährige Organisatorin und Helga von Assel, selbst auch schon 77 Jahre alt, nicht zu. "Und zahlen können unsere Damen sowieso nichts. Die sind zum Teil richtig arm, sparen sich alles vom Mund ab", sagt von Assel.

Gema ist im Recht

Dabei kann Musik und gerade das Singen eine wichtige Stütze für Demenz-Kranke sein. "Wenn man Lieder nimmt, die mit bestimmten Erlebnissen zum Beispiel aus der Kindheit und der Jugend verknüpft werden", könne man auch Emotionen wecken über Musik, sagte die Neurologin Miriam Tönnis in einem Interview.

Doch therapeutischer Nutzen ist nicht Bestandteil der Gema-Tarifstruktur. Daher sieht es nicht gut aus für den Singkreis, denn die Gema ist im Recht. Wird Musik öffentlich gespielt - ob nun live oder von einem Datenträger - müssen Gebühren gezahlt werden. Allerdings ist die Tarifstruktur verschachtelt und unübersichtlich - und sorgt immer wieder für Streit. Mal sind es Kneipen-Besitzer, die horrende Gema-Gebühren zahlen müssen. Dann droht Kinderfesten die Musiklosigkeit, weil die Kosten durch die Gema nicht gezahlt werden können. Oder Kindergärten erhalten Abmahnungen, weil dort Lieder gesungen werden.

Mit Geheimdienstmethoden

Aber wie konnte die Gema, eine bundesdeutsche Institution, von singenden Senioren in Norddeutschland erfahren haben? Offenbar scannt die GEMA nicht nur Pressemitteilungen, sondern auch lokale Zeitungsberichte - und zwar höchst systematisch. Laut Gaby Schilcher, Sprecherin der Gema, werden jeden Tag "Tausende solcher Meldungen" ausgewertet, so die "Schleswiger Nachrichten". Werden die Musik-Detektive fündig, läuft das System Gema an: Ist die Veranstaltung angemeldet? Oder anders: Wem kann die Gema die Rechnung zusenden?

Volkslieder haben Urheberschutz

Es scheint, als ob die zunächst gute Idee der Gema - nämlich Geld für die Musiker zusammenzutreiben - mitunter absurde Züge trägt. Am 13. Mai wird es wohl das letzte Treffen des Singkreises sein. Denn die alten Volkslieder unterstehen noch sehr lange dem Urheberschutz. Für die Melodie des Klassikers "Hoch auf dem gelben Wagen" läuft der Schutz des Richard Birnbach Musikverklags noch bis 2038.

Die Gema hat inzwischen eine Richtigstellung veröffentlicht: "Die im Artikel beschriebene Veranstaltung wurde als 'Volksliedersingen im Café im Feld in Fahrdorf um 15:30 Uhr' in einer Zeitung inseriert. Es gab dabei keine Informationen über die Art des Treffens oder das Alter der Teilnehmer", schreibt die Gema. "Aufgrund des Inserates mussten wir davon ausgehen, dass die Veranstaltung öffentlich ist, somit eine Lizenzpflicht besteht und ein Vergütungsanspruch vorliegt." Die Café-Betreiberin habe sich nicht gemeldet. "Daher wurde seitens der GEMA-Bezirksdirektion Hamburg am 28. April die in der Öffentlichkeit diskutierte Rechnung in Höhe von 24,13 Euro gestellt", so die Gema weiter. Aufgrund des Artikels in den "Schleswiger Nachrichten" kommt die Gema zu dem Urteil, dass "es sich bei dem "Sing-Treff im Café Fahrdorf" um ein nicht-öffentliches Singtreffen handelt. "Aus diesem Grund werden wir die Rechnung stornieren", schreibt die Gema.

Katharina Grimm
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