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Lockruf des Westens

Die Polen sind die Billigarbeiter der Deutschen. Die Ukrainer sind die Billigarbeiter der Polen. Der Markt für Tagelöhner ist Globalisierung pur. Ein Blick in eine verschlossene Welt mit eigenen Regeln - aber ohne Gesetz.

Klingt gut. Ein gleichmäßiges, rundes Brummen. Kein Klingeln, kein Stottern. Dabei macht Waclaw mit seinem Kia-Kleinbus vermutlich noch in diesem Jahr die halbe Million Kilometer voll. Morgens um fünf nagelt er durch die Dörfer rund um Stettin (Szczecin), die nordwestlichste Großstadt Polens. Am Straßenrand liest er seine Passagiere auf. Es wird wenig gesprochen. Man kennt sich. Dieselben Leute, dieselbe Route. Seit Jahren. Waclaw gibt Gas. In zwei Stunden müssen sie am Alexanderplatz sein. In Berlin. Ivans VW-Bus hat vermutlich schon über eine ganze Million Kilometer runter. So genau weiß das keiner. Sechs Passagiere hat er diesmal an Bord. Im Morgengrauen sind sie nahe Lemberg (Lviv) losgefahren, der nordwestlichsten Großstadt der Ukraine. Wenn alles gut geht, werden sie am Abend ankommen. In Warschau.

Waclaw fährt polnische Schwarzarbeiter nach Deutschland. Ivan fährt ukrainische Schwarzarbeiter nach Polen. Waclaws Fahrgäste pflücken Äpfel, bauen Häuser, pflegen Alte, putzen, renovieren und hüten Kinder. In Deutschland. Ivans Fahrgäste pflücken Äpfel, bauen Häuser, pflegen Alte, putzen, renovieren und hüten Kinder. In Polen. Wie der Kapitalmarkt ist auch der Arbeitsmarkt globalisiert. Wie die Finanzströme der Rendite nachjagen, so folgen die Menschenströme der Arbeit. Die Globalisierung der Arbeit macht Polen gleichzeitig zum Auswanderungsland und zum Einwanderungsland. Von Deutschland aus gesehen ist Polen der Osten. Die Ukrainer sehen in Polen den goldenen Westen. In Deutschland sind Polen die Billigstarbeiter. Und die Ukrainer sind die Polen der Polen.

Waclaw und Ivan waren mal wer.

Vor der Wende. Als Bauingenieur hat Waclaw Großprojekte in ganz Polen betreut. Auch Ivan war Ingenieur, Maschinenbauer in einem Bergwerk bei Lemberg. Beider Arbeitgeber gingen Anfang der neunziger Jahre Pleite - das Schicksal europäischer Großbetriebe östlich von Lübeck. Jetzt fährt Waclaw täglich nach Berlin. Und zurück. Abends um sieben warten die Heimkehrer am "Polenbahnhof", einem Parkplatz beim Alexanderplatz. Größtenteils sind es gepflegte Frauen in modischen Bürokostümen. An ihren Schultern baumeln große Taschen. Darin sind ihre Putzklamotten. Ein kurzer Blick in den Schminkspiegel, dann schlüpfen sie in einen der vielen Kleinbusse mit polnischen Kennzeichen. Waclaw schätzt, dass "Hunderte Fahrer wie ich" allein zwischen Stettin und Berlin pendeln.

Der Pole Waclaw verlangt von jedem Fahrgast 15 Euro. Für 150 Kilometer Distanz. Der Ukrainer Ivan bekommt 20 Euro. Allerdings für 600 Kilometer. Bei Waclaw ist der Kilometer dreimal so teuer wie bei Ivan, das ist der Unterschied zwischen Polen und der Ukraine. Die Wirtschaft des künftigen EU-Mitgliedes Polen ist seit der Wende kräftig gewachsen. Und kaum subventioniert. Während in der ehemaligen DDR aus viel Förderung wenig gemacht wurde, hat die polnische Wirtschaft aus wenig viel gemacht. So wird der Abstand kleiner zwischen Polen und Deutschland. Und größer zwischen der Ukraine und Polen. Die "Ostwand", so nennen die Polen ihre Grenze zur Ukraine, ist die neue Armutsgrenze Europas. Die ist um ein Land weitergerückt.

"Denen im Osten

scheint es wirklich dreckig zu gehen, wenn sie für so wenig Geld so weit fahren", staunt Waclaw. Ivan sagt: "In meiner Heimat gehöre ich zu den Wohlhabenden. In guten Monaten kann ich über 500 Euro verdienen." Zehnmal so viel wie die Lehrer seiner Kinder. Als er arbeitslos wurde, hat Ivan einmal pro Woche seinen alten Wolga mit Obst und Gemüse überladen, ist nach Warschau gefahren und hat dort alles verkauft, auf einem der Ukrainer-Märkte. Vor drei Jahren hatte er genug gespart, um sich für 7.000 Euro den gebrauchten VW-Transporter zu kaufen. "Das Geschäft läuft super. Ich könnte bald reich sein." Könnte. Seine Frau ist nierenkrank. Die Behandlung kostet jedes Jahr mehr als 1.000 Euro. Und die Krankenversicherung? "Versicherung", lacht Ivan. "In meiner Welt gibt es so was nicht."

Die Glückssucher, die sich auf den Weg nach Westen machen, werden unsichtbar, sobald sie am Zielort aus Waclaws oder Ivans Auto aussteigen. Und sie werden schweigsam, aus Angst, ihr Akzent könnte sie verraten. Offiziell sind sie Touristen. Als solche dürfen Polen nach Deutschland und Ukrainer nach Polen einreisen. Ihnen ist alles erlaubt, außer arbeiten. Doch das ist das Einzige, was sie wollen. Also leben sie in der Grauzone des Rechts. Das ist anstrengend. Und vor allem sehr kompliziert. Nur die Schlauen, die Fleißigen, die Mutigen schaffen es, im Westen auch wirklich Geld zu verdienen.

Berlin/Deutschland

"In der ersten Zeit verdient man praktisch nichts", sagt der Berliner Pole Edward. "Da wird man nur betrogen. Man kann ja nicht zur Polizei gehen." Heute wohnt Edward mit seiner Frau Justina auf eineinhalb Zimmern in Berlin-Wedding, Parterre, Hinterhaus. In dem Haus leben nur Polen. Alles fleißige Touristen. Im Hof stehen ausgeschlachtete Autowracks. Im Treppenhaus klebt der Boden. Das Geländer hat jemand geklaut. An den Wohnungstüren gibt es keine Namensschilder. Die Briefkästen wurden längst abgeschraubt. Hier bekommt niemand Post.

"Angemeldet sind wir hier natürlich nicht", sagt Edward. Die Polen haben in Deutschland eine logistische Infrastruktur für ihre halb legale Existenz aufgebaut, eine gut organisierte Parallelwelt. Es gibt Strohmänner für Mietverträge und Arbeitsverträge. Und es gibt kleine "Business-Büros". Dort bastelt man Fotos in Monatskarten der U-Bahn. Wer krank wird, kann sich eine Krankenkassen-Chipkarte mieten. 100 Euro ist der aktuelle Tarif. Edward und seine Frau sind beide Mitte 50. "Beim Arzt war ich schon zweimal mit der Karte eines 22-jährigen Deutschen. Aber der Arzt hat nichts gesagt. Der ist doch Teil des Geschäfts", sagt Edward. Solche Ärzte inserieren in polnischen Anzeigenblättchen, die es in Berlin inzwischen gibt. Nur Adresse und Sprechzeiten, da weiß jeder Pole, dass er keine Fragen zu befürchten hat.

Das wichtigste Überlebensmittel ist das Handy. "Ohne das könnten wir nicht existieren", sagt Edwards Frau Justina. "Unsere Auftraggeber kennen oft nicht mal unsere Namen, nur unsere Handynummer." Sie schließen keine Verträge mit Telefongesellschaften ab, telefonieren nur mit anonymen Prepaid-Karten. Das Geschäft des Paares läuft schlecht. Früher hat Edward oft auf dem Bau gearbeitet und dabei bis zu 50 Euro am Tag verdient. Doch in Deutschland wird immer weniger gebaut. Darum geht Edward jetzt oft mit seiner Frau putzen. Treppenhäuser in Mietskasernen. Zwei Euro das Treppenhaus. "Im Moment können wir nichts sparen. Wir warten nur noch auf die EU", sagt Edward. Im Mai nächsten Jahres, wenn Polen beitritt, will Edward sich mit einer Servicefirma selbstständig machen. Arbeiten aller Art, nur er und Justina. Einen richtigen festen Job bei einem deutschen Arbeitgeber darf er auch dann noch nicht annehmen, aber sich als Unternehmer niederlassen, das ist ab Mai erlaubt.

Schlechte Zeiten für Männer. In Deutschland finden polnische und in Polen finden ukrainische Männer immer schwerer Arbeit. Frauen dagegen sind gefragt, nicht nur zum Putzen. Am stärksten boomen Alten- und Krankenpflege, der gesamte medizinische Bereich. "Ich weiß, ich weiß", sagt Nina. "Die Zukunft gehört mir." Und dann lacht sie ihr lautes, ungebremstes, ansteckendes Lachen.

Stettin/Polen

Nina ist ein 47-jähriges, kleines, molliges Kraftwerk. Sie stammt aus einem ukrainischen Dorf nördlich von Lemberg. Weil sie in der Schule die Beste war, durfte sie studieren. Medizin, in Moskau. Das war noch zu Zeiten der Sowjetunion. Sie wurde Fachärztin für Rehabilitationsmedizin an einem Sanatorium der Roten Armee auf der Krim. 1991 wurde das Sanatorium geschlossen. "Ich war arbeitslos. Und mein ganzes Geld hat die Bank behalten." Ihre Eltern, ihre sieben Geschwister, ihr Mann, sämtliche Schwager und Schwägerinnen - alle verloren innerhalb von 16 Monaten ihre Arbeit. Die gesamte Sippschaft zog zurück in das kleine Dorf bei Lemberg und lebte von dem, was sie auf dem Feld anbaute. "Ich hab das nicht ausgehalten, dieses Warten auf nichts", erinnert sich Nina. Ihre Schwester, ihr Schwager und sie schmuggelten Hausrat nach Polen, verscherbelten alles auf dem Ukrainermarkt und hatten nach zwei Wochen genug Geld zusammen für die große Fahrt. Sie kauften Zugtickets und fuhren so weit nach Westen, wie man mit einem ukrainischen Pass kommt: nach Stettin, wenige Meter vor der deutschen Grenze. Für Ukrainer ist hier Endstation. An einem Vormittag im Mai 1993 standen sie auf dem Bahnsteig. "Wir hatten exakt null Zloty in der Tasche."

Jetzt waren sie da. Aber sie hatten keine Ahnung, was sie tun sollten. Nina hockte sich auf ihren Koffer und weinte. Die Schwester hielt Ausschau nach einem Kirchturm. Der einzige Ort, an dem sie Hilfe erwarten konnten. Der Pfarrer fand eine Bleibe und Arbeit für sie. Auf dem Bau. Drei Jahre hat Nina, die Ärztin, Steine geschleppt, gemauert, Fliesen gelegt und den Müll auf den Baustellen weggeräumt. Eines Tages kam ein Vorarbeiter zu ihr, mit Schmerzgrimasse, nach vorne gebeugt und hilflos. "Hey du, ich hab gehört, davon verstehst du was." Es war Ninas erster Patient nach mehr als fünf Jahren. "Ich war so glücklich, dem zu helfen. Das war der erste schöne Tag in Polen."

Die Behandlung hat Nina mehr geholfen als dem Vorarbeiter. In den nächsten Tagen kamen immer mehr Bauleute mit ihren Wehwehchen zu ihr. Kurz darauf räumten Arbeiter in einem Lagerhauskeller ein paar Quadratmeter frei und stellten eine Pritsche ab. Ihre erste eigene Praxis. Von nun an schleppte sie keine Steine mehr, sondern massierte die Rücken ihrer Kollegen. "Zum ersten Mal richtig Penunzen." Das polnische Wort für Geld. Sie schuftete, sparte und investierte klug. Im Sommer 2000 mietete sie in der City von Stettin ein Einzimmerapartment. Ihre zweite Praxis. "Inzwischen kennen mich fast alle Ärzte aus der Umgebung und schicken mir ihre schweren Fälle."

Offiziell ist Ninas Behandlung kostenlos, als Ukrainerin darf sie in Polen kein Geschäft eröffnen. "Aber ich helfe meinen Patienten, und die helfen mir. Na, was ist schon dabei?" Die Patienten helfen fleißig. Kürzlich kaufte Nina sich einen gebrauchten Mazda, der sofort gestohlen wurde. "Wahrscheinlich Ukrainer. Das sind die schlimmsten Autodiebe." Jetzt hat sie einen kleinen Nissan. Und seit Jahresanfang eine Eigentumswohnung. Drei Zimmer, gute Gegend. Dort wohnt sie mit Mann, Tochter, Schwiegersohn und Enkelin. Nina ist angekommen. Zehn Jahre nachdem sie in einem fremden Land in einer fremden Stadt auf dem Bahnsteig nur noch heulen konnte, hat sie es bis in die neue Mittelschicht Polens geschafft. Genau dahin, wohin Edward und Justina, die beiden Polen in Berlin-Wedding, vielleicht nie gelangen werden. Und vielleicht auch Ninas Verwandte nicht, die noch immer in der Wohnung leben, aus der Nina Anfang des Jahres auszog.

Zwei Zimmer, 48 Quadratmeter, Plattenbau am Stadtrand von Stettin. Bis auf den Flur, die Küche und das Bad ist jeder Zentimeter mit Matratzen belegt. An den Wänden stapeln sich Koffer bis unter die Decke. Das ist das Zuhause von 20 Menschen. Meist sind zehn gleichzeitig hier, die anderen fahren gerade zum Erneuern des Visums in die Ukraine oder schlafen dort, wo sie derzeit Arbeit haben. Auf einem Bett sitzen Ninas kleine Schwestern Vera, Luba und Nadeshda. Sie gackern über druckfrischen Familienfotos. Mutters 70. Geburtstag. Die ganze Sippschaft war gekommen, nach Golovno, ihr Dorf bei Lemberg. "Die auf den Bildern arbeiten alle in Polen", sagt Luba. "Zu Hause leben nur noch Papa, Mama und Andrusch." Andrusch ist das Pferd.

Golovno/Ukraine

Wie sieht es aus in einem Land, aus dem ganze Familien weggehen? Die Straßen sind lang und endlos gerade und führen durch den fruchtbaren Boden. Einst war die Ukraine die Kornkammer Europas. Hitler und Stalin glaubten beide: Wer die Ukraine besitzt, der kontrolliert Europa. Doch alles ist verwahrlost: Auf den Feldern wuchert das Gestrüpp. In den Bergwerken stehen die Fördertürme still. Die Anlagen sind rot vom Rost. Die Straßen sind Buckelpisten. Die wenigen Autos blasen fette Qualmfontänen aus dem Auspuff. Rußschwarze, zehnstöckige Betonwohnhäuser gammeln vor sich hin, nur zur Hälfte bewohnt. In vielen Fensterhöhlen fehlt das Glas.

30 Kilometer vor der polnischen Grenze taucht ein verwittertes Ortsschild auf: Golovno, Ninas Dorf. Am Straßenrand stehen Dutzende Pferde. Ein Pferdemarkt? Nein, das ist der Parkplatz des Wochenmarktes. Die Pferdewagen haben deutsche Autokennzeichen. Die Nummernschilder werden an die Rückfront genagelt, weil sie reflektieren. So erkennt man die Wagen auch in der Dunkelheit. Der Markt in Golovno besteht aus einem alten Laster, auf dem sich Kartoffeln, Paprika und Tomaten stapeln. Die Bauern bekommen Paprika und Tomaten und bezahlen mit Kartoffeln. Tauschwirtschaft. Hier hat kaum einer Geld. Um den Laster herum drängen sich nur alte Leute. Die Jungen sind weg. Im Ausland.

Die Menschenrechtskommissarin der Ukraine, Nina Karpachova, hat im April eine Studie veröffentlicht, nach der etwa sieben Millionen Ukrainer im Ausland arbeiten, von insgesamt 50 Millionen Einwohnern. Das sind mehr als 20 Prozent aller Menschen im erwerbsfähigen Alter. Weil das ungleich verteilt ist, fehlt in Regionen wie der West-Ukraine die Hälfte aller Arbeitsfähigen. "Ohne die 100 Euro, die wir jeden Monat von Nina bekommen, könnten wir nicht durchkommen", sagt Jakov, Ninas Vater. Ein Zweizimmerhäuschen nennt er sein Eigen. Gekocht wird auf dem Hof. Wasser gibt es aus dem Brunnen. Er hat drei Schweine, ein Dutzend Hühner und Andrusch, den alten Gaul. "Ja, so leben wir, wie meine Großeltern vor über 100 Jahren", sagt der 73-Jährige. "Aber im Kommunismus war's auch nicht besser", unterbricht ihn Olga, seine Frau. "So gut, wie meine Tochter im Westen lebt, das haben wir nie kennen gelernt."

Die beiden wissen noch nicht, dass sich ihr Leben schon sehr bald ändern wird. Nina hat einen Plan. "Eine Überraschung", sagt sie. "Keine Angst, ich verrate es schon noch. Aber erst später." Olga und Jakov sind mächtig stolz auf ihre Nina. Weil sie es geschafft hat im Westen. Weil sie ihren Eltern viel mehr Geld schickt, als das die Kinder der Nachbarn können. Weil Nina, die Älteste, dafür sorgt, dass sich keine ihrer Schwestern prostituiert wie etliche junge Frauen aus Golovno. Und weil keines von Ninas Geschwistern gezwungen ist, nach Warschau zu gehen, zu jenem trostlosesten Ort für ukrainische Schwarzarbeiter.

Warschau/Polen

Dort, an einer ganz bestimmten Straße, suchen viele aus Golovno nach Arbeit. Jeder Ukrainer aus der Gegend um Lemberg kennt die Geschichten dieser Straße am südlichen Stadtrand von Warschau: die Johannes-Paul-II.-Straße. Der berüchtigte Arbeiterstrich. Rund 200 Ukrainer stehen hier jeden Tag und warten auf Tagelöhnerjobs. Die Frauen auf der einen Seite, die Männer auf der anderen. Ihre Arbeitgeber sind Bauunternehmer, Bauern und gut verdienende polnische Privatleute.

Langsam fährt ein Golf an der Männerseite vorbei. Eine Frau sitzt am Steuer. Vor einem baufälligen Haus stoppt der Golf. Aus der Ruine springen Männer, umringen das Auto. Die Fahrerin deutet auf zwei ältere Männer und macht die Beifahrertür auf. "Ich brauche Leute, die in meiner Tierarztpraxis ein paar Zimmer streichen", erklärt sie. Wäre sie eine Tierärztin in Deutschland, würde sie jetzt einen fleißigen Polen beschäftigen. Doch die Polin will keine Polen. "Viel zu teuer. Was das allein an Steuern und Versicherung kostet. Und die Ukrainer arbeiten noch richtig. Die sind sich nicht zu fein."

Die Johannes-Paul-II.-Straße ist die unterste Stufe des Illegalenlebens in Polen. Eine Gruppe von Schlägern verlangt zehn Euro pro Monat von jedem, der hier am Straßenrand steht. Das ist ungefähr so viel, wie man pro Job und Tag verdienen kann. Die meisten werden zwei, manchmal drei Tage in der Woche zur Arbeit mitgenommen. Frauen verdienen mehr. Überwiegend sind sie über 40 und hoffen auf Putzjobs. Die jungen Frauen machen andere Arbeit an anderen Straßen. Die Männer von gegenüber sind unrasiert. Ihre Haare kleben am Kopf. Sie riechen. Die Frauen sind ordentlich gekleidet, viele sogar geschminkt. Dabei hausen alle in denselben Verschlägen. In der Nähe vermieten Polen ihre Häuser an Ukrainer. In einem Einfamilienhaus sind meist 50 Tagelöhner untergebracht. Sechs Männer bewohnen in Schichten eine Acht-Quadratmeter-Kammer. So riecht es auch. Soßenreste kleben an unbezogenen Kopfkissen. Die nackten Matratzen sind mit Brandlöchern übersät. 50 Hausbewohner teilen sich zwei Wasserhähne ohne Waschbecken und zwei Kloschüsseln ohne Brillen. 1,20 Euro kostet hier die Nacht.

"Zum Glück habe ich das hinter mir", sagt Galina. Die Elektrotechnikerin aus Lemberg ist 49 Jahre alt. Fünf davon hat sie am Arbeiterstrich ums Überleben gekämpft. Sie wurde ausgeraubt, manchmal hat sie sogar im Gebüsch geschlafen. Im Sommer hat sie Alexander und seinen Trupp kennen gelernt. Vier Ukrainer Mitte 20, die Rohbauten verputzen. Galina tut Alexander leid, darum lässt er sie bei sich wohnen. In einem Rohbau. Viele illegalen Bauarbeiter ziehen in die Häuser ein, die sie gerade bauen, sobald die Kellerdecke fertig ist. Derzeit wohnen sie in einer halbfertigen Villa. Galina schmückt die kahlen Räume mit Blumen aus dem parkähnlichen Garten. Und sie kocht. Meistens gibt es Pilze, die sie im nahen Wald sammelt. Wenn die Männer aus dem Haus sind, "dann werde ich depressiv. Weil es einfach keinen Ausweg für mich gibt." Als sie einmal, nach Monaten in Polen, zurück nach Hause kam, "war mein Mann weg. Ich war ja nie da. Langsam werde ich zu alt für dieses Zigeunerleben. Aber zurück kann ich auch nicht. Wovon soll ich leben?"

Abends, wenn es kalt wird, versammeln sich die Hausbewohner im kleinsten Zimmerchen der Villa und reden. Die Zukunft ist kein Thema. Träume? Pläne? Alexander hofft, dass sein Sohn mal einen Computer bekommt. "Ist das ein Plan?" Die anderen zucken mit den Schultern. Pläne? Komische Frage. "Wer so lebt wie wir, hat aufgehört zu planen", sagt Galina.

Stettin/Polen

"Wer nicht mehr von der Zukunft träumt, ist doch schon tot", sagt Nina. Sie hat Träume. Und Pläne. Große Pläne. Als Nächstes ist die Überraschung dran für ihre Eltern: "Ich wollte schon immer meinem Papa einen Traktor schenken. An seinem Geburtstag einfach damit vor das Haus fahren, das wär's", sagt Nina. Ja, das wär's wirklich, denn wie die meisten Kolchosen der Ukraine ist auch die Kolchose "Russland" in ihrem Heimatdorf Anfang der Neunziger Pleite gegangen. Unendlich große, fruchtbarste Ländereien gammeln seither vor sich hin. Jeder Ukrainer darf die Felder bewirtschaften und die Ernte für sich behalten. Nur wie? Mit ihren Pferden können die Bauern nur einen Bruchteil des Landes beackern. Wer einen Traktor besitzt, hat automatisch mehr Land. Und mehr Geld, denn er kann den Traktor auch vermieten. Ninas Idee ist genial.

So genial, dass sie ihren Plan inzwischen noch etwas erweitert hat. In Schweden hat sie gleich zwei gebrauchte Trecker gekauft, für jeweils 3.500 Euro. Wie kann sie in Schweden einkaufen, wo doch Ukrainer kaum in das Land einreisen dürfen? "Viele meiner Patienten sind Schweden. Sie kommen mit der Fähre und arbeiten als Manager in Stettin", sagt sie. Einer davon kennt sich mit Landmaschinen aus und hat die Traktoren für sie gekauft. Ein anderer Patient, ein Pole, betreibt eine Spedition. "Der bringt das ganze Zeug an die Ostwand", an die polnische Ostgrenze. Von da sind es noch 30 Kilometer bis Golovno. Ninas Bruder und ihr Schwiegersohn werden die Überraschungen an der Grenze abholen. "Die beiden werden dann in Golovno bleiben und sich mit den Traktoren eine Existenz aufbauen", sagt Nina.

Damit hat sie

noch ein zusätzliches Problem gelöst. Die Männer, die in Polen immer seltener Arbeit finden, sind erst mal beschäftigt und stören die Frauen nicht mehr beim Aufstieg. "Die Kerle sitzen den ganzen Tag rum, gucken Fernsehen und gehen uns auf die Nerven", sagt Luba, Ninas Schwester. Dass ihre Männer sich immer seltener rasieren und kaum die Jogginghosen wechseln und sich gern mal ein paar Fläschchen Wodka kaufen, das sagen die Frauen nicht. Aber man sieht es. Nina hat die polnische Staatsbürgerschaft beantragt. "Und auf dem Amt hat man mir gesagt, dass ich alle Voraussetzungen erfülle." Wenn Nina erst Polin und ihre neue Heimat EU-Mitglied ist, dann ist der Weg frei zu den richtigen Fleischtöpfen. "Als Polin darf ich in Hamburg oder München ein Geschäft aufmachen. Da verdiene ich dann das Doppelte oder das Dreifache wie hier." Und dann, davon ist Nina überzeugt, wird in wenigen Jahren ihr eigentlicher, ihr großer Lebenstraum in Erfüllung gehen: "Ich werde mein eigenes kleines Sanatorium haben, auf der Krim. Ihr werdet schon sehen." Wenn eine das schaffen kann, dann Nina, das Mädchen aus Golovno.

von Walter Wüllenweber, Mitarbeit: Wlodzinierz Nechamkis/print

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