Lockruf des Westens

30. November 2003, 08:55 Uhr

Die Polen sind die Billigarbeiter der Deutschen. Die Ukrainer sind die Billigarbeiter der Polen. Der Markt für Tagelöhner ist Globalisierung pur. Ein Blick in eine verschlossene Welt mit eigenen Regeln - aber ohne Gesetz.

"Fleißige Touristen" aus Polen in Berlin©

Klingt gut. Ein gleichmäßiges, rundes Brummen. Kein Klingeln, kein Stottern. Dabei macht Waclaw mit seinem Kia-Kleinbus vermutlich noch in diesem Jahr die halbe Million Kilometer voll. Morgens um fünf nagelt er durch die Dörfer rund um Stettin (Szczecin), die nordwestlichste Großstadt Polens. Am Straßenrand liest er seine Passagiere auf. Es wird wenig gesprochen. Man kennt sich. Dieselben Leute, dieselbe Route. Seit Jahren. Waclaw gibt Gas. In zwei Stunden müssen sie am Alexanderplatz sein. In Berlin. Ivans VW-Bus hat vermutlich schon über eine ganze Million Kilometer runter. So genau weiß das keiner. Sechs Passagiere hat er diesmal an Bord. Im Morgengrauen sind sie nahe Lemberg (Lviv) losgefahren, der nordwestlichsten Großstadt der Ukraine. Wenn alles gut geht, werden sie am Abend ankommen. In Warschau.

Waclaw fährt polnische Schwarzarbeiter nach Deutschland. Ivan fährt ukrainische Schwarzarbeiter nach Polen. Waclaws Fahrgäste pflücken Äpfel, bauen Häuser, pflegen Alte, putzen, renovieren und hüten Kinder. In Deutschland. Ivans Fahrgäste pflücken Äpfel, bauen Häuser, pflegen Alte, putzen, renovieren und hüten Kinder. In Polen. Wie der Kapitalmarkt ist auch der Arbeitsmarkt globalisiert. Wie die Finanzströme der Rendite nachjagen, so folgen die Menschenströme der Arbeit. Die Globalisierung der Arbeit macht Polen gleichzeitig zum Auswanderungsland und zum Einwanderungsland. Von Deutschland aus gesehen ist Polen der Osten. Die Ukrainer sehen in Polen den goldenen Westen. In Deutschland sind Polen die Billigstarbeiter. Und die Ukrainer sind die Polen der Polen.

Waclaw und Ivan waren mal wer. Vor der Wende. Als Bauingenieur hat Waclaw Großprojekte in ganz Polen betreut. Auch Ivan war Ingenieur, Maschinenbauer in einem Bergwerk bei Lemberg. Beider Arbeitgeber gingen Anfang der neunziger Jahre Pleite - das Schicksal europäischer Großbetriebe östlich von Lübeck. Jetzt fährt Waclaw täglich nach Berlin. Und zurück. Abends um sieben warten die Heimkehrer am "Polenbahnhof", einem Parkplatz beim Alexanderplatz. Größtenteils sind es gepflegte Frauen in modischen Bürokostümen. An ihren Schultern baumeln große Taschen. Darin sind ihre Putzklamotten. Ein kurzer Blick in den Schminkspiegel, dann schlüpfen sie in einen der vielen Kleinbusse mit polnischen Kennzeichen. Waclaw schätzt, dass "Hunderte Fahrer wie ich" allein zwischen Stettin und Berlin pendeln.

Der Pole Waclaw verlangt von jedem Fahrgast 15 Euro. Für 150 Kilometer Distanz. Der Ukrainer Ivan bekommt 20 Euro. Allerdings für 600 Kilometer. Bei Waclaw ist der Kilometer dreimal so teuer wie bei Ivan, das ist der Unterschied zwischen Polen und der Ukraine. Die Wirtschaft des künftigen EU-Mitgliedes Polen ist seit der Wende kräftig gewachsen. Und kaum subventioniert. Während in der ehemaligen DDR aus viel Förderung wenig gemacht wurde, hat die polnische Wirtschaft aus wenig viel gemacht. So wird der Abstand kleiner zwischen Polen und Deutschland. Und größer zwischen der Ukraine und Polen. Die "Ostwand", so nennen die Polen ihre Grenze zur Ukraine, ist die neue Armutsgrenze Europas. Die ist um ein Land weitergerückt.

"Denen im Osten scheint es wirklich dreckig zu gehen, wenn sie für so wenig Geld so weit fahren", staunt Waclaw. Ivan sagt: "In meiner Heimat gehöre ich zu den Wohlhabenden. In guten Monaten kann ich über 500 Euro verdienen." Zehnmal so viel wie die Lehrer seiner Kinder. Als er arbeitslos wurde, hat Ivan einmal pro Woche seinen alten Wolga mit Obst und Gemüse überladen, ist nach Warschau gefahren und hat dort alles verkauft, auf einem der Ukrainer-Märkte. Vor drei Jahren hatte er genug gespart, um sich für 7.000 Euro den gebrauchten VW-Transporter zu kaufen. "Das Geschäft läuft super. Ich könnte bald reich sein." Könnte. Seine Frau ist nierenkrank. Die Behandlung kostet jedes Jahr mehr als 1.000 Euro. Und die Krankenversicherung? "Versicherung", lacht Ivan. "In meiner Welt gibt es so was nicht."

Die Glückssucher, die sich auf den Weg nach Westen machen, werden unsichtbar, sobald sie am Zielort aus Waclaws oder Ivans Auto aussteigen. Und sie werden schweigsam, aus Angst, ihr Akzent könnte sie verraten. Offiziell sind sie Touristen. Als solche dürfen Polen nach Deutschland und Ukrainer nach Polen einreisen. Ihnen ist alles erlaubt, außer arbeiten. Doch das ist das Einzige, was sie wollen. Also leben sie in der Grauzone des Rechts. Das ist anstrengend. Und vor allem sehr kompliziert. Nur die Schlauen, die Fleißigen, die Mutigen schaffen es, im Westen auch wirklich Geld zu verdienen.

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