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Der letzte Schatz der Deutschen

Der Staat ist pleite? Nicht ganz: Es gibt noch die milliardenschweren Goldreserven der Bundesbank. Viel davon lagert unter den Straßen Manhattans. Politiker und Banker streiten jetzt, ob ein Teil der Rücklagen verkauft werden soll.

Der Weg führt durch insgesamt fünf schwere Tore tief in den Untergrund von Manhattan. An der Südspitze der Insel, 25 Meter unter der Erde, steht der Tresor der Federal Reserve Bank of New York. Man geht vorbei an drei schwer bewaffneten Männern und einem Zitat Goethes in großen Lettern, ins Englische übersetzt: "Gold is irresistible" - Gold ist unwiderstehlich. Ein Angestellter der Fed betätigt eine Lichtschranke, worauf sich die Tür öffnet, ein Wärter tritt hinzu und bewegt mit schweren Drehbewegungen einen 82 Tonnen schweren Stahlzylinder. Dann ist der Durchgang frei - zum größten Goldlager der Welt. Und dort schimmern sie schon durch die mit drei Kombinationsschlössern gesicherten Stahlkäfige: 550.000 Barren Gold im Gesamtwert von 90 Milliarden Dollar.

Die Barren sind rund 12,5 Kilo schwer, 25 Zentimeter lang und zu 99,5 Prozent aus reinem Gold. Bis an die Decke sind die Blöcke gestapelt, dicht aneinander wie eine Mauer aus Ziegelsteinen. Manche liegen seit Jahrzehnten an derselben Stelle. Die Schutzmaßnahmen sind ausgeklügelt: eine falsche Bewegung - und in weniger als fünf Sekunden schließen sich sämtliche Türen, die Bank wird zur Festung. "Es hat in 80 Jahren nie jemand versucht, bei uns einzubrechen", sagt der Angestellte.

Die "Hüter des Goldes" (Eigenwerbung) sind diskret. Die Reserven gehören 60 unterschiedlichen Nationen. Doch an den Stahlkäfigen hängen keine Ländernamen, sondern Nummern. Nur ganz wenige wissen, wem die zuzuordnen sind. Wie viel Gold der Deutschen Bundesbank gehört, verrät der Mann nicht. Es soll ein Drittel des gesamten Schatzes sein. Kaum zu glauben - Deutschland hat nicht nur große Schulden, sondern auch ein kleines Vermögen: die Währungsreserven der Bundesbank im Wert von 76 Milliarden Euro. Das entspricht knapp einem Zehntel der Bundesschuld. Fast zur Hälfte bestehen die Rücklagen aus Gold. Und die ruhen nicht allein in den USA.

Während die Vereinigten Staaten im Internet veröffentlichen, wie viel Gold in Fort Knox oder New York lagert (danach gehören den USA nur sechs Prozent des Schatzes im Fed-Tresor), richten sich die Deutschen nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. "Die Bundesbank macht keine detaillierten Angaben über die Lagerorte", sagt Hans-Helmut Kotz, das für das Reservemanagement zuständige Vorstandsmitglied. Früher einmal gab ein Bankpräsident zu, dass in den Tresoren unter der Frankfurter Zentrale weniger als zwei Prozent des Gesamtgoldes aufbewahrt würden. Ein wenig mehr soll inzwischen in der Hauptfiliale in Mainz lagern. Zu besichtigen ist aus Sicherheitsgründen nur ein einziger von 274.708 Barren der Bundesbank, in ihrem Geldmuseum in Frankfurt.

Immerhin verrät Bank-Vorstand Kotz dem stern: "Der größte Teil unserer Goldreserven wird außerhalb deutscher Grenzen, wo er entstanden ist, gehalten: bei der Fed in New York, bei der Bank of England in London und der Banque de France in Paris. In dieser Reihenfolge." Im Kalten Krieg sollte das Gold dort sicherer sein als in Frankfurt, wo die Rote Armee in wenigen Stunden gewesen wäre. Heute macht die Bundesbank betriebswirtschaftliche Gründe geltend, weil ein Transport nach Deutschland "hohe Kosten" verursachen würde, auch für den Bau neuer Tresore.

Die Geheimniskrämerei ruft immer wieder Skeptiker auf den Plan, die vermuten, dass Deutschland nicht über sein Gold verfügen könne oder der Schatz verliehen sei - und die Tresore leer. Banker Kotz kann da nur mit dem Kopf schütteln: "Das Thema Gold ist mythisch überfrachtet. Das begünstigt offenbar das Entstehen gänzlich unplausibler Theorien." Im Klartext: Das Gold ist da. Basta. Noch. Denn jetzt soll der Schatz gehoben werden, zumindest zum Teil. Die Bundesbank überlegt zum ersten Mal, Gold in größeren Mengen zu verkaufen. Die Entscheidung soll im September fallen. Es winken Einnahmen in Milliardenhöhe. Das weckt Begehrlichkeiten - und beflügelt die Fantasie. In Berlin geht es nun wie in Goethes Faust: Zum Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Kanzler Gerhard Schröder (SPD) möchte die Erlöse gern für seine Innovationsoffensive einsetzen, die grüne Fraktionsspitze würde am liebsten eine Stiftung für Bildung und Forschung gründen, Finanzminister Hans Eichel und die Haushälter der Koalition wollen Staatsschulden tilgen.

Jahrzehntelang waren die Rücklagen der Währungshüter sakrosankt. Finanzminister Theo Waigel (CSU) scheiterte 1997 kläglich mit der "Operation Goldfinger", als er die Bundesbank dazu zwingen wollte, die Goldreserven höher zu bewerten und die entsprechenden Gewinne an die Regierung auszuschütten. Auch alle anderen Ideen wurden abgeschmettert: Ob nun Alt-Sozialdemokrat Herbert Ehrenberg ein Investitionsprogramm bezahlen wollte, FDP-Aktionist Rainer Brüderle einen Fonds für Naturkatastrophen anregte oder die Unionsmittelständler das Gold für eine Steuersenkung einplanten. Bundesbanker Kotz sagt: "Wenn die Bundesbank jedem Vorschlag, mit Goldverkäufen etwas zu finanzieren, gefolgt wäre, bestünde die Finanzierungsoption heute gar nicht mehr."

Die neue Debatte um die Reserven hat die Bundesbank selbst eröffnet. Der inzwischen zurückgetretene Präsident Ernst Welteke hatte vorgeschlagen, Gold zu verkaufen, die Erlöse in einen Fonds zu stecken und die Erträge für Bildung und Forschung auszugeben. Bundestagsabgeordnete hatten das dem Bankchef als eine Mischung aus Anmaßung und Erpressung ausgelegt. Vorständler Kotz hält dagegen. Man nehme sich nicht das Recht heraus, dem Parlament die Verwendung von Gewinnen aus Goldverkäufen vorzuschreiben, aber man verweise auf die Entstehungsgeschichte: "Ein über lange Zeit aufgehäuftes Vermögen sollte nicht einfach zum Finanzieren des laufenden Konsums eingesetzt werden."

Tatsächlich sind die Goldreserven so etwas wie das Sparbuch des Wirtschaftswunders. Als die Deutsche Mark 1948 startete, waren die Tresore leer. Aber schon 20 Jahre später besaß die Bundesbank den zweitgrößten Goldschatz der Welt. In den fünfziger und sechziger Jahren verkauften die Deutschen ihren Nachbarn mehr Güter, als sie ihnen abkauften. Diese Überschüsse wurden von den europäischen Staaten zur Hälfte mit dem edlen Metall beglichen. Da die Barren meist in New York und London lagerten, wurden sie nur in deutsche Boxen umgeräumt.

Diese Mengen dürfte der Markt ohne große Probleme verkraften. Sagt Ernst Reußwig. Der 61-Jährige ist Geschäftsführer der Heraeus Metallhandelsgesellschaft in Hanau, die Juweliere mit Goldgranalien und Privatanleger mit Barrengold aus eigener Produktion im Gewicht von einem Gramm bis einem Kilo versorgt. "Die Minen produzieren weltweit etwa 2.500 Tonnen im Jahr", rechnet Reußwig vor, "aber allein der Verbrauch der Schmuckindustrie beträgt schon 3.000 Tonnen." Der Goldpreis, so kalkuliert der Mann mit den kleinen Goldbarren als Manschettenknöpfen, dürfte in den nächsten Jahren um den heutigen Wert von rund 400 Dollar je Feinunze schwanken und könnte gar bis auf 500 Dollar steigen.

Als das System fester Wechselkurse 1973 zerbrach und damit das Gold als Anker für alle Währungen der Welt ausgedient hatte, hatte die Bundesbank Goldreserven von 3625 Tonnen. Seitdem hat sich an dem Vorrat so gut wie nichts mehr geändert. Ein Teil wurde 1979 an einen Fonds des Europäischen Währungssystems und von 1999 an der Europäischen Zentralbank übertragen. Als der Goldpreis Anfang der achtziger Jahre gewaltig anstieg, war der Schatz zeitweise mehr als 50 Milliarden Euro wert. Heute steht er mit 36,5 Milliarden Euro zu Buche. Da die Anschaffung gerade mal sieben Milliarden gekostet hat, würde ein vollständiger Verkauf einen Gewinn von 29,5 Milliarden Euro abwerfen. Für jeden erwachsenen Deutschen wären das immerhin 480 Euro bar auf die Hand.

Die Bundesbanker mögen solche Rechenspiele nicht. Bei so massiven Verkäufen würde der Goldpreis in den Keller gehen. Deswegen haben die Notenbanken mehrerer Länder verabredet, in den nächsten fünf Jahren höchstens 2500 Tonnen zu verkaufen, davon bis zu 600 Tonnen aus Deutschland.

Goldene Aussichten? Nutzte die Bundesbank ihre Verkaufsoption, würde sie in den kommenden fünf Jahren einen zusätzlichen Gewinn von mindestens fünf Milliarden Euro erzielen. Wenn dieser Betrag, wie es Wirtschaftsminister Wolfgang Clement vorschwebt, sofort wieder angelegt wird oder damit Staatsschulden getilgt werden, bringt das bei einem Zins von fünf Prozent aber nur einen zusätzlichen Finanzspielraum von 250 Millionen Euro - das reicht allenfalls für ein Innovationsoffensivchen. Der neue Bundesbankchef Axel Weber folgert: "Eine solide Finanzplanung rechnet weder mit einem nennenswerten Finanzierungspotenzial aus den Goldreserven noch mit einer merklichen Entlastung des Bundeshaushaltes."

Der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer will sich damit nicht zufrieden geben: 50 Millionen im ersten Jahr, 250 Millionen nach fünf Jahren - "das sind doch Peanuts". Der Politiker, immerhin Mitglied im Parteivorstand, denkt in anderen Dimensionen. Bis zu 50 Milliarden Euro will der Träger des alternativen Nobelpreises für Zukunftsprojekte, wie etwa eine Mittelstandsbank, mobilisieren, vor allem durch den Verkauf des Goldes. Bei dem Gedanken an "fresh money" bekommt er glänzende Augen und gluckst vor Freude.

Ein Mann im Goldrausch. Vor ein paar Jahren wäre das nicht mehr gewesen als die Fantasterei eines Parteilinken, jetzt benutzt Scheer die gleichen Argumente wie renommierte Ökonomen. "Mit der Einführung des Euro haben sich die Verhältnisse von Grund auf geändert", sagt er. Tatsächlich ist heute die Europäische Zentralbank für die Sicherung der Währung verantwortlich, die nationalen Notenbanken haben Rücklagen in Höhe von 50 Milliarden Euro an sie übertragen. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup bemängelt: "Gold bringt keine Zinsen. Die Bundesbank sollte die Reserven auflösen." Und der Bonner Geldtheoretiker Jürgen von Hagen urteilt: "Die Goldreserven haben im heutigen Währungssystem keine Bedeutung mehr." Ein Totalverkauf sei zwar nicht nötig, "aber der optimale Bestand an Gold ist viel geringer als der der Bundesbank".

Wenn Notenbanker keine vornehmen Leute wären, würde Bundesbank-Vorstand Kotz dazu wohl einfach sagen: Quatsch. So aber formuliert er im zwölften Stock der Bankzentrale in Frankfurt: Die Rücklagen würden "vor allem als Stoßdämpfer zum Abfedern von Instabilitäten an den Finanzmärkten" gebraucht. Gold diene "der Vertrauensbildung". Und wenn es um die Anlage ihres Vermögens gehe, seien Notenbanken eben "sehr vorsichtig".

Die Währungshüter sind nicht bereit, über die anvisierten kleineren Goldverkäufe hinaus im großen Stil Rücklagen aufzulösen. Ob sie dazu gezwungen werden könnten, ist eine juristisch knifflige Frage. "Das ist sehr schwierig", heißt es im Kanzleramt. Dort überlegt man, den Goldjoker auszuspielen, wenn die Unionsmehrheit im Bundesrat die Streichung der Eigenheimzulage zugunsten von Zukunftsausgaben blockieren sollte.

Formal gehören die Währungsreserven der Bundesrepublik, aber gehalten und verwaltet werden sie von der Bundesbank. Nur über den Gewinn, den die Bank ausschüttet, kann der Bundestag frei entscheiden. Bisher gingen jährlich bis zu 3,5 Milliarden Euro in den regulären Haushalt, mit den darüber hinaus gehenden Beträgen wurden Schulden getilgt. Um den großen Schatz zu heben, müsste das Bundesbankgesetz geändert werden. Vor einigen Jahren noch war das tabu, doch nach Einführung des Euro, der Adlon-Affäre von Ex-Präsident Welteke und den Diskussionen um Billigmieten für Vorstandsvillen ist das Image der Bundesbank schwer angekratzt. Mittlerweile gilt sie vielen als eine typische Behörde: mit zu viel Personal, Bürokratie und Besitzständen.

Für ihren letzten Kampf will sich die Bank nicht allein auf ihre in 50 Jahren D-Mark aufgebaute Reputation verlassen, sondern das EU-Recht als Schutzwall nutzen. "Die Währungsreserven stehen nach dem Vertrag von Maastricht unter der Dispositionsmacht der Notenbanken", sagt Vorständler Kotz, "Das ist ein Grundpfeiler der europäischen Währungsverfassung." Außerdem bedürften große Geschäfte mit den Reserven der Zustimmung der Europäischen Zentralbank.

Wie immer der Goldpoker ausgeht, die Mitarbeiter der Fed in New York werden das Ergebnis schnell und leise umsetzen: Die Bundesbank, sagt der Fed-Angestellte, könne heute anrufen und morgen alles abholen lassen. Niemand würde davon je etwas erfahren.

Mitarbeit: Jan Christoph Wiechmann

Lorenz Wolf-Doettinchem/print

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