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Nichts geht mehr

Sie haben die Nase gestrichen voll von Europas Besserwissern und wollen endlich wieder leben: Doch der Alltag hindert die Griechen daran.

Von Manuela Pfohl und Andreas Albes

Natürlich müsste sie den Leuten Mut machen, ihnen einen Weg zeigen, wie sie es besser machen können. Doch mittlerweile weiß Evgenia Georganda oft selbst nicht mehr, was sie noch raten soll. Griechenland im Mai 2011 - das ist einfach zum Verrücktwerden. Evgenias Papierkorb ist ein Beweis dafür. In der Praxis der Psychotherapeutin steht er neben dem bequemen Sessel für die Patienten und ist voller benutzter Taschentücher. "Bei mir wird in letzter Zeit viel geweint", erklärt die Athenerin. Selbst in dem noblen Vorort der griechischen Hauptstadt, in dem sie ihre Sprechstunde hält, macht die Hälfte ihrer Patienten die Wirtschaftskrise zum Thema. "Doch es glauben noch immer alle, dass die Situation bald besser wird." Evgenia Georganda schüttelt den Kopf. "Unsere Gesellschaft kann man mit einem Krebskranken vergleichen, der seine Diagnose bereits von mehreren Ärzten bekommen hat, sich aber immer noch vormacht, es sei nur ein Schnupfen."

1100 Euro netto für die Oberärztin

Dass die Regierung mit radikalen Sparmaßnahmen versucht, den desolaten Haushalt zu konsolidieren, finden viele Griechen ja noch nachvollziehbar. Doch dass sie das ausgerechnet auf dem Rücken derer tut, die kaum etwas haben, halten sie für unverantwortliche Kurpfuscherei. "Nehmen wir nur mal das Beispiel meiner ehemaligen Kinderfrau", sagt Anastasia*. "Die ist jetzt fast 80, krebskrank und nicht nur, dass ihr die Regierung die mickrige Rente gekürzt hat, die alte Frau muss jetzt auch noch ihre Medikamente selber zahlen. Das geht doch überhaupt nicht."

Anastasia könnte dutzende solcher Geschichten erzählen, sie arbeitet als Ärztin in einem Athener Krankenhaus. Doch die 41-Jährige hat kaum Zeit, um über den Irrsinn des Alltags nachzudenken. Gerade mal 1100 Euro netto verdient die Oberärztin monatlich. Zu wenig, um eine Familie mit zwei Kindern durchzubringen. Also hat sie sich noch eine kleine Praxis eingerichtet und macht Operationen auf Honorarbasis. Ihr Tag müsste 48 Stunden haben, um nebenbei noch leben zu können. Sie sagt: "Ich kann die Leute gut verstehen, wenn sie stinkig werden."

Das Schlimme sei, dass immer mehr Leute nicht mehr wissen, wie sie über die Runden kommen sollen und gleichzeitig kein Einziger von denen, die für die Krise verantwortlich sind, je zur Verantwortung gezogen wurde. Die vielen Besserwisser aus der EU machten die miese Stimmung im Volk nicht besser. Im Gegenteil. "Die Griechen haben es satt, immer nur als die faulen Geldverschwender abgestempelt zu werden, die es sich auf Kosten der anderen EU-Länder gut gehen lassen", sagt Anastasia.

Brennende Autos und immer mehr Selbstmordgefährdete

Wie es aussieht, wenn die Griechen die Geduld mit der Politik verlieren, zeigen sie beinahe täglich. Öffentliche Streiks, Demonstrationen, Blockaden, brennende Autos und Geschäfte prägen das Bild der Städte. Heftige Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei gehören zum Alltag, wie die wachsende Wut der Machtlosen auf diejenigen, denen sie die Schuld an dem griechischen Schlamassel zuschreiben: bettelnde Ausländer, kriminelle Banden, linke Chaoten, rechte Nationalisten, faule Beamte, skrupellose Banker und natürlich korrupte Politiker. "Wir diskutieren oft im Kollegenkreis über die Entwicklung", sagt Anastasia. "Und wir fürchten, wenn die Wirtschaftskrise weiterhin auf Kosten des kleinen Mannes gelöst werden soll, könnte es bei uns zur Anarchie kommen."

Dass die Lage tatsächlich ernst ist, fällt auch Britta Bürger an den vielen Veränderungen des griechischen Alltags auf. Da sei beispielsweise der Bäcker, der vier Angestellte hatte und nun plötzlich wieder selbst backen muss, weil er sich die Hilfe nicht mehr leisten kann. "Was machen aber jetzt die vier ehemaligen Angestellten, wenn sie kein Geld haben?", fragt die Journalistin, die lange in Griechenland lebte und auch jetzt noch regelmäßig zwischen Berlin und Griechenland pendelt. Vier Männer ohne Jobs, die wie alle anderen Arbeitslosen nur eine minimale staatliche Unterstützung bekommen und nicht wissen, wie sie ihre Kredite finanzieren und ihre Mieten zahlen sollen. Bei den Hotlines für Selbstmordgefährdete haben sich die Zahlen der Anrufer verdoppelt. Es sind vor allem Männer. Nach jüngsten Umfragen blicken 81 Prozent der Griechen pessimistisch in die Zukunft.

Angela und Spyros können sich den Streik nicht leisten

Britta Bürger ist überzeugt, dass die Wirtschaftspolitik so schnell wie möglich mit gesellschaftspolitischen Projekten verbunden werden muss. "Sonst droht dem Land nicht nur ein wirtschaftliches Sterben auf Raten, sondern auch die völlige Abkehr der Menschen von der politischen Klasse. Und das könnte sogar zum Bürgerkrieg führen."

Seit zwei Jahren ist der Protest gegen die Verhältnisse auf der Straße präsent und lähmt das Land phasenweise bis auf die Tourismusinseln. Auf Paros, wo sich die Griechenlandurlauber die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, ist Angela zu Hause. Wie ihr Mann Spyros arbeitet sie als Bedienung in einem Restaurant. Sie haben zwei Kinder und gestrichen die Nase voll. Der Liter Benzin liegt mittlerweile bei 1.73 Euro. Die Mehrwertsteuer wurde von 19 auf 23 Prozent angehoben. Seitdem kostet der Liter Milch statt 1.05 Euro schon 1.25 Euro. Gleichzeitig sind einige Zuschüsse gekürzt worden. Und das Durchschnittseinkommen der Griechen liegt bei 800 bis 1000 Euro. "Für uns heißt das, dass wir monatlich rund 150 bis 200 Euro mehr ausgeben als vor der Krise. Das ist doch auf die Dauer nicht auszuhalten", schimpft Angela und ihr Mann sagt: "Die Regierung sollte lieber endlich mal die Bürokratie abschaffen und die Beamten zum Arbeiten bringen." Und natürlich: Es kann ja nicht sein, dass die Banken und die Ratingagenturen, die viel an Griechenland verdient haben, jetzt so tun, als ob sie das ganze Elend nichts anginge."

Protest gegen das "internationale Kapital"

Ein paar Mal haben Angela und Spyros schon daran gedacht, sich an den Demonstrationen zu beteiligen und auch auf die Straße zu gehen. Denn es bliebe wohl kaum noch etwas anderes übrig, als mit Macht um das Überleben zu kämpfen. "Aber dann haben wir gerechnet und festgestellt, dass wir uns das nicht leisten können." Allein für die Fähre nach Athen müssten sie 140 Euro zahlen. "Und das ist bei uns nicht mehr drin", bedauert die 44-Jährige.

Erst am Wochenende hatte es landesweit wieder gewaltsame Ausschreitungen gegeben, bei denen mehr als 90 Demonstranten ärztlich behandelt werden mussten. 20 von ihnen hatten Kopfverletzungen durch die Schlagstöcke der Polizisten erlitten. Anlass der Randale waren die in Athen stattfindenden Beratungen der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Vergabe möglicher neuer Kredite an Griechenland. Die Demonstranten erklärten, sie würden eine "weitere massive Verelendung größerer Teile der Bevölkerung nicht mehr hinnehmen". Die Polizei hielt dagegen. Und die griechische Ärztegewerkschaft kritisierte, dass die Auseinandersetzungen zunehmend aus dem Ruder liefen. In einem Protestbrief erklärte sie: "Heute wurden wir Zeugen der Barbarei der IWF-Regierung, die versucht, jeden gesunden Akt des Widerstandes gegen ihre - von griechischem und internationalem Kapital erdachten und deren lokalen Dienern umgesetzten - Pläne zu unterdrücken."

Keine Kohle mehr für die Liebe

Um Mitternacht steigt einem in der Athener Innenstadt noch immer beißender Geruch in die Nase. Tränengas vom letzten Polizeieinsatz. Dimitra Kanellopoulou sitzt in ihrer rot getünchten Küche vor einem kleinen Schrein mit einem beleuchteten Jesus. Zu ihren Füßen schläft Hündin Lilly. Dimitra ist Inhaberin des ältesten Bordells der Stadt und Vorsitzende des Prostituierten-Verbandes. Bis vor ein paar Wochen arbeiteten bei ihr noch zwei Kolleginnen, Barbara aus Deutschland und die Russin Natalia. Aber die Geschäfte gingen so schlecht, dass beide die Heimreise antraten.

"70 Prozent weniger Umsatz", sagt Dimitra und zupft das Negligee über ihrem mächtigen Busen zurecht. "Unsere Männer sind nur noch voller Traurigkeit. Es braucht schon einen Zauberer, um sie wieder zum Leben zu erwecken." Es läutet an der Tür. Ein schmächtiger Herr in den Fünfzigern mit hängenden Schultern wartet auf Einlass. Dimitra betrachtet ihn missmutig auf dem Bildschirm der Gegensprechanlage. "Wieder so ein armer Kerl", sagt sie und öffnet die Tür.

*Name von der Redaktion geändert

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und Manuela Pfohl