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"Das System Jobcenter ist gescheitert"

Das Team Wallraff hat für eine RTL-Reportage Missstände in Jobcentern aufgedeckt. Der Enthüller erklärt, wie er die Recherchen erlebte und warum er nun ein Herz aus Lama-Wolle zu Hause hat.

Günter Wallraff und seine Kollegen prangern die Zustände in Jobcentern an

Günter Wallraff und seine Kollegen prangern die Zustände in Jobcentern an

Herr , dass es in vielen Jobcentern nicht gerade rund läuft, konnte man sich denken. Was hat Sie bei der Recherche dennoch überrascht?
Mich hat überrascht, dass es so flächendeckend Probleme gibt. Egal, zu welchem Jobcenter wir gekommen sind: Sofort war ich mit unzufriedenen Menschen im Gespräch. Drei Stunden anstehen für acht Minuten Beratung, sowas ist doch unzumutbar. Nur eine Minderheit hat erklärt, dass ihnen wirklich weitergeholfen wird.

Welche Reaktionen haben Sie auf die Sendung bekommen?


So einen unmittelbaren und großen Rücklauf habe ich in den letzten Jahren bei keiner Recherche erlebt. Schon während der Sendung kamen im Minutentakt Nachrichten von Betroffenen. Von Arbeitslosen, aber auch von Arbeitsvermittlern, die ihre Geschichten schildern. Unser Film zeigt ja, dass auch die Jobvermittler keine Unmenschen sind, sondern Gefangene des Systems.

Der Film thematisiert auch die teilweise sinnlosen Maßnahmen der . In einer Szene sieht man Arbeitslose mit Lamas spazierengehen - und Sie mittendrin.
Die anderen hielten mich wohl auch für einen Teilnehmer der Maßnahme. Nach dem Spaziergang bekam jeder noch etwas Lama-Wolle und wir lernten, wie man filzt. Ich habe jetzt ein Herz aus Lama-Wolle zu Hause hängen, aber den Arbeitslosen ist damit leider nicht geholfen.

Was muss sich ändern?


Das System Jobcenter ist aus meiner Sicht gescheitert. Da ist ein bürokratischer, konzernähnlicher Moloch entstanden, mit 50 Milliarden Etat, der weitgehend ineffizient ist und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Es muss schon etwas Grundlegendes passieren, um diese Mammutbehörde zu reformieren. Was im Einzelnen zu tun ist, das müssen unabhängige Experten entscheiden.

Sind Sie enttäuscht, dass sich Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht zu den Recherchen äußern wollte?


Ich vermute, dass Sie sich nicht äußern will, weil sie das System selbst nicht gut findet. Nahles hat die Agenda 2010 von Gerhard Schröder immer kritisiert. Nun ist sie selbst Funktionsträgerin und könnte dazu beitragen, die Dinge zu verbessern.

Interview: Daniel Bakir

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