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Bekommen wir wirklich Vollbeschäftigung?

Die Frühjahrszahlen sind noch mau, langfristig aber sieht es auf dem Arbeitsmarkt richtig gut aus. Sogar Vollbeschäftigung halten Ökonomen für realistisch. Ein Blick in die gar nicht so ferne Zukunft.

Von Daniel Bakir

  Für Hochqualifizierte sieht die Zukunft sehr gut aus

Für Hochqualifizierte sieht die Zukunft sehr gut aus

Kurzfristig hat das Wetter den Arbeitsmarktoptimisten einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wegen des langen Winters fiel die Arbeitslosenquote im April nur von 7,3 auf 7,1 Prozent. Damit liegt sie leicht über dem Vorjahreswert von 7,0 Prozent. Langfristig aber kann auch das fieseste Wetter einen Trend nicht verhindern: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt. Schon im kommenden Monat wird die Zahl der Arbeitslosen aller Voraussicht nach wieder unter drei Millionen rutschen. Und da soll sie langfristig auch bleiben.

Ökonomen rechnen damit, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland in den kommenden Jahren auf ein deutlich niedrigeres Niveau fallen wird. Sogar Vollbeschäftigung halten viele Experten für möglich. Nicht nur der Magdeburger Volkswirtschaftler Karl-Heinz Paqué hat in seinem Buch "Vollbeschäftigt" ein "neues deutsches Jobwunder" in Aussicht gestellt. Auch viele seiner Kollegen teilen den Job-Optimismus. "Die Lage ist jetzt schon sehr gut und die Arbeitslosigkeit wird weiter zurückgehen", sagt etwa Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Grund für diese These ist vor allem die demografische Entwicklung. In den kommenden Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Ruhestand und machen auf dem Arbeitsmarkt Platz für Jüngere. Es wird daher im Verhältnis mehr Arbeit für weniger Arbeitssuchende geben. Das Ziel Vollbeschäftigung rückt erstmals seit den Wirtschaftswunderjahren wieder in greifbare Nähe. "Wir haben die Chance, bis 2020 Vollbeschäftigung zu erreichen, realistischerweise wird es aber länger dauern", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Beschäftigung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.

Was gilt überhaupt als Vollbeschäftigung?

Vollbeschäftigung bedeutet nicht, dass es überhaupt keine Arbeitslosen mehr gibt. Denn selbst wenn es theoretisch für jeden einen Arbeitsplatz gibt, werden immer Leute vorübergehend arbeitslos sein, weil sie sich einen neuen Job suchen. Manche Stellen werden vielleicht gar nicht besetzt, weil Qualifikation oder Region nicht zu den Suchenden passen. Ökonomen sprechen daher je nach Definition bereits bei Arbeitslosenquoten zwischen drei und fünf Prozent von Vollbeschäftigung. Davon sind wir mit derzeit rund sieben Prozent gar nicht so weit entfernt.

Eine zweite Unschärfe liegt in der Erfassung der Arbeitslosen. Menschen in Weiterbildungsmaßnahmen werden beispielsweise ebenso wenig mitgezählt wie solche, die zwar keine Arbeit haben, aber offiziell auch keine suchen. Man kann der Vollbeschäftigung also auch mit statistischen Tricks näher kommen. Ein wichtiger Indikator für Ökonomen ist daher auch die Erwerbstätigenquote, das ist der Anteil der Erwerbstätigen bezogen auf die erwerbsfähige Bevölkerung. Diese Quote soll laut einer Prognose des IAB von rund 75 Prozent (im Jahr 2010) auf rund 86 Prozent bis 2030 steigen. Es werden also wesentlich mehr Menschen, die arbeiten können, auch einen Job haben.

Kann man von diesen Jobs auch leben?

Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre wurde teilweise durch eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes erkauft. Das brachte Leiharbeit, Mini-Jobs und prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit sich. Die meisten Experten sehen die Spitze dieser Entwicklung aber bereits überschritten. "Der Trend zu atypischer Beschäftigung wird sich nicht fortsetzen", sagt etwa IAB-Forscher Weber. Weil Arbeitskräfte knapper werden, so der Gedanke, können die Unternehmen Arbeitskräfte nicht mehr so leicht mit schlechten Bedingungen abspeisen. Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht darin vor allem für den Nachwuchs eine große Chance. "Mit der Generation Praktikum ist es bald vorbei. Jüngere Leute werden eine stärkere Verhandlungsposition haben", sagt Brenke. Allerdings: Selbst wenn die Jungen gute Gehälter und Bedingungen aushandeln, müssen sie davon immer noch die wachsende Rentnergeneration finanzieren. Die Abgaben dürften daher nicht sinken.

Wer profitiert von der Entwicklung besonders?

Gruppen, die es derzeit auf dem Arbeitsmarkt noch schwer haben, werden künftig gefragt sein. „Die demographische Entwicklung wird dafür sorgen, dass mehr Frauen und mehr Ältere arbeiten“, sagt Arbeitsmarktforscher Brenke. Unternehmen werden sich stärker darum bemühen, Frauen familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. „Für Frauen, die Teilzeit arbeiten, werden sich Chancen ergeben, mehr zu arbeiten“, sagt IZA-Ökonom Eichhorst. Das IAB geht sogar davon aus, dass bei den Frauen ein rechnerisches Potenzial von mehr als einer Millionen Vollzeitkräften zu heben ist.

Bei den älteren Arbeitnehmern gibt es eine gespaltene Entwicklung: "Ältere Arbeitslose werden weiterhin Schwierigkeiten haben, aber wer im Job ist, bleibt länger drin", sagt Eichhorst. Da Nachwuchs knapper wird, werden viele Unternehmen versuchen, langjährige Mitarbeiter zu halten. Wahrscheinlich ist auch, dass die gesetzliche Rentengrenze weiter steigen wird. "Wir werden länger arbeiten, in Zukunft wohl auch länger als 67", sagt Weber. "Dafür kommt es aber darauf an, Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten und die Chancen älterer Arbeitsloser zu verbessern."

Der strukturschwache Osten wird von der allgemeinen Entwicklung wohl nur begrenzt profitieren "Im Osten wird die Arbeitslosenquote tendenziell nicht durch neue Jobs sinken, sondern durch Abwanderung und demografische Entwicklung", sagt Weber. Im Süden und Südwesten herrscht dagegen heute schon in vielen Landkreisen Vollbeschäftigung.

Welche Qualifikationen werden gefragt sein?

Die Experten sind sich einig: Wissen ist Macht, weil einfache Jobs wegfallen und qualifizierte Tätigkeiten gefragt sind. „Für Niedrigqualifizierte wird es schwieriger werden, Facharbeiter und Akademiker werden gefragt sein", sagt Ökonom Weber. „Bei Qualifizierten und Hochqualifizierten geht die Entwicklung jetzt schon Richtung Vollbeschäftigung", ergänzt Kollege Eichhorst. Er sagt voraus, dass Jobs vor allem in den Bereichen Gesundheit und Pflege sowie in technologiegestützten Branchen wie Maschinenbau und Chemie entstehen. Gefragt sein dürften auch Unternehmensberatung sowie Aus- und Weiterbildung.

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