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Der große Etikettenschwindel

Er schmückt sich mit Prominenten, und Prominente schmücken sich mit ihm. Für einen Abend mit Hardy Rodenstock zahlen Kenner große Summen. Er serviert echt uralte Weine - wenn man den Etiketten trauen darf. Das war mindestens einmal nicht der Fall. Nach stern-Recherchen hat Rodenstock Aufkleber jahrelang nachdrucken lassen.

Von Stephan Draf, Bert Gamerschlag und Jörg Zipprick

Die Nummer mit dem Gerhard weiß der Toni noch genau. Am 19. Februar 1999 packte der Hamburger Gastronom Anton Viehhauser Karaffen, Korkenzieher und Gläser ein und fuhr nach Hannover. Er sollte den Sommelier machen - für den Kanzler. Es wurde ein lustiger Abend mit ziemlich viel altem Wein, und am Ende war es nach Viehhausers Erinnerung so, dass Schröder mit jovialer Geste auf ihn zusteuerte; er hatte noch einen alten Cognac entdeckt, ungeöffnet.

Wär es nach Viehhauser gegangen, wäre die Flasche zu geblieben, doch Schröder insistierte, und für das Kanzler-Du im Gegenzug - "bei einem solchen Angebot hatte ich natürlich keine Argumente mehr" - griff der Sommelier zum Korkenzieher. Gastgeber an jenem Abend, so Viehhauser, sei der Weinhändler Hardy Rodenstock gewesen. Der habe dem Kanzler die Altweinprobe geschenkt. Rodenstock und Schröder seien ebenfalls per Du.

Das nennt man Beziehungen. Im Grunde wäre es Privatsache, mit wem ein Kanzler ein Gläschen hebt, hätte Gastgeber Rodenstock nicht stets gezielt die Nähe der Prominenz gesucht und genutzt, als Ausweis seiner Wertschätzung in den besseren Kreisen. Mit manchen Verbindungen nach ganz oben - der zu Schröder etwa - ging er recht dezent um, andere wurden umgehend auf den Klatsch- und Gesellschaftsseiten breitgetreten.

Der Indiana Jones der Flaschen

Hardy Rodenstock, 67, ist Deutschlands bekanntester und dabei verschwiegenster Weinhändler, er ist der meistbeneidete Weinaufspürer der Welt, der Indiana Jones der Flaschen, der uralte Weine an geheimnisvollen Orten aufgespürt haben will, in den schwülen Breiten der venezolanischen Tropen ebenso wie in den eisigen Längen der ruhmreichen Sowjetunion, als es sie noch gab. So stark hat er die Welt der Weinraritäten geprägt, dass der Begriff Weinrarität und der Name Rodenstock zusammengehören wie Brigitte und Bardot.

Rodenstock hat die Flaschen dem Vergessen entrissen, auf dass sie von meist deutschen, amerikanischen und chinesischen Neureichen gegen gutes Geld geleert würden - oder gebunkert, als Wertanlage. Denn die staubigen Bouteillen kosten richtig Geld: Ein einziges Fläschchen 1900 Château Margaux wird derzeit locker für 7000 Euro gehandelt, für seltenere Magnumflaschen (1,5 Liter) desselben Jahrgangs werden mindestens 25.000 Euro fällig, und Großflaschen sind Rodenstocks Spezialität. Die Erlöse aus 25 Jahren Weinverkauf dürften problemlos im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich liegen.

Gemunkelte Zweifel am Dauerglück beim Auffinden uralter Weine gab es schon lange. Laut wurden sie im vergangenen Jahr, nachdem der amerikanische Weinsammler William Koch in New York gegen Rodenstock vor Gericht gezogen war. Der Deutsche, so der Vorwurf, sei ein international agierender Fälscher (stern Nr. 12/2007). Rodenstock bestreitet das. In Manhattan kommt es jetzt zum Prozess.

Nachgemachte Etiketten

Recherchen des stern haben nun ergeben, dass Rodenstock abgelöste Etiketten von uralten Weinflaschen nachdrucken ließ - und zwar nicht nur einmal, sondern jahrelang. Das weckt die Frage: Tragen Weinschätze aus Rodenstocks Handel nachgemachte Etiketten und wenn ja, was bedeutet das?

Ob auch die deutsche Justiz gegen den Mann ermitteln wird, ist unklar, denn der Nachdruck von Weinetiketten allein ist strafrechtlich nicht relevant. Wichtiger ist da, dass Kunden, die bei Rodenstocks kostenpflichtigen Verkostungen Weine aus Flaschen mit zweifelhaften Etiketten tranken und dafür ein Heidengeld ausgaben, sich betrogen fühlen und klagen wollen.

Die Umstände des Etikettennachdrucks kamen ans Licht, als stern-Redakteure im April unangemeldet an der Tür eines bescheidenen Hauses im hessischen Bad Marienberg klingelten. Es öffnete eine Frau um die 50, Kurzhaarschnitt, unprätentiös, gepflegt. Ob sie sich erinnern könne, mal für einen Hardy Rodenstock Weinetiketten gedruckt zu haben? Heide Sanner, geb. Kluth, blickte sekundenlang still in die Augen der Besucher, sagte ruhig Ja und öffnete die Türe dann ganz.

Warum im Westerwald?

Ab Mitte der 70er Jahre hatte der Raritätenhändler mal mit, mal ohne Anmeldung in jenem Bad Marienberg im Westerwald gelebt - selbst dann noch, als er längst Weltruhm erlangt hatte und mondäne Adressen in München und Kitzbühel, in Monte Carlo, Bordeaux und Marbella hatte. Wozu noch Bad Marienberg?

Nun, dort gab es eben die kleine Familiendruckerei Kluth. Heide Sanner gab Auskunft darüber, wie Rodenstock beim elterlichen Betrieb jahrelang mit den Etiketten französischer Altweine erschien und deren Nachdruck beauftragte: "Mein Bruder Rüdiger war der Reprofotograf, er hat die wichtigsten Arbeiten gemacht."

Das Druckgewerbe ist eine gnadenlose Branche, in der die Betriebe um minimale Gewinne ringen. Ein lukrativer Kleinauftrag kann eine Firma retten, ein großer, schlecht kalkulierter kann sie ruinieren. Da nimmt man, was man kann. Das war auch in den 80er Jahren schon so. Firmenchef Hans Kluth, Heide Sanners Vater, starb den Stresstod an der Druckmaschine. Seine Tochter führte den Laden zusammen mit ihrem Mann, bis auch der starb. Am 8. Dezember 1987 schloss sie den Betrieb.

Kunde wohl über sieben Jahre

Bis dahin war Familie Kluth Rodenstocks Etikettenquelle, wohl über einen Zeitraum von sieben Jahren. Da lässt sich manches drucken. Rodenstock bestätigt zwar, Kluth-Kunde gewesen zu sein - jedoch nur für andere Aufträge: "Ich habe niemals Weinetiketten bei der Druckerei Kluth in Bad Marienberg drucken lassen", erklärte er gegenüber dem stern und fügte an: "Meines Wissens sind Frau und Herr Kluth inzwischen verstorben."

Da hat er recht, aber andere Mitglieder der Familie und ehemalige Angestellte leben noch, und nach deren Aussage war der Betrieb so organisiert, dass Heide Sanner die Finanzen regelte. Zwei Angestellte, deren Aussagen dem stern ebenfalls vorliegen, erledigten den Druck. Sie berichten: "Zum Teil haben wir altes Papier dafür verwendet, das waren alte Lagerbestände, die schon lange im Keller lagen und vergilbt waren. Die Etiketten sollten möglichst nicht neu aussehen." Einer der beiden weiß noch, oft habe es sich um Etiketten mit dem Aufdruck "Rothschild" gehandelt. Die Druckvorlagen erstellte der junge Rüdiger Kluth, der die Finessen der Reprofotografie beherrschte.

Die Entscheidungen über alles aber traf Mutter Kluth, die für Galanterien empfänglich war. "Rodenstock hat sich mit seiner charmanten Art und dem einen oder anderen Weingeschenk direkt ins Herz meiner Mutter eingekratzt", erinnert sich Rüdiger Kluth, 47, der heute Geschäftsführer bei einer großen Internetfirma ist.

"Bekannte Namen"

Was für Etiketten brachte Rodenstock an, welche Namen ließ er drucken? Kluth: "Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war Rothschild dabei, Pétrus, viele bekannte Namen." Und aus welchen Jahrgängen waren die Etiketten, waren sie alt? "Teilweise sehr alt!", sagt Kluth. "Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert, wirklich richtig uralte! Ich dachte bei mir: meine Güte! Die Etiketten sehen wirklich alt aus."

Stets ging Rodenstocks Geschichte so, erinnern sich die Geschwister, dass er in einem Keller alte Weine von einer Sorte gefunden hatte, auf denen gerade mal ein einziges lesbares Etikett klebte, das er als Vorlage mitbrachte. Er wolle die Flaschen mit den nachgemachten Etiketten vervollständigen. Mag sein oder auch nicht - gesehen haben Kluths die angeblichen Funde nie.

Rodenstock war bei der Firma bereits gut eingeführt, weil er dort ohnehin schon länger Handzettel und Konzertplakate drucken ließ. Denn bevor er mit Weinraritäten berühmt wurde, war Rodenstock im Tingeltangel des deutschen Schlagers zu Hause. Besonders kümmerte er sich um Tina York ("Wir lassen uns das Singen nicht verbieten"), er war ihr Muse, Manager und Lebenspartner.

Abgelöste Weinetiketten

Eines Tages, die Beziehung zur Druckerei war etabliert, kam Rodenstock mit einem abgelösten Weinetikett - alt, fledderig, schimmelmulchig. Ob er davon welche nachgemacht haben könnte? Zwar gab es "immer wieder Misstrauen am Familientisch", erinnert sich Kluth. "Ich habe gesagt: Irgendwas kann doch da nicht stimmen. Rodenstock kommt ständig mit immer neuen Etiketten. Wir haben bestimmt 10 bis 15 unterschiedliche Aufträge angenommen. Das muss ein lukratives Geschäft für Rodenstock gewesen sein, weil: Er hat ja von bestimmten Etiketten nicht nur 20, sondern bisweilen auch deutlich mehr nachdrucken lassen."

10 bis 15 Aufträge zu je mindestens 20 Etiketten, das macht einen netten Vorrat für einen Weinraritätenhändler. Legt man diesen Vorrat in die Schublade, ist das ein bizarres Hobby. Klebte man die Etiketten unautorisiert auf Flaschen zum Verkauf, wäre das ein Problem. Denn der korrekte Weg wäre, unkenntliche Flaschen auf dem Weingut selbst nachetikettieren zu lassen, wo Originaletiketten nachgehalten werden - dazu müsste man allerdings die Echtheit der Weine zweifelsfrei nachweisen können.

Für James Reed, Direktor der Weinabteilung im britischen Auktionshaus Sotheby's, steht allerdings fest: "Selbst wenn der Wein in diesen Flaschen echt gewesen sein sollte, hätten wir solche Flaschen niemals angenommen und verkauft. Denn ein nachgemachtes Etikett wirft ja sofort weitere Fragen auf."

Große Weinprobe

Mochte William Koch in New York auch vor Gericht ziehen, Rodenstock führte seine Geschäfte unbeirrt fort. Am 1. Dezember 2007 veranstaltete er eine große Weinprobe in Hamburg, in Sichtweite des Verlagsgebäudes, in dem sich auch der stern befindet.

Mit etwa 30 Kunden verkostete Rodenstock an jenem Abend diverse Weine, wofür die Teilnehmer bei Eintritt zwischen 3000 und 4000 Euro pro Nase zahlten, ein Erlös von rund 100.000 Euro binnen weniger Stunden. Unter den geleerten Flaschen war auch ein "1945 V Château Mouton Rothschild". Es ist ein besonders berühmter Wein aus dem "année de la victoire", dem Jahr des Sieges über Hitler-Deutschland. Bei Mouton Rothschild tragen die Etiketten dieses Jahrgangs zur Erinnerung ein großes goldenes V für "victoire" (Sieg). Die Rodenstock-Flasche, die in Hamburg so etikettiert war, war sehr groß, sie enthielt 4,5 Liter und war somit eine sogenannte Jéroboam, von der das Château nur 24 Stück abgefüllt hat. Die Flasche war die Attraktion des Abends.

Zu dieser Flasche erklärte Rodenstock dem stern: "Der Erwerb der Jéroboam Mouton Rothschild 1945 liegt über 15 Jahre zurück. Sie war mit einer echten Château- Kapsel ausgestattet, und es handelte sich um einen Originalkork. Und der Wein war ohne jegliche Zweifel der legendäre 45er Mouton." Rodenstock bemerkt, solche Weinproben seien "keine gewinnbringenden Veranstaltungen". Was in diesem Fall besonders stimmt: Eine andere baugleiche 45er wurde im Februar 2007 vom Auktionshaus Sotheby's für 235.000 Euro versteigert. Rodenstock hätte also an jenem Dezemberabend in Hamburg bei dieser Flasche auf 135.000 Euro mögliche Einnahmen verzichtet.

Zufriedene Gäste

Wie dem auch sei: Die Weinrunde an jenem Abend genoss in vollen Zügen, unter den zufriedenen Gästen war auch Rolf Schwentkowski. Der Jurist aus Blankenese, 61, ist treuer Rodenstock-Kunde, und zur nächsten Verkostung in Hamburg am 12. April 2008 erschien er natürlich wieder.

Nun ist es an solchen Abenden üblich, manche Weine zunächst "blind" zu verkosten; das Publikum muss etwa erschmecken, aus welcher Region nicht weiter erklärte Weine stammen könnten. Kann ein Teilnehmer besonders viele Weine identifizieren, findet er schmatzende Anerkennung. Zu den Siegern jenes Abends im April gehörte auch Schwentkowski. Als Zeichen seiner Wertschätzung machte Rodenstock dem Weinfreund vor versammelter Runde ein Geschenk, einen Bilderrahmen, der - hinter Glas und mit rotweinfarbenem Passepartout - drei Weinetiketten fasste, darunter jenes 45er Mouton Rothschild mit dem goldenen V. "Das ist das Etikett der Jéroboam vom Dezember", sagte er.

Der stern konnte den zunächst skeptischen Schwentkowski gewinnen, Rahmen und Inhalt in ein staatliches Analyselabor nach Frankreich zu geben. So wie übergeben, ging das Geschenk an Bernard Medina, Leiter des Laboratoire SCL in Pessac, einem Vorort von Bordeaux. Medina und seine Mitarbeiter, Chemiker und Physiker meist, sind auf Weinbau und Weinverarbeitung spezialisiert, sie unterstehen dem Finanzministerium in Paris. Das Labor ist beeindruckend ausgerüstet. Dennoch war es wegen der Auslastung der Wissenschaftler klar, dass die Analyse ein Weilchen dauern würde.

Die Prominenz unterhalten

Lange hat Rodenstock freundlich gestimmte Menschen mit den tollen Geschichten über seine Funde unterhalten, darunter viel Prominenz, Politiker, Wirtschaftsbosse, Sportler, Stars und Sternchen. Aber wen man auch fragt: Niemand kann sich daran erinnern, dass Rodenstock je erwähnt hätte, den Nachdruck alter Weinetiketten beauftragt zu haben.

Zwar bezeugen vier Personen aus Bad Marienberg, für Rodenstock Weinetiketten so nachgedruckt zu haben, dass sie wie alt aussahen. Keiner kann aber sagen, dass er sie nachträglich tatsächlich auf Flaschen geklebt hätte. Trüge eine Rodenstock- Flasche aber ein nachweislich gefälschtes Etikett, käme dem allerdings Bedeutung zu.

Natürlich melden, besonders nach teuren Proben, immer mal wieder Weinfreunde Zweifel an der Echtheit angeblicher Uralt-Tropfen an. Dieser alte Wein schmecke aber sonst ganz anders, heißt es dann, aber meist nur hinter vorgehaltener Hand. Gerichtstauglich sind solche Urteile ohnehin nicht, denn sie sind buchstäblich Geschmackssache.

Schwierige Zuordnung

Es ist schwierig, den Inhalt einer Flasche wissenschaftlich einem Jahrgang zuzuordnen. Zwar kann man anhand von Cäsium-Isotopen feststellen, ob ein Wein vor oder nach den Atombombenabwürfen auf Japan im August 1945 angebaut wurde, ob also ein richtig alter Wein im Glas ist oder ein Nachkriegswein. Ob der Wein dann allerdings von 1944 oder 1844 stammt, ist damit nicht geklärt.

Darum ist es so bedeutend, wenn zwar nicht der Inhalt einer Flasche - längst getrunken - nachweislich falsch ist, wohl aber sein Etikett. Was war dann mit dem Inhalt?

Rodenstocks Geschichte als Weinhändler ist lang und beginnt in den frühen Achtzigern. Er platzte in den Weinmarkt wie sich ein Spumante über den Tisch ergießt, wenn man nicht aufpasst. Mit einem Knall. Und viel Aufwischen hinterher.

Ein Pilstrinker

Gerade noch war er Manager der Hitparadensängerin Tina York gewesen. "Ich kannte den immer nur als Pilstrinker", wundert sich Dieter Thomas Heck heute. Nach den Aufzeichnungen der ZDF-Hitparade saß Rodenstock gern mit in der "Todeszelle", einem verrauchten Raum im Hotel Schweizerhof in Berlin, wo sich die Protagonisten der Schalala- und Schängeläng-Welt gern die Kante gaben.

Frau York erinnert sich allerdings, Rodenstock habe in der Spätphase ihrer Beziehung die Weinliteratur geradezu gebüffelt. Sein Verkehr im Schlagermilieu endete abrupt. Mary Roos, ebenfalls Sängerin und Tinas große Schwester, hatte einen Privatdetektiv auf Rodenstock angesetzt. Der kehrte mit Erkenntnissen zurück, deretwegen sich die Wege von Tina und Hardy umgehend trennten, das war 1982.

Aus der Schlagerwelt verschwand Rodenstock nun, mit Frau York hatte er eine wichtige Einnahmequelle verloren. Umso wichtiger für ihn, in einem neuen Metier zu reüssieren. Verblüffend, wie schnell er der bekannteste Raritätenhändler und Altweinkenner der Welt zu werden vermochte. Ex-Pilsmann Rodenstock präsentierte sensationelle Weinfunde, und das quasi im Wochentakt. "In der Weinwelt war das jedes Mal, als wäre ein Ufo gelandet", erinnert sich Ralf Frenzel, der Deutschlands erster Sommelier und lange Jahre Rodenstocks persönlicher Korkenzieher war und heute Verleger kulinarischer Bücher ist.

Die Hechte bissen

Wie ein Angler seinen Blinker den Schilfgürtel des Sees entlangzieht, um die Hechte zu locken, lud Rodenstock nun Promis zu kostenlosen Gelagen - bei schillernder Berichterstattung, erstens in der Weinpresse, zweitens in den Kolumnen des "Bunte"-Klatschreporters Michael Graeter. Die Hechte bissen. Rodenstock brauchte Prominenz als PR-Mittel, wie Sommelier Viehhauser dem stern erklärte. Rodenstock schaltete keine Anzeigen, er zeigte sich mit Promis als Beweis seiner Klasse.

Mit Altbundespräsident Walter Scheel fing er an. Das war leicht: Scheel ("Hoch auf dem gelben Wagen") hatte Verbindungen in die Schlagerszene, aus der Rodenstock ja kam. Altfußballer Fritz Walter kam auch gleich dazu. Einer zog den anderen nach. Franz Beckenbauer, Paul Breitner und Sportreporter Dieter Kürten stellten sich ein. Und Mario Adorf. Und Wolfgang Porsche und Alfred Biolek und Roberto Blanco und, und, und. Rodenstock erwarb sich den Dank von Hannelore Kohl und wurde eng mit Eckart Witzigmann.

Weltruhm erlangte er 1985 mit den "Jefferson- Flaschen". Die Geschichte geht so, dass Rodenstock an einem Tag im März von einem namenlosen Mann an einem vergessenen Ort irgendwo in Paris etwa zwei Dutzend uralter gravierter Flaschen erstanden haben wollte. Bei aller Geheimniskrämerei wurde der Fund aber rasch - seiner Gravuren ("Th. J.") wegen - vom Auktionshaus Christie's dem dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson (1743-1826) zugeschrieben. Eine einzige Bouteille ("1787 Château Lafitte Th. J.") erzielte daraufhin den Rekordpreis von 105.000 Pfund (400.000 Mark).

Nachweislich gefälscht

Um diese Jefferson-Flaschen dreht es sich bis heute in dem Streit mit dem Amerikaner Koch. Er will nachweisen können, dass die Gravuren auf den Flaschen nicht aus dem 18. Jahrhundert stammen, sondern mit einem modernen Gerät - wie etwa einem Zahnarztbohrer - graviert sind. Vier Exemplare hatte Koch seinerzeit persönlich gekauft, vier weitere aus anderem Besitz konnte er ebenfalls analysieren lassen. Alle seien nachweislich gefälscht.

Rodenstock sagt, die von ihm präsentierten Flaschen seien alle mit einer alten Gravurtechnik bearbeitet. Er hält es für möglich, dass Koch seine eigenen Flaschen manipulieren ließ, um ihm zu schaden. Warum auch die Flaschen anderer Besitzer moderne Gravuren tragen, vermag er nicht zu erklären. Nun, da die Eröffnung des Prozesses in New York bevorsteht, kann es Rodenstock nicht gefallen, was die Franzosen über jene Etiketten urteilen, die er seinem Weinfreund Schwentkowski überreichte. Die Analyse in Bordeaux konzentrierte sich auf das Etikett der 1945er Jéroboam, für das zum Vergleich ein Originaletikett des Weinguts hinzugezogen wurde.

"Das Rodenstock-Etikett ist mit bloßem Auge erkennbar falsch", urteilt Hervé Berland, Generaldirektor bei Mouton Rothschild. Er verweist auf simple Rechtschreibfehler und auf falsch platzierte Schriftzüge. Die Goldfarbe, mit der das V für "victoire" gedruckt ist, sei ebenso falsch wie die Abfolge, mit der die verschiedenfarbenen Schriftzüge teils übereinandergedruckt wurden. Selbst das Papier fühle sich falsch an. Die Untersuchungen Medinas - sie liegen dem stern vor - bestätigen Berlands Urteil vollauf.

Verstaubte Flaschen

Handelt es sich etwa um ein Etikett aus der Druckerei Kluth? Rüdiger Kluth: "Bestimmt nicht, so dilettantisch haben wir nicht gearbeitet." Woher stammt es dann? Interessant ist, dass Rodenstock in der Vergangenheit offenbar immer wieder unetikettierte Flaschen ersteigert hat, die aber vom Auktionator ungefähr einer Region und einem Zeitraum zugeordnet wurden - sagt Ex-Sommelier Frenzel, dessen Aussage dem stern schriftlich vorliegt. Er selbst habe die Flaschen für ihn abgeholt. Auf Fotos aus Rodenstocks Weinkeller in der Münchner Ostpreußenstraße, wo der Händler bis 2002 wohnte, sieht man eine Reihe unetikettierter verstaubter Flaschen ohne Bleikapsel. Wozu brauchte er sie?

Rodenstock sammelte auch eifrig alte Korken. Frenzel, kaum 20 Jahre alt, als er für Rodenstock arbeitete, räumt heute ein: "Auf seine Bitte hin habe ich die alten Flaschen nicht mit dem Korkenzieher geöffnet, was die Korken unbrauchbar gemacht hätte. Ich habe sie mit dem Finger in die Flasche gedrückt, die Korken später mit einem Spezialwerkzeug aus den Flaschen geholt und beides - Flaschen und Korken - Rodenstock übergeben, der sie mit nach Hause genommen hat." Wozu sammelte Rodenstock das Zeug? Er verweist auf seine "dekorative Korkwand mit circa 400 Korken". Nur, braucht man für solch ein Dekorationsstück Exemplare, die nie einen Korkenzieher gesehen haben?

Handschriftliche Briefe Rodenstocks belegen weiter, dass er die Bestandteile alter Weine selbst aus Veranstaltungen besorgt haben wollte, an denen er persönlich gar nicht teilnahm. "Lieber Ralf, ich hoffe, Du hast alle Korken von der Hochzeit für mich reserviert", schrieb er Frenzel. "Denk bitte an die Korken von der Hochzeit, wenn Du am Freitag kommst." Geräte, mit denen man Korken wieder in die Flaschenhälse bekommt, erhalte man in Weinbaugegenden, so Frenzel, in Fachgeschäften.

Das Depot ist der Ausweis

Und warum, wenn man nicht alte Weine nachmachen will, interessiert man sich so für Depot? Beim Depot handelt es sich um den griesigen, schwarzen Bodensatz bei altem Rotwein aus Zeiten, wo kaum gefiltert werden konnte. Die Schwebstoffe dieser stets leicht trüben Weine akkumulieren sich über die Zeit mit den sich allmählich zersetzenden Farbpigmenten des Weins und lagern sich am Flaschenboden ab. Im Glas haben will man sie nicht, aber sie sind ein Ausweis für einen alten Wein.

"Das Depot des Weines", so Rodenstock einmal zum stern, sei das, "was man nicht fälschen kann, was über Jahrzehnte wächst". Fälschen vielleicht nicht, aber man kann es sammeln - auf großen Gesellschaften, beispielsweise jener, bei der Frenzel die Korken sammelte. "Fürs Essigfass wäre auch eine Menge Depot da gewesen", schrieb ihm Rodenstock, offenbar bedauernd, dass er diese Depotmengen nicht für sich sichern konnte.

Mag sein, dass man Depot zur Essigproduktion verwenden kann - aber ist Rodenstock je als Essighändler aufgetreten?

Mehr aus Neugier nahmen sich Medina und sein Team übrigens auch die Rückseite jener Etiketten vor, die Rodenstock für seinen Kunden Schwentkowski hatte rahmen lassen, darunter neben dem 45er Rothschild auch das einer Château Mouton und einer Château Lafite, beide angeblich von 1900. Der Kleber, so der Befund, sei auf allen Etiketten gleich. Es handelt sich dabei um einen Leim, den es 1900 noch gar nicht gab, ein synthetisches Produkt aus Polyvinylacetat, das in Deutschland entwickelt wurde. Medina: "Wahrscheinlich ist es Uhu extra."

Mitarbeit: Tilman Müller, Michael Streck

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