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Das Geschäft mit der falschen Biowolle

Ökotextilien sind der Trend auf der Berlin Fashion Week und im Handel. Doch wo "Biobaumwolle" draufsteht, ist oft nicht Biobaumwolle drin. Deutsche Händler haben zertifizierte Ökotextilien verkauft - aus gentechnisch veränderten Rohstoffen.

Von Jens Brambusch und Hannes Grassegger

Der Ökotrend hat es bis auf den Laufsteg geschafft. Bei der Berliner Fashion Week sind die Kreationen aus organischen Stoffen der letzte Schrei. Models posieren im Scheinwerferlicht, ihre Körper sind von "100 Prozent Bio" umhüllt. Im Prenzlauer Berg gibt es einen "Eco-Catwalk", in Kreuzberg mit der "TheKey.to" sogar eine eigene Messe für die grüne Avantgarde.

Die Modewelt giert nach Stoffen aus organisch angebauter Baumwolle. Was als Nischenprodukt seinen Anfang nahm, hat längst die Straße erobert. Umweltbewusste Kunden in Europa und den USA sind bereit, für Kleidung aus Biofasern mehr zu bezahlen als für herkömmliche Textilien. Fast alle großen Modeketten haben eigene Ökolinien auf den Markt gebracht, darunter Giganten wie Nike , Hennes & Mauritz (H&M), C&A, Wal Mart oder Zara. Der Jahresumsatz mit Biotextilien hat sich von 2006 bis heute beinahe vervierfacht - auf geschätzte 4 Milliarden Dollar.

Ein Boom, bei dem sich auch unsaubere Geschäftemacher bereichern. Nach Recherchen der "Financial Times Deutschland" (FTD) wurde im vergangenen Jahr in großem Stil indische Baumwolle als "organisch" verkauft, obwohl sie Spuren gentechnisch manipulierter Rohware enthielt. Zwei Zertifizierungsunternehmen versahen die geernteten Fasern dennoch mit dem Siegel "Bio". Hauptabnehmer der falsch deklarierten Baumwolle sind Textilketten, die auch in Deutschland stark vertreten sind. C&A und Tchibo geben sich überrascht, Hennes&Mauritz räumt ein, man habe von dem Vorfall gewusst und könne "nicht ausschließen, dass etwas von dieser Baumwolle für H&M-Kleidungsstücke verwendet worden sein könnte".

Ein lukrativer Schwindel

Der Schwindel flog vor einem Jahr auf. In Dutzenden Dörfern der indischen Provinzen Madhya Pradesh und Maharashtra, die vor allem vom Baumwollanbau leben, war gentechnisch verändertes Saatgut ausgesät worden. Die Farmer wissen, wie lukrativ das Geschäft ist: Gentechbaumwolle steigert kurzfristig die Erträge. Und Biobaumwolle ist meist teurer als konventionelle - um bis zu 50 Prozent.

Lokale Medien deckten auf, dass die gentechnisch veränderte Ware unter dem Bio-Label vermarktet wurde. Die indische Agrarbehörde Apeda schritt ein und belegte die beteiligten Firmen mit einem Strafgeld: Neben dem indischen Fairtrade-Unternehmen Raj Eco Farm waren dies die Zertifizierer Ecocert aus Frankreich und Control Union aus den Niederlanden. Ob die Zertifizierer die Ware wissentlich falsch auszeichneten oder nicht, ist unklar. Fakt ist: Mit den Siegeln von Ecocert und Control Union deklarieren europäische Handelsketten ihre Ware als "100 Prozent organisch". H&M wirbt mit der Produktlinie "Organic Cotton", die reine Ökobaumwolle verspricht. C&A und Tchibo versprechen ihren Kunden "100 Prozent Bio".

Tchibo spricht von einem "Gau" und kündigt an, ein unabhängiges Labor einzuschalten, um seine Ware zu überprüfen. Die Hamburger versichern ebenso wie C&A, dem Fall auf den Grund zu gehen. Ein C&A-Sprecher sagt, "wenn an den Vorwürfen etwas dran sei, sei das kriminell und ein juristischer Verstoß". H&M erklärt, man habe mit dem Zertifizierer gesprochen, "damit sich ein solcher Fehler nicht wiederholt".

Gefährdetes Öko-Geschäft

Der Betrug ist nach Ansicht von Experten kein Einzelfall, sondern eher Indiz für ein massives Aufkommen gentechnisch manipulierter Biobaumwolle. Das Ausmaß ist allerdings nur schwer auszumachen, verlässliche Daten existieren nicht. "Vieles basiert auf Gerüchten", sagt Peter Tschannen, Geschäftsführer des Schweizer Biotextilherstellers Remei, der bereits im vergangenen Geschäftsbericht auf größere Betrugsfälle in Indien hingewiesen hat.

Anstatt den Betrug öffentlich zu machen, versuchen Zertifizierer, Dachverbände und Nichtregierungsorganisationen, den Vorfall unter der Decke zu halten. Die Angst ist groß, die Idee des Ökoanbaus zu gefährden, der Farmern oft ein besseres Einkommen bringt und der Natur Pestizide und Düngemittel erspart. Erst auf Nachfrage beim Weltbioverband Ifoam bestätigt Geschäftsführer Markus Arbenz die Vorkommnisse. Er befürchtet gravierende Auswirkungen für die ehrlichen Baumwollproduzenten: "Mit einer Skandalisierung haben die Kleinbauern, die mit 'Bio' der Armutsfalle entrinnen können, das Nachsehen."

Mit der zunehmenden Verbreitung der Gentechnik ist es kaum noch möglich, das Versprechen von organisch reiner Ware zu halten. "Es kann sein, dass Blütenstaub von Gentech-Feldern auf Biofelder getragen wird", sagt Jens Soth, Vertreter des SEEP Panels, einer Arbeitsgruppe des Weltbaumwollverbands ICAC. "Auch an Sammelstellen kommt potenziell Gentech-Ware mit Biofasern in Berührung." Aus diesem Grund werde es "immer schwieriger, eine Gentech-freie Ware zu garantieren", sagt Remei-Chef Tschannen.

Heikle Bio-Zertifikate

Rolf Heimann vom Marktführer Hess Naturtextilien ist das Problem ebenfalls bekannt. Der Mann kennt sich aus in der Branche, ist Vorstand beim Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft: "Wir sind mit der Problematik groß geworden." Deshalb verlassen sich die kleineren Öko-Anbieter nicht nur auf Zertifikate, sondern kontrollieren ihren gesamten Warenfluss, teils mit eigens aufgebauten Projekten.

In der Biotextilbranche ist man um Schadensbegrenzung bemüht. So argumentiert Weltbioverband-Geschäftsführer Arbenz, dass selbst Firmen, bei denen sogar der Weiterverarbeitungsvorgang der Naturfaser überwacht werde, nie versprochen hätten, rückstandsfreie Ware zu liefern. Stets werde darauf verwiesen, dass es zu "positiven Gentechproben durch Verunreinigungen" kommen könne.

Für Lothar Kruse erklärt die Kontaminationstheorie nicht das Ausmaß der Verunreinigung. Kruse leitet das Labor Impetus in Bremerhaven. Im Auftrag kleinerer und mittlerer Textilhersteller testet er Fasern und Garne auf gentechnische Manipulationen. Das Ergebnis: "Etwa 30 Prozent der Proben sind gentechnisch belastet", sagt Kruse. Er wisse zwar nicht, ob es sich bei den eingesandten Proben bereits um Verdachtsfälle handele oder um willkürliche Stichproben. Eins steht für ihn jedoch fest: "In einem Bioprodukt hat Gentech gar nichts verloren. Egal, wie es da rein gekommen ist."

Mehr Ökotextilien als Anbauflächen

Schon seit längerem fällt auf, dass die Menge der angebotenen Biotextilien mit den Ernteerträgen der Baumwollproduzenten nicht einhergeht. Mit gut 175.000 Tonnen macht die Bioware zwar weniger als ein Prozent der weltweiten Baumwollernte aus, die Produktionsmengen steigen jedoch rasant.

So rasant, dass Experten zu zweifeln beginnen. In einem Bericht zum Internationalen Biobaumwollkongress 2009 heißt es: "Nicht zum ersten Mal wurde (...) erwähnt, dass mehr Biobaumwolltextilien auf dem Markt sind, als es eigentlich der erzeugten Menge nach sein könnte." Die Fachleute beklagen die unzureichende Datenlage bei den Ökoanbietern: "Zahlen der Baumwollindustrie insgesamt seien weltweit für Produktion, Verbrauch, Erträge, Handelsdaten sehr genau erfasst und zugänglich. Daten für die Biobaumwolle hingegen nicht." Fazit: "Die nötige Transparenz betrifft deshalb auch die Integrität der Branche."

Für das Gros der Anbieter, das ehrlich arbeitet, ist das ein Desaster. Denn mehr als bei konventionellen Baumwolltextilien verlassen sich die Käufer von Bioprodukten auf deren ökologisch lupenreine Herkunft. Umso erstaunlicher ist es, dass Zweifeln nicht konsequent nachgegangen wird. Beispielsweise als Indien binnen eines Jahres die Ernte fast vervierfachte. Gewöhnlich dauert es mehrere Jahre, ein Feld auf Bioproduktion umzustellen. Und zu Beginn seien die Erträge auf jungen Feldern eher gering, sagt Experte Soth.

Hohe Kontaminations-Quote

Eine Erklärung wäre der massive Einsatz von gentechnisch veränderten Samen, die eine höhere Produktivität haben. Der FTD liegen Aussagen des renommierten indischen Baumwollforschers Keshav Kranthi vor, der gegenüber einer Delegation des Internationalen Baumwollspinner Verbandes ITMF von massivem Gentech-Einsatz für Biopflanzungen in Indien berichtet hat. Kranthi habe davon gesprochen, dass 75 Prozent der indischen Biobaumwollsaat genverändert sei. Gegenüber der FTD wollte Kranthi diese Aussagen nicht bestätigen.

Eine interne Studie des Branchenverbandes Organic Exchange kommt zu dem Ergebnis, dass 25 bis 30 Prozent der dortigen Biobaumwolle kontaminiert seien. "Die Studie dürfte für Indien einen guten Schätzwert abgeben", sagt Rainer Bächi, Direktor des Schweizer Zertifizierers Imo. Weltweit gesehen sei das Ausmaß aber weit geringer.

In Indien gebe es bezüglich der Zertifizierung von Biobaumwolle eine "etwas entspannte" Herangehensweise, bestätigt eine Sprecherin der Bremer Baumwollbörse. So lobbyieren einige indische Wissenschaftler für den Einsatz von Gentech im Biobereich, um so Ernteerträge sicherzustellen. Ihr Standpunkt: Durch Gentech werde die Pflanze resistent gegen Schädlinge, und der Farmer könne gemäß den Bioanforderungen auf Pestizide und Chemiedünger verzichten.

Bei der Agrarbehörde Apeda in Delhi fürchtet man um das Image der Biobaumwolle. "Dieser Betrug ist eine Schande für Indien", sagt Direktor Dave. Um Vertrauen zurückzugewinnen, will er noch dieses Jahr ein neues Überprüfungssystem einführen, gestützt auf Satellitendaten. Anhand der metergenauen Informationen lassen sich als "bio" gekennzeichnete Pflanzen untersuchen - und zweifelsfrei zertifizieren.

FTD

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