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VWs wichtigster Scheich

Bei VW beginnt eine neue Ära: Ein Vertreter des Großaktionärs Katar wird in den Aufsichtsrat gewählt. Dahinter steckt ein ehrgeiziger Strategiewechsel der Investoren.

Von Claus Hecking, Riad und Margaret Hucko

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Claus Hecking und Margret Hucko

Wolfsburg? Hussain Ali Al-Abdulla stutzt. Wolfsburg? Ratlos blickt er zu seiner PR-Frau, die ihm auf die Sprünge hilft. "In Wolfsburg ist der Sitz von Volkswagen", sagt sie dem Mann aus Katar, der vor wenigen Stunden in Hamburg gelandet ist. "Ja, ich war schon mal da", entsinnt sich Al-Abdulla schließlich. Dann lacht er freundlich, nippt an der weißen Tasse und schluckt den kleinen Fauxpas mit grünem Tee hinunter.

"In den letzten 50 Jahren bin ich nie länger als 15 Tage an einem Ort gewesen", sagt er. In Wolfsburg war er bloß drei Stunden - für eine Werksführung und eine Vertragsunterzeichnung. Das war im August vergangenen Jahres, als die Qatar Holding beim Wolfsburger Autobauer einstieg.

"Volkswagen ist der beste Autokonzern der Welt"

Nun sitzt Al-Abdulla, Chef der Qatar Holding, im Café des Hamburger Fünf-Sterne-Hotels Vier Jahreszeiten, direkt an der Alster. Gleich wird er das Management und die Aufsichtsratsmitglieder von VW treffen - zum lockeren Kennenlernen. Einen Kreis, zu dem er schon bald gehören wird.

Al-Abdulla ist schlank, nicht groß, trägt einen grauen Anzug, weißes Hemd, eine blaue Louis-Vuitton-Krawatte. Er sieht aus wie ein Londoner Investmentbanker, smart, weltläufig, und spricht auch so. "Wir möchten Geld machen", sagt er und lächelt. "Volkswagen ist der beste Autokonzern der Welt", schiebt er nach. "Die haben das Wissen und die Technologie, um zehn Millionen Autos pro Jahr zu bauen." Besser hätte das VW-Vorstand Martin Winterkorn auch nicht formulieren können.

Arabische Investoren sind keine Seltenheit

Da ist er also, einer der neuen Herren bei VW, einer der großen Unbekannten aus dem fernen Katar. Es ist mehr als ein Anstandsbesuch. Am Donnerstag wird Al-Abdulla auf der VW-Hauptversammlung in Hamburg als erstes Mitglied des neuen Großaktionärs aus dem Golfstaat zum Aufsichtsrat von Europas größtem Autobauer gewählt. Er will mitreden, mitbestimmen.

Nicht nur für die Wolfsburger beginnt damit eine neue Ära. Arabische Investoren sind in deutschen Konzernen keine Seltenheit. Doch bisher haben sie sich meist nur beteiligt - und im Hintergrund gehalten. Die neue Generation vom Schlage Al-Abdullas will mehr sein als Geldgeber und stiller Teilhaber. Diese arabischen Investoren bringen nicht nur Kapital mit, sondern Strategien, Pläne und Ehrgeiz. Sie wollen gestalten und anpacken, nüchtern und pragmatisch. Daran lässt auch Al-Abdulla bei seinem Besuch in Hamburg keinen Zweifel. "Ich möchte den Anteilseignern helfen, mehr Geld zu machen", sagt er. Er ist überzeugt, dass VW von seiner Kenntnis des Marktes profitieren kann.

Kaum einer hatte mit Engagement gerechnet

Er ist promovierter Ökonom, studiert hat er an der englischen Universität in Bradford. Seit 1990 arbeitet der 53-Jährige in Führungspositionen, etwa bei der International Islamic Bank oder Qatar Petroleum.

Als der Staatsfonds von Katar vergangenen Sommer bei VW einstieg, hatte mit so viel Engagement kaum einer gerechnet. Monatelang hatte der damalige Porsche -Chef Wendelin Wiedeking um die Gunst und das Geld der Scheichs gerungen - dringend brauchte er Kapital, um die Sportwagenschmiede vor der Insolvenz zu retten.

Ursprünglich wollte Porsche den größeren VW-Konzern schlucken. Aber Wiedeking hatte sich bei der Übernahme verhoben, häufte Schulden von rund zehn Milliarden Euro an. Das Geld der Banken reichte nicht, um die Zukunft der Zuffenhausener zu sichern. Dann kam die rettende Zusage der Scheichs.

"Katar will bei wichtigen Entscheidungen mit am Tisch sitzen"

Einstieg von Katar währte nur kurz. Denn die Scheichs wollten nicht nur Porsche - sondern den Durchmarsch nach Wolfsburg. Porsche, bis unter Dach mit Optionen auf VW-Aktien eingedeckt, war dafür ein ideales Vehikel. Das Schicksal, das Wiedeking ereilte, ist bekannt. Im August vergangenen Jahres war der Einstieg Katars bei der Porsche Holding schließlich perfekt.

17 Prozent hält der Fonds nun an VW, es ist das größte Engagement in Deutschland. "Katar will bei wichtigen Entscheidungen mit am Tisch sitzen und die Möglichkeit haben, wenn nötig Einfluss zu nehmen", hieß es bald nach dem Einstieg aus dem Umfeld der Investoren. Sie wollen sogar mehr: Nächstes Jahr, wenn die Fusion von VW und Porsche vollzogen wird, strebt das Emirat einen Anteil von knapp 20 Prozent an - und einen weiteren Sitz im Aufsichtsrat.

Al-Abdulla hat genaue Vorstellungen von der Zukunft des Autobauers - zumindest ist er gut gebrieft worden, was in Deutschland gerade angesagt ist: "Wir müssen noch mehr umweltfreundliche Autos bauen", sagt er. "Wir" - das sind Al-Abdulla und VW.

"Nur Unternehmen, die das erkennen, sind in Zukunft erfolgreich", erklärt er. Er selbst will dazu im Aufsichtsrat beitragen. Er gestikuliert sanft, lehnt sich leicht nach vorn und fixiert seine Gegenüber. Er redet viel, aber ohne Geheimnisse zu verraten.

Nichts geht ohne den Käseliebhaber

Der Strategiewandel am Golf hat sich in aller Stille vollzogen. Katar, Al-Abdullas Heimat, ist reich, neureich. Doch anders als etwa in Dubai ist der Aufschwung dort nachhaltig. Neun Prozent ist die Wirtschaft des Emirats im Krisenjahr 2009 gewachsen. Dieses Jahr peilt Katar 16 Prozent an. Das kleine Emirat hat etwas, was Dubai fehlt: Erdgas. Und das in rauen Mengen: etwa 15 Prozent der globalen Erdgasreserven.

Teile seines Reichtums legt Katar in internationalen Unternehmen mit Wachstumschancen an. Das Land will verlässliche Gewinne machen. Eigens dafür gründete das Emirat 2005 den Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA). Die Verhandlungen mit Porsche führt offiziell die Qatar Holding, eine Tochterfirma des Fonds - und der aggressivste Staatsfonds im Nahen Osten.

An dessen Spitze steht Hamad Bin Dschassim Al Thani. Al-Abdulla ist sein Vizechef - und Exekutor. Hamad Bin Dschassim, ein Cousin des Emirs von Katar, ist zugleich Premier und Außenminister.

Nichts geht ohne den 50-jährigen Liebhaber kubanischer Zigarren und exklusiver Käsesorten - weder die Gründung des in Katar ansässigen TV-Senders al-Dschasira noch Friedensinitiativen im Libanon oder die Aufnahme von Handelsbeziehungen mit Israel. Emir Bin Chalifa Al Thani soll einst über seinen Cousin gesagt haben: "Vielleicht lenke ich dieses Land, aber ihm gehört es." Und dessen liebste Spielwiese ist die Qatar Investment Authority. Als Qatar bei der britischen Supermarktkette Sainsbury einstieg, schrieb Hamad Bin Dschassim Al Thani höchstpersönlich der Gründerfamilie einen Brief, in dem er versicherte, dass sein Fonds langfristige Interessen habe. Scheich Hamads neuestes Projekt ist die Fußballweltmeisterschaft 2022. "Wenn wir das Geld richtig investieren, können wir Katar eine Generation lang absichern", sagt der Chefinvestor.

Das Speedboot und den Staatsfonds

Branchenkenner schätzen, dass QIA seit 2005 rund 75 Milliarden Dollar in Auslandsbeteiligungen gesteckt hat. Die Kataris sind der größte Einzelaktionär der Credit Suisse , sind Teilhaber bei Barclays und Miteigentümer der London Stock Exchange. Aber ihr Appetit ist noch längst nicht gestillt. Jüngst kündigte QIA an, dieses Jahr noch mal 30 Milliarden Dollar zu investieren. "Die QIA ist das Speedboot unter den Staatsfonds: schnell, agil, wendig", sagt Sven Behrendt, Chef des Forschungsbereichs Staatsfonds beim Carnegie Middle East Center in Beirut.

Und QIA ist ein Vorreiter, dem viele andere Staatsfonds vom Golf nacheifern könnten - denn auch andere wollen mehr sein als passive Investoren. Etwa die Kuwait Investment Authority, die 1974 bei Daimler einstieg. Nie hatte sie einen ihrer Vertreter in Vorstand oder Aufsichtsrat entsandt. Sie mischt sich nach eigenem Bekunden nicht in die Geschäftspolitik der Stuttgarter ein. Und sie hat jahrzehntelang ihren Anteil nur selten für Käufe oder Verkäufe angefasst. Die QIA geht anders vor.

Einfluss ist schon jetzt spürbar

Im Vier Jahreszeiten gibt Al-Abdulla eine weitere Kostprobe. Die VW-Strategie "Mach 18", gefällt ihm, das unterstützt er. Dahinter steckt das Ziel, in acht Jahren Toyota als größten Autobauer der Welt abzulösen. Gerade für die USA sieht Al-Abdulla Aufholbedarf. "Ich bin mir sicher, dass 25 bis 30 Prozent dort machbar sind", sagt er. Das ist die neue Schlagzahl: Derzeit beträgt der Marktanteil von VW nicht mehr als zwei Prozent.

Teilhabe ist die eine Sache, die die neuen Investoren vom Golf auszeichnet. Die andere ist Opportunität. So hocken sie nicht für alle Ewigkeiten auf ihren Beteiligungen.

Wenn sie eine gute Gelegenheit für Profit wittern, steigen sie aus. QIA etwa versilberte vergangenen Oktober einen Teil an Barclays - Aktien für 1,4 Milliarden Pfund - und machte dabei einen Handelsgewinn von rund 600 Millionen Pfund. "Die Kataris werden kaum die Heuschrecke spielen und Volkswagen unter Renditedruck setzen, aber sie werden auch nicht still außen vorstehen und zuschauen, was mit ihrem Geld geschieht" , sagt Eckart Woertz, Chefökonom des Gulf Research Center aus Dubai. Früher, vor dem Gasboom, sei Katar eine Art Aschenputtel in der Region gewesen. Jetzt gehörten die Kataris zu den Reichsten am Golf. Woertz: "Sie wollen ernst genommen werden." Steffen Kern, Staatsfondsexperte der Deutschen Bank registriert das neue Rollenverständnis ebenfalls: "Immer mehr Staatsfonds sind der Ansicht, dass sie größere Engagements aktiv begleiten müssen. Die Krise war dafür ein Katalysator."

VW will in Katar Hitzebeständigkeit testen

Der Einfluss ist heute schon spürbar. So reiste Anfang März eine kleine Delegation aus Niedersachsen zum Persischen Golf, um eine Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten zu vereinbaren und ein Testlabor einzurichten. Künftig soll es an der Universität Katar Vorlesungen zum Thema Automobilbau geben. Mittelfristig will VW in Katar die Hitzebeständigkeit seiner Autos testen. In den Sommermonaten liegen die Temperaturen im Schnitt über 40 Grad.

Ob VW vielleicht künftig auch Autos in Katar baut? Al-Abdulla lacht dezent. "Nein, das nicht." Den einen oder anderen Wagen würde Al-Abdulla sicher auch persönlich in den Grenzbereich steuern. Wie viele Autos besitzt er? "Das ist privat." Eines aber verrät er: ein Porsche 911 mit Allrad ist dabei.

FTD

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