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Berlin – das bessere Silicon Valley?

Mit seinem Forscher-Netzwerk "ResearchGate" hat Ijad Madisch bei US-Investoren wie Bill Gates Millionen gesammelt – und erfolgreich darauf bestanden, an der Spree zu bleiben. Warum nur?

Von Karsten Lemm, San Francisco

  Gründer Madisch in San Francisco: "Berlin ist billig und es gibt erfolgshungrige Leute"

Gründer Madisch in San Francisco: "Berlin ist billig und es gibt erfolgshungrige Leute"

Er hat diese Anekdote, die er gern erzählt. Auch an diesem Samstagmorgen, als er in einem neonbeleuchteten Konferenzsaal in San Francisco am Podium steht, um vor deutschen Forschern, die in den USA leben, den erstaunlichen Erfolg seines Netzwerks "ResearchGate" zu schildern.

Die Anekdote geht so: Als Ijad Madisch, Biomediziner aus Hannover, vor sechs Jahren an der Harvard-Uni forschte, kam ihm ein Gedanke. "Warum gibt es eigentlich kein soziales Netzwerk speziell für Wissenschaftler?", fragte er sich. Wäre doch praktisch: Statt sich vorwiegend auf Konferenzen auszutauschen und Ergebnisse in ehrwürdigen, aber sündhaft teuren Fachzeitschriften wie "Science" und "Nature" zu veröffentlichen, könnten Forscher laufend Kontakt halten und voneinander lernen. Auch und gerade dann, wenn etwas nicht funktioniert. Denn das fällt bisher oft unter den Tisch, und so macht man die Fehler der Anderen womöglich gleich noch einmal.

"Wissenschaftler sind nicht sozial"

Gedacht, getan. Madisch fing an, mit zwei Freunden ein Forscher-Facebook aufzubauen, das im Mai 2008 als "ResearchGate" seine Pforten öffnete. Madisch, inzwischen wieder in Deutschland, kam immer weniger zum Studieren und brauchte Geld. Er bat seinen Doktorvater an der Uni Hannover um eine Assistenzstelle und bekam zu hören: "Wissenschaftler sind nicht sozial. Kriegen Sie diesen Firlefanz aus dem Kopf, und konzentrieren Sie sich auf Ihren Abschluss!" Sein Harvard-Mentor reagierte anders. "Tolle Idee!", sagte er. Und gab Madisch nicht nur eine Stelle, sondern investierte gleich noch ein paar tausend Dollar.

Das Publikum beim GAIN-Kongress in San Francisco lacht über die Anekdote. Viele, die seit langem in den USA leben, kennen das ja aus eigener Erfahrung, auch wenn es ein Klischee sein mag: Hier das hemdsärmelige, zupackende Amerika – dort der deutsche Wissenschaftsbetrieb, der wie eh und je im Elfenbeinturm vor sich hin werkelt, ungeachtet aller Veränderungen um ihn herum.

Aber die Geschichte bekommt eine erstaunliche Wende, je weiter sie geht. Denn statt sein Kind in den USA großzuziehen, tut Madisch alles, um "ResearchGate" in Berlin anzusiedeln, nicht im Silicon Valley. Wer etwas verändern will, muss zurückkommen, erklärt er seinen Zuhörern. Der digitale Wandel eröffne viele neue Chancen dazu: "Jetzt kann man Dinge bewegen – aber die bewegt man nicht, indem man hier drüben sitzt und sich beschwert."

Investoren zücken das Scheckbuch

Er selbst hat das so angepackt: Als "ResearchGate" erste Freunde findet, führt Madisch Gespräche mit US-Investoren. Er braucht Geld für Server-Rechnungen, Programmierer, die Umsetzung seines großen Traums. Denn er will nicht einfach ein weiteres soziales Netzwerk aufbauen, um Geld zu verdienen, sondern hat sich nichts weniger vorgenommen, als die Welt zu verändern. "Ich möchte Wissenschaft komplett neu definieren", sagt er. Geht sein Plan auf, soll "Research Gate" helfen, Epidemien zu verhindern, neue Heilmethoden für alte Menschheitsleiden zu finden, den Krebs zu besiegen. Weil künftig alle Forscher, die eng miteinander vernetzt sind, weiter über den eigenen Tellerrand hinausschauen, überraschende Einblicke gewinnen, einfacher zusammenarbeiten können.

"Was willst du mit ResearchGate erreichen?", fragt der Top-Investor Matt Cohler im Frühjahr 2010, als er Madisch das erste Mal trifft. "Ich will den Nobelpreis gewinnen", antwortet der Deutsche. Cohler, einer der frühesten Facebook-Mitarbeiter und ein guter Freund von Mark Zuckerberg, lacht nicht. Er zückt sein Scheckbuch. Große Träume sind im Silicon Valley ganz normal.

Doch Madisch will nicht ins Silicon Valley. Er überzeugt Cohler, dass "ResearchGate" in Deutschland besser aufgehoben ist. "Wir hätten nicht den Erfolg gehabt, den wir in Berlin haben, wenn wir nach Kalifornien gezogen wären", sagt Madisch im Gespräch mit stern.de. Teure Mieten, hohe Löhne, erbarmungsloser Wettbewerb um Mitarbeiter – all das macht Jungfirmen das Leben im gelobten Land der Technikwelt sehr schwer. Berlin dagegen "ist vergleichsweise billig, und es gibt gute Leute", sagt Madisch. "Leute, die hungrig sind auf Erfolg."

Selbst Bill Gates ist überzeugt

Genau wie er. Mit 32 Jahren hat er es geschafft, zu einem der deutschen Vorzeige-Unternehmer im Internet zu werden. Mehr als drei Millionen Nutzer zählt "ResearchGate" inzwischen, das entspricht etwa der Hälfte aller Wissenschaftler weltweit. Die Zahl der Mitarbeiter – derzeit gut 100 – wächst ständig. Sie können neben der Arbeit Tischfußball oder Air Hockey spielen, es gibt einen Schlafraum ("für die Südamerikaner, die brauchen ihre Siesta"), und alle bekommen kostenloses Essen, genau wie bei Google. Madisch gibt auch allen Mitarbeitern Firmenanteile; das gibt es bei Google schon lange nicht mehr.

An Geld mangelt es nicht: 35 Millionen Dollar, etwa 26 Millionen Euro, hat Madisch bei der jüngsten Finanzierungsrunde eingesammelt. Zu den Investoren gehört nun auch Microsoft-Mitgründer Bill Gates, der sich mit seiner Gates-Stiftung vorgenommen hat, so viele Krankheiten auszuradieren wie nur möglich.

Dass der Großteil des Startkapitals aus den USA kam, war entscheidend für seinen Erfolg, glaubt Madisch: "Hätten wir von deutschen Investoren Geld genommen, wäre ResearchGate längst tot." Als sie mit ihm an die Zukunft glauben sollten, fragten hiesige Kapitalgeber immer nur das Eine: "Wie willst du damit Geld verdienen?" Madisch zuckte mit den Schultern. Es sei ihm nicht ums Geschäft gegangen, versichert er, sondern um seinen Traum. US-Investoren dagegen erkannten die Leidenschaft, die in ihm lodert, und er bekam Geld – obwohl ResearchGate anfangs noch "richtiger Mist war", sagt Madisch. Erst mit Cohlers Finanzspritze aus dem Silicon Valley konnte er sein Netzwerk so gut machen, wie es sein musste, um reichlich Fans zu finden.

Lieber einzigartig in Berlin

"Deutsche Kapitalgeber verstehen nicht, dass es darum geht, in Menschen und Ideen zu investieren – nicht in Produkte und wie sie aktuell aussehen", klagt Madisch. "Amerikaner haben den großen Vorteil einer höheren Risikobereitschaft." Und wenn etwas schiefgeht, gehört das im Silicon Valley dazu: Wer als Gründer auf die Nase fällt, steht wieder auf und versucht etwas Neues, ohne fürs Leben gebrandmarkt zu sein. Deutschland bleibt derweil das Land der Schadenfreude. Viele "ResearchGate"-Entwickler waren früher bei StudiVZ, dem abgestürzten Facebook-Klon. "Technisch hatten diese Leute etwas Fantastisches gebaut", sagt Madisch, "aber es bekommt einen negativen Touch, wenn sie sagen, sie waren bei StudiVZ."

Bis die Kultur sich wandelt, kommt ihm diese Haltung entgegen. Hervorragende Programmierer sind teuer, und in Berlin muss Madisch weniger um sie kämpfen, als es im Silicon Valley der Fall wäre. Mindestens doppelt so hoch wären seine Kosten in Kalifornien, schätzt er, und lieber ist er in Berlin einer, der heraussticht, als auf der anderen Seite der Welt mit tausend weiteren Start-Ups um Aufmerksamkeit zu ringen. "Wir haben gezeigt, dass man auch in Deutschland Erfolg haben kann", sagt Madisch stolz.

Selbst sein Professor aus Hannover hat sich inzwischen bei "ResearchGate" angemeldet. Neulich kam eine Anfrage von ihm: "Er wollte wissen, ob ich auf seiner Konferenz einen Vortrag halten kann." Madisch hat zugesagt. Es gibt da eine Anekdote, die er gern erzählt.

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