Sparminister auf verlorenem Posten

21. April 2013, 15:04 Uhr

Wolfgang Schäuble wirbt bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds in Washington für Europas Sparkurs. Der deutsche Finanzminister kann dabei aber nur wenige überzeugen. Von Andreas Hoffmann, Washington

Schäuble, Washington, IWF, Europa, G-20, Finanzminister

Freundliche Shakehands fürs Foto: Finanzminister Wolfgang Schäuble begrüßt seinen Amtskollegen aus den USA, Jack Law.©

Es ist kurz nach halb acht Uhr am Morgen, als Wolfgang Schäuble durch das Kellergeschoß des Hotels Ritz-Carlton rollt. An einer Wand lehnt Bundesbankchef Jens Weidmann. "Wir haben schon auf sie gewartet", sagt er. Schäuble stoppt kurz, brummelt ein "Ach", rollt zu einem Podium.

Vor ihm sitzen gut zwei Dutzend Journalisten. Silberne Gabel und Messer liegen auf weißgedeckten Frühstückstischen. Kristallleuchter hängen an der Decke. Ein uniformierter Kellner schenkt ständig Kaffee nach.

Schäuble schaut auf einen Teller mit Croissants, schiebt ihm seinem Pressesprecher zu: "Die können sie essen." Er murmelt ein "Morgen" und sagt, dass die Reformen in Europa greifen und der Kontinent "große Fortschritte" in der Eurokrise erzielt habe.

Europa am Pranger

Schäuble ist auf Werbetour in Washington. Wie jedes Jahr, wenn er die Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und das Treffen der G20-Finanzminister besucht. Aber diesmal muss er besonders viel Reklame machen. Europa steht in der Welt ziemlich schlecht da, sagte der IWF bereits vor dem Treffen. Überall wächst die Wirtschaft, in Asien, Afrika und in Amerika, nur in Europa nicht. Dort herrscht Rezession. Mit seinen Banken kommt der alte Kontinent auch nicht richtig klar.

Das sieht Wolfgang Schäuble ganz anders und hat sich zwei Botschaften überlegt, die er in den zwei Tagen regelmäßig wiederholt. Europa ist auf gutem Weg. Und wer von Europa höhere Wachstumsraten erwartet, liegt falsch. Der will eigentlich nur die eigenen Probleme nicht anpacken.

Diese Botschaften pflanzt er auch bei einem außenpolitischen Forum jenseits der Tagung. Er soll nach einem Mittagessen reden. In einem weitläufigen Saal sitzen grauhaarige Männer in Anzügen. Die wenigen Frauen dazwischen wirken wie Farbsprenkel in einem Meer der Einförmigkeit. Man erkennt einige Prominente, den Untergangsprophet Nouriel Roubini etwa oder den früheren US-Botschafter in Deutschland, Richard Burt. Washingtoner Politikaristokratie eben.

Sparen oder Schulden machen?

Ach dieses Europa. Für Schäuble ist es kompliziert. "Kein normaler Mensch würde doch auf die Idee kommen, eine Währungsunion mit 17 souveränen Staaten zu machen", sagt er. Und die Krise? Hätten sie nicht die Amerikaner ausgelöst, mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers? Mit diesem Drang nach zu viel Schulden, zu viel Geld und zu wenig Regulierung? Europa sieht er auf bestem Weg. Was die Griechen jetzt reformieren würden, hätte es in den Jahrzehnten davor nie gegeben. Und diese Italiener sind "viel flexibler als Deutschland". Belgien kann sogar ein Jahr ohne Regierung, leben und keiner solle glauben, Deutschland und Frankreich würden nicht zusammenarbeiten. "Als Deutsches Regierungsmitglied bin ich verdammt dazu mit den Franzosen zu kooperieren", sagt er.

Schäubles Worte kommen an. Der Washingtoner Politikadel klatscht oft. In den internen Sitzungen mit Finanzministern und Notenbankern fehlt dagegen der Beifall. "Die Deutschen haben richtig Prügel bekommen", sagt ein Notenbanker. Es geht stets ums Gleiche. Die Deutschen wollen immer nur sparen, sagen die Amerikaner. Das aber schafft kein Wachstum. Die Deutschen aber sagen, die Amerikaner machen nur Wachstum mit neuen Schulden. Das ist nicht nachhaltig. So wogt der Streit hin und her. Her und hin. Seit Jahren. Inzwischen haben die USA leichte Vorteile. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Defizite auch gaaanz langsam.

Wind dreht sich gegen Deutschland

Der Wind dreht sich gegen die Deutschen. Nicht nur, weil der US-Finanzminister Jack Lew eine "stärkere Nachfrage" von Europa verlangt. Selbst Schäubles enge Freundin, die IWF-Chefin Christine Lagarde, stimmt mit ein. Mit Blick auf Spanien warnte sie davor, es mit dem Sparen zu übertreiben. "Wir sehen keine Dringlichkeit die bisher geplante vorausgreifende starke Konsolidierung durchzuführen. Das Land braucht mehr Zeit", sagte sie. Es müsse alles getan werden, damit die Wirtschaft mit "vollem Tempo" anzieht.

Schäuble will von der Kritik an den Deutschen nicht viel mitbekommen haben. Am Ende seiner Werbetour in Washington sagt er: "Ich habe keine Isolierung empfunden." Andere schon.

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