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Kärcher-Chef: "In China putzt man noch mit Lappen - das wollen wir ändern"

Kärcher entwickelte den ersten Hochdruckreiniger für zu Hause - und machte das Putzen zur Männersache. Mit dem Fenstersauger erobert der stille Weltmarktführer aus Schwaben eine ganz neue Zielgruppe - und lockt Nachahmer.

Hartmut Jenner, Kärcher-Chef

Hartmut Jenner ist Kärcher-Chef. Der Fenstersauger hat eine neue Kundengruppe angesprochen.

Von der Terrasse des Nachbarn hört man ein Fauchen und ein Plätschern. Ein Geräuschmix, der zunächst irritiert. Ein Blick in seinen Garten macht klar: Er reinigt seine vermooste Terrasse, ist ja schließlich Frühjahr. Dafür nutzt er einen Wasserstrahl, der per Hochdruck den Dreck aus den Steinplatten schwemmt. Der Mann hat schon vor Jahren in einen Hochdruckreiniger von Kärcher investiert. Die Nachbarschaft steht seither Schlange, um sich das Teil für alle möglichen Dreckbeseitigungsprojekte auszuleihen. Heute haben sie keine Chance, denn nach den Gehwegplatten bearbeitet er den Holzzaun. Dann die Gartenstühle, die Fahrräder. Es dauert den ganzen Tag. Und das scheint ihm auch noch Spaß zu machen. Ein Kerl und sein fauchendes Arbeitsgerät.

1984 verkaufte die Firma Kärcher den ersten Hochdruckreiniger für den Privatgebrauch und setzte damit den Grundstein für den Erfolg des Winnendener Familienunternehmens. Anfang 2017 ließ der Weltmarktführer für Reinigungsgeräte wissen, dass der Umsatz um fünf Prozent auf 2,33 Milliarden Euro gewachsen sei. "Vom Krisenjahr 2009 abgesehen, haben wir eigentlich jedes Jahr ein neues Rekordergebnis erzielt", sagt Kärcher-Chef Hartmut Jenner dem stern. Wer heute mit Hochdruck reinigt, der kärchert - das Wort hat es längst in den Sprachgebrauch geschafft.

Dass das international erfolgreiche Unternehmen dennoch fast "öffentlichkeitsscheu", wie Jenner selbst sagt, auftritt, sei "Politik des Unternehmens". Weniger schwätze, mehr schaffe - man bleibe halt ganz schwäbisch am Ball, so Jenner.

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Ein Sauger für putzfaule Städter

Kärcher ist längst mehr als nur der tragbare Hochdruckreiniger. 3000 Produkte verkauft das Unternehmen, darunter auch Industriereiniger, Kehrmaschinen, Pumpen, Waschanlagen für Autos und Trink- und Abwasseraufbereitungsanlagen. "Vor allem im gewerblichen Bereich reinigen unsere Maschinen mit einer Gründlichkeit und Schnelligkeit, wie es der Mensch nicht kann", so Jenner.

Im Endkundensegment sei der Hochdruckreiniger zwar immer noch der Klassiker, doch seit einigen Jahren erobert das Unternehmen noch einen weiteren Kundenstamm - die putzfaulen Städter. Die konnten bislang herzlich wenig mit einem großen Reiniger für den Außenbereich anfangen. In kleinen Mietwohnungen ohne Garten braucht man das eben nicht. Doch handliche Reinigungsgeräte für den alltäglichen Putzmarathon - da konnte Kärcher punkten.

"Die Deutschen sind technikaffin", sagt Jenner. Und das gelte auch für Reinigungsgeräte. Doch bislang ist der Markt noch sehr dünn. "Was haben Sie denn an Reinigungsgeräten zu Hause? Eine Waschmaschine, eine Spülmaschine und einen Staubsauger. Dabei gibt es so viel zu reinigen, wo technische Lösungen noch fehlen: Viele Flächen, in Bad und Küche, Heizungen, an die man schlecht rankommt", sagt Jenner. Der Bereich der Reinigung sei "unterinnoviert" sagte er einmal in einem TV-Beitrag. Bislang würden wir noch viel per Hand putzen - hier sieht Jenner noch Möglichkeiten.

Produktpiraten klauen Ideen

Eine wichtige Produktneuheit kam 2008 auf den Markt: der Fensterreiniger, der die Fenster quasi sauber saugt statt mit unschönen Streifen zu versehen. Doch bei der Entwicklung gab es Hindernisse. Schon 1994 tüftelten die Schwaben an einem solchen Gerät, das sich erst Jahre später durchsetzen konnte. "Heute läuft das Gerät mit einem Lithium-Ionen-Akku. Der ist leicht und somit auch das Gerät", sagt Jenner. "Zehn Jahre zuvor gab es den nicht. Erst der Fortschritt der Technik hat das Gerät möglich gemacht."

Der Fensterreiniger gilt als "Markterfolg" - und ruft Produktpiraten auf den Plan. Kärcher muss immer wieder mit Kopierern kämpfen. 2013 gewann das Unternehmen einen Rechtstreit vor einem chinesischen Gericht gegen einen Hersteller, der einen Industrie-Hochdruckreiniger von den Schwaben abgekupfert hatte. Aber nicht nur Chinesen kopieren Produkte der Firma - auch deutsche Unternehmen sind dabei. "Von unserem Fensterreiniger gibt es rund 60 Nachahmer", sagt Jenner. "Und es sind auch deutsche Firmen, die kopieren. Nicht nur die Chinesen." 

Trotz Nachahmern hat Kärcher den Fensterputzer in unzähligen Varianten auf den Markt gebracht. Nicht nur jede neue Entwicklung aus den Laboren fließt in die Geräte ein, sondern auch die Ansprüche der Kunden. Und die gibt es weltweit, mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen. Da gibt es die Japaner, technikverliebt, aber pedantisch auf Ruhe versessen. Hier darf der Hochdruckreiniger nicht fauchen wie auf Nachbars Terrasse in Deutschland. Im Reich der Mitte ist der Markt quasi noch nicht einmal entstanden. "In China putzt man häufig noch mit Lappen und Besen - das wollen wir ändern", sagt Jenner.

Smarte Gartenpumpen

Als nächstes großes Thema sieht Jenner den Bereich von smarten Geräten. Kärcher bietet heute schon intelligente Pumpensysteme für die Gartenbewässerung an, die die Feuchtigkeit messen und vom Smartphone ausgesteuert werden können. "Im Bereich Smart Home wird noch eine ganze Menge kommen", so Jenner - doch was genau das Unternehmen in der Pipeline hat, will er nicht verraten. Noch nicht.

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