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"Wir müssen Opfer bringen - alle"

Der Chef des Handelsriesen Tengelmann, Karl-Erivan Haub, hält ein grundlegendes Umdenken in Deutschland für nötig, damit das Land wirtschaftlich wieder Tritt fasst.

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub fordert Umdenken: Ordnung, Sauberkeit und Pflichtbewusstsein müssen eine größere Rolle spielen."Wir müssen Opfer bringen - alle. Vielleicht auch fünf oder zehn Jahre lang - im Interesse unserer Kinder. Es wird nicht lustig werden, das aber muss man akzeptieren", sagte der Deutschamerikaner, der seit Anfang 2000 die Geschicke des Familienunternehmens leitet. Haub, der in den USA geboren wurde, aber in Deutschland aufwuchs, übt deutliche Kritik an der Versorgungsmentalität, die in der Bundesrepublik um sich gegriffen habt. "In Amerika ruft man nicht nach dem Staat. Hier dagegen haben sich die Leute selbst entmündigt."

Ernüchterndes Beispiel

Der 43-Jährige erzählt ein Beispiel, das bei ihm selbst nur noch Kopfschütteln hervorgerufen habe. Als Tengelmann in den vergangenen Monaten die Schokoladenfabrik Wissol in Mülheim verkauft habe, habe das Unternehmen dafür gesorgt, dass der neue Eigentümer 100 Mitarbeitern neue Arbeitsplätze im gut eine halbe Autostunde entfernten Dortmund anbot.

Auch hier: Kaum geeignete Bewerber

"Wir haben dem Käufer dafür Konzessionen gemacht. Und das Ergebnis: 29 Beschäftigte haben die neue Stelle angenommen. 71 haben sich für die Arbeitslosigkeit entschieden. Da war ich echt ernüchtert", erzählt Haub. Für diese Mitarbeiter sei Arbeitslosigkeit offenbar lukrativer gewesen. Und er fügt gleich noch ein anderes Beispiel hinzu: Tengelmann habe in diesem Jahr zehn Prozent seiner Lehrstellen nicht besetzten können - mangels geeigneter Bewerber.

Rückbesinnung auf alte Tugenden

Haub fordert eine Rückbesinnung auf alte Tugenden: "Ordnung, Pünktlichkeit und Fleiß - das sind Werte. Große Familienunternehmen leben diese Werte vor", sagt er. Dies gelte auch für Tengelmann. Im Unternehmen sei kein Platz für Schlampigkeit, Unordnung und Unsauberkeit. "Wir lassen diese Dinge nicht zu", sagte Haub. Hier habe es ein Familienunternehmen leichter als eine Publikumsgesellschaft. "Das muss man vorleben."

Keine Zukunftssorgen

Über die Zukunft der Tengelmann-Gruppe macht sich Haub denn auch trotz der Wirtschaftskrise keine Sorgen: "Unser Unternehmen hat zwei Weltkriege überlebt. Wir haben unsere eigene Unternehmenskrise überstanden. Darum macht mich das letzten Endes nicht Bange. Wir werden auch diesen Sturm durchstehen und zeigen, dass ein Unternehmen auch widrigen Umständen trotzen kann." Tengelmann werde aber in Zukunft mehr im Ausland investieren. Hilfe von der Politik erwartet der Manager in Deutschland nicht. "Das Land ist führungslos", kritisiert er. In der Politik fehle es an wirtschaftlichem Sachsverstand.

Erich Reimann/DPA

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