"Bayer nicht der einzige Fall"

29. Mai 2008, 09:59 Uhr

Mehr als zehn Millionen Euro Bußgeld muss der Bayer-Konzern dafür entrichten, dass er Apotheken bezahlt hat, den Preis für Aspirin künstlich hochzuhalten. Der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske sagt im stern.de-Interview, dass Bayer nicht das einzige schwarze Schaf der Branche ist.

Eine Aspirin-Tablette des Bayer-Konzerns: Eine Bayer-Tochter zahlte jeden zweiten Apotheker in Deutschland, um so den Preis für Aspirin-Tabletten künstlich hochzuhalten©

Was sagt die Millionenbuße für den Bayer-Konzern über den Wettbewerb unter Apotheken in Deutschland aus?

Der Wettbewerb bei nicht-rezeptpflichtigen Mitteln, der für Apotheken seit Anfang 2004 gilt, wurde offensichtlich untergraben - durch Absprachen zwischen Herstellern und Apothekern. Wettbewerb ist für Apotheken nach wie vor ein Fremdwort. Ich finde es völlig richtig, dass man per Kartellamt solche Absprachen mit Bußgeldern belegt, damit der Wettbewerb endlich nicht mehr behindert wird. Dieses Urteil ist eine Absage an Absprachen im System und bedeutet, dass alle Absprachen im Grunde sanktioniert werden können.

Glauben Sie, dass es sich bei den Preisabsprachen zwischen der Bayer-Tochter und den Apotheken um Einzelfälle handelt?

Ich bin sicher, dass Bayer nicht der einzige Fall ist. Das ist ein Problem, welches viele andere umsatzstarke Medikamente betrifft. Da ist dann nichts schriftlich niedergelegt, sondern wird von den Vertretern dem Apotheker nahe gebracht. Ich glaube, dass auch bei anderen Herstellern, die Medikamente ohne Rezept anbieten, mit bestimmten Maßnahmen und Angeboten darauf hingewiesen wird, dass man beim Einhalten der empfohlenen Verkaufspreise günstige Konditionen bekommen würde. Ich denke da beispielsweise an Schmerzmittel, von denen sich sieben Produkte unter den zwanzig meistverkauftesten Medikamenten befinden. Es gibt eine ganze Reihe von Firmen, die Interesse haben könnten, dass man durch illegale Absprachen versucht, den empfohlenen Verkaufspreis zu halten. Je höher ich den Preis für solch absatzstarken Medikamente setze, desto höher ist meine Chance, Gewinne zu erzielen.

Ein Preiswettbewerb scheint unter nicht-rezeptpflichtigen Medikamenten in Deutschland kaum stattzufinden. Testkäufe der Verbraucherzentrale in 343 Apotheken haben ergeben, dass beispielsweise das Schmerzmittel Dolormin in 95 Prozent der Fälle dasselbe kostete: exakt 7,85 Euro.

Wie anders sollte es sonst erklärbar sein, dass - trotz des ausgerufenen Preiswettbewerbs - nur zwischen fünf und zehn Prozent der Apotheken die Preise verändert haben? Das heißt: über 90 Prozent der Apotheken haben keinen Wettbewerb über den Preis. Der Markt hat den Wettbewerb verweigert. Und ich kann mir gut vorstellen, dass dies nicht nur durch die Angebote von Bayer geschehen ist. Das Urteil des Kartellamts ist auch eine Warnung an die Industrie und Apotheken, solche Machenschaften künftig zu unterlassen.

Welche Denke steckt dahinter? Nach welcher Logik der Apotheker sollen wir mehr für rezeptfreie Medikamente bezahlen?

Das Argument der Hersteller, die immer wieder auf die Einhaltung der unverbindlichen Preisempfehlungen drängen, lautet: Ansonsten begeben sich die Verbraucher auf Schnäppchenjagd und kaufen zu viele Arzneimittel ein. Das ist jedoch völliger Unsinn, auch international lässt sich überhaupt kein Beleg dafür finden, dass durch niedrigere Preise der Missbrauch steigt. Die Apotheker wollten einfach den Preiswettbewerb nicht zulassen. Durch die hohen Preise wollen viele den Bestand ihrer Apotheke sichern. Preiswettbewerb scheint nicht notwendig zu sein, und das finde ich sehr bedenklich.

Welches Anreizsystem haben Pharmafirmen für Apotheker aufgebaut, um den Absatz ihrer eigenen Produkte zu fördern?

Es bleibt bei den Vorzügen, was den Einkauf und Konditionen betrifft. Viel mehr gibt es da nicht. Alles, was dem Apotheker den Einkaufspreis verringert und letzten Endes die Marge erhöht, ist das wichtigste Anreizinstrument. Die Naturalrabatte, also beispielsweise das Angebot, beim Kauf von zwanzig Packungen fünf geschenkt zu bekommen, sind gesetzlich verboten. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich überall berücksichtigt wird.

Die Apotheker waren ein Teil des Systems, mehr als 11.000 der rund 21.000 deutschen Apotheker haben sich auf die illegale Preisabsprache mit dem Bayer-Konzern eingelassen. Trotzdem wurden sie vom Kartellamt nicht belangt.

Ich finde das nicht in Ordnung. Die Bußgeldbescheide wären auch für die 11.000 Apotheker richtig gewesen. Dann hätte man auch dort deutlich gemacht, dass nicht nur jene die anstiften, sondern auch alle die mitmachen, haftbar sind. Alle Apotheker wussten, dass dies Absprachen sind, die sich letztlich rächen würden. Jeder hat also in voller Informationslage dem Ganzen zugestimmt. Das Kartellrecht scheint im Gesundheitswesen bislang überhaupt kein Thema gewesen zu sein. Die Apotheken haben sehr gezielt aus ökonomischer Rationalität mitgemacht.

Weil Bayer sich kooperativ zeigte, verhängte das Bundeskartellamt nun als Strafe nicht 30 Prozent des Umsatzes der betroffenen Bayer-Tochterfirma, sondern nur rund fünf Prozent. Senkt das nicht das Abschreckungspotential?

Alle, die sich gegen den Wettbewerb wehren und ihn konterkarieren, sollten aus meiner Sicht mit Bußgeldern belegt werden. Ich hätte mir gewünscht, dass sie es auch empfindlich spüren würden.

Warum sind eigentlich die Pharmaprodukte in Deutschland so teuer? Eine Packung Aspirin kostet in Deutschland knapp fünf Euro, in den Niederlanden dagegen 3,45 Euro und in der Türkei sogar nur 65 Cent.

Wir haben sicherlich unterschiedliche Lebenshaltungskosten und Kaufkräfte. Das typische Argument eines Pharma-Managers ist an dieser Stelle immer: Wollen Sie denn auch das verdienen, was man in der Türkei bekommt? Deutschland ist ein Referenzmarkt, der viel Ausstrahlung ins Ausland hat. Man bemüht sich sicherlich, die Preise hier hochzuhalten. Es ist schon auffällig. Auf der anderen Seite hängt es aber auch mit dem vollen Mehrwertsteuersatz zusammen, der hier drauf geschlagen wird, das ist in anderen Ländern teilweise nicht so.

Zur Person

Zur Person Der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske ist Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen

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