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Einzelhändler sagen Amazon und Zalando Kampf an

Hamburger Ladenbesitzer machen mobil gegen die Online-Konkurrenz: Sie wollen sich nicht mehr als Packstation von Amazon und Zalando missbrauchen lassen. Es geht ums Prinzip.

Von Daniel Bakir

Ladenbesitzer Jimmy Blum führt den Protest gegen den Online-Handel an

Ladenbesitzer Jimmy Blum führt den Protest gegen den Online-Handel an

Jimmy Blum steht für alles, was Amazon nicht ist. Sein gemütlicher kleiner Second-Hand-Laden ist eine Institution im Hamburger Grindelviertel nahe der Uni. Seit 14 Jahren kommen die Kunden, um nach gebrauchten Klamotten zu stöbern, zu schnacken und vielleicht noch einen guten Tropfen aus einer unbekannten Winzerei mitzunehmen. Persönlicher Kontakt, individuelle Beratung, ein nettes Einkaufserlebnis - Jimmy Blum kann nicht nachvollziehen, warum so viele Menschen mittlerweile darauf verzichten und ihre Einkäufe wie einen anonymen Verwaltungsakt erledigen: Klicken, online überweisen und auf die Lieferung warten. "Reine Faulheit" vermutet der 37-Jährige, denn günstig seien doch auch viele Ladengeschäfte.

Gerade Berufstätige schätzen die Möglichkeit des schnellen Einkaufens. Richtig praktisch ist das aber auch nur, wenn man jemanden hat, der die Pakete für einen annimmt. Der nette Nachbar oder eben der Laden nebenan. "Online-Shoppen ist doch nur bequemer, weil wir so lieb sind, die Pakete anzunehmen", sagt Blum. Früher tat er das auch noch gerne, doch in letzter Zeit wurde es ihm zu bunt. Bis zu zehn neue Pakete von Amazon, Zalando oder H&M stapelten sich zuletzt pro Tag auf seinen 70 Quadratmetern Verkaufsfläche. Der Laden wurde zur Packstation für die Konkurrenz aus dem Internet.

Boykottaktion des gesamten Viertels

Jimmy Blum entschloss sich zum Boykott. Und weil das alleine wenig sinnvoll ist, holte er auch die Geschäfte der Nachbarschaft mit ins Boot. Mehr als 60 Ladenbesitzer aus dem Viertel nehmen diese Woche keine Pakete an, darunter Buchhändler, Schuhgeschäfte und Cafés. Viele wollen das dauerhaft nicht mehr tun. Zudem verkleben die Einzelhändler am heutigen Donnerstag ihre Schaufenster, um zu demonstrieren, wie öde das Viertel ohne sie aussähe. "Support your local dealer!" lautet die Aktion. "Wir wissen, dass wir das Internet nicht verbieten können. Aber wir wollen die Leute sensibilisieren", sagt Initiator Blum.

Voller Ärger erinnert er sich an eine Kundin, die sich eine Stunde beraten ließ und dann heimlich das Produktschild mit dem Smartphone abfotografierte, um die Schuhe anderswo zu bestellen. Ähnliche Geschichten kennen viele Einzelhändler. Wildfremde Ladenbesitzer melden sich seit Tagen per Mail oder Telefon bei Blum, um zu sagen, wie gut sie seine Aufrüttel-Aktion finden. Aber natürlich können sie alle niemanden zwingen, auch zu kaufen, wenn er sich im Laden umschaut. Sie müssen darauf setzen, dass den Kunden der Laden um die Ecke einfach sympathischer ist als Versandmaschinen wie Amazon oder Zalando.

Dass viele Leute ihre lokalen Läden immer noch lieben, bewies erst vergangene Woche eine Facebook-Aktion für Buchliebhaber: Sie rief die Teilnehmer auf, in ihrer Lieblingsbuchhandlung einzukaufen und davon Bilder zu posten. Die unzähligen Liebeserklärungen sind auf der Seite Buchhandel-Flashmob festgehalten.

Jimmy Blum aus dem Grindelviertel will ab kommender Woche übrigens wieder Pakete annehmen. Aus Freundlichkeit - und um jeden Einzelnen zu fragen, warum er den Krempel denn nicht im Laden gekauft hat.

Hier können Sie dem Verfasser auch auf Twitter folgen.

Mehr über das System Amazon und seine Folgen lesen Sie im aktuellen stern

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