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Ihr sollt handeln und nicht heucheln!

Seit zwei Wochen läuft der Kita-Streik. Für Eltern und Kinder ist die Lage prekär. Aber auch viele Erzieherinnen leiden. Und was tun Verdi und VKA? Heucheln und taktieren! Zeit für einen Arschtritt.

Von Marc Drewello

  Es ist fünf vor zwölf: Eine Spielzeuguhr in einer Stuttgarter Kindertagesstätte symbolisiert die Situation im Kita-Arbeitskampf.

Es ist fünf vor zwölf: Eine Spielzeuguhr in einer Stuttgarter Kindertagesstätte symbolisiert die Situation im Kita-Arbeitskampf.

Streik muss schmerzen, sonst ist er hinfällig": Das Argument bekommen nach den genervten Fluggästen und Bahnkunden nun auch alle Eltern zu hören, die sich über die Folgen des jetzt bereits zwei Wochen dauernden Kita-Streiks beklagen. Und es stimmt, Streik muss wehtun, um zu wirken. Doch er muss dem Arbeitgeber wehtun.

Und das ist das große Problem im Arbeitskampf der Erzieherinnen und Erzieher. Er schmerzt die Arbeitgeber überhaupt nicht, er scheint sie nicht einmal zu kratzen. Im Gegenteil, die Städte und Kommunen, die sich weigern, den Eltern die Gebühren für die Streiktage zu erstatten, verdienen sogar noch daran. In diesem Arbeitskampf ist der Streik ein ziemlich stumpfes Schwert, das vor allem da Wunden schlägt, wo eigentlich niemand hinhauen will: bei den Eltern und Kindern.

Viele Eltern sind regelrecht verzweifelt

Und es gibt noch etwas, das beim Streit zwischen Verdi, der GEW und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) anders ist als bei Lokführern und Piloten: Sein "Kollateralschaden“ geht für immer mehr Betroffene über das "Nerv-Stadium“ weit hinaus. Nervig ist, wenn man früher Aufstehen muss, weil das Kind vor der Arbeit noch zu Oma gebracht werden muss, wenn zwei Urlaubstage flöten gehen, weil man keine Betreuung hat oder wenn der Nachwuchs morgens quengelt, weil er die Erzieherin in der Notbetreuung nicht kennt und sowieso voll blöd findet.

Doch nach zwei Wochen Ausstand sind viele Eltern regelrecht verzweifelt, weil sie einfach nicht mehr wissen, was sie machen sollen, weil sie keine Omas, Opas, Freunde in der Nähe haben, die einspringen können, weil sie sich unbezahlten Urlaub nicht leisten können oder weil ihren Arbeit- oder Auftraggebern ihr Kita-Problem vollkommen schnuppe ist. Und nun soll der Streik womöglich sogar bis zu den Sommerferien weitergehen?!

Im Streikrecht gibt es das Gebot der Verhältnismäßigkeit. Demnach muss ein Streik zur Erreichung eines rechtmäßigen Arbeitskampfziels geeignet und erforderlich sein und bezogen auf das Ziel angemessen eingesetzt werden. Das Gebot bedeutet in erster Linie, dass Streikende mit ihrem Ausstand den Arbeitgeber nicht in seiner Existenz gefährden dürfen (was sie natürlich auch gar nicht wollen, sonst wäre ihr Job ja futsch). Es wird aber auch immer wieder in Fällen wie dem Kita-Streik oder bei Ärzten oder der Müllabfuhr angeführt. Bei den dramatischen Folgen des Kita-Streiks für viele Eltern ist es dringend an der Zeit, an dieses Gebot zu erinnern.

Wie oft saßen die Streithähne zusammen?

Der nun folgende verbale Tritt in den Hintern richtet sich dabei keineswegs nur gegen Verdi und die GEW, sondern genauso gegen die Arbeitgeber. Denn beide Seiten sind dafür verantwortlich, den Ausstand zu beenden. Es wird jetzt seit zwei Wochen gestreikt und wie oft saßen die Streithähne in dieser Zeit zusammen, um das Problem aus der Welt zu schaffen? Gar nicht! Ja, es gibt noch nicht einmal einen Termin für Verhandlungen oder auch nur den Plan, miteinander zu reden. Stattdessen spielen die Verantwortlichen selber Kindergarten und schieben sich gegenseitig die Schuld zu, wie Vierjährige im Sandkasten: "Der Frank hat angefangen!" – "Stimmt gar nicht, Thomas war’s, der ist echt doof!"

Der kleine Frank heißt in diesm Fall Bsirske, ist von Beruf Verdi-Chef und klagte vor wenigen Tagen: "Wir haben es mit Arbeitgebern zu tun, die toter Mann spielen und im Moment jede Bewegung ablehnen." Und der "doofe" Thomas hört auf den Namen Böhle ist VKA-Präsident und entgegnete darauf via "Stuttgarter Zeitung": "Ich bin jederzeit bereit für ein Spitzengespräch", aber erst müsse Verdi seine Vorbedingung eines "echten Angebotes" fallen lassen.

Heuchlerische Taktiererei auf beiden Seiten

Diese Untätigkeit allein ist angesichts der Notlage vieler Eltern schon unerhört! Doch die beiden Sturköpfe können noch schlimmer: "Die Arbeitgeber setzen darauf, den Streik auf dem Rücken von Eltern und Kindern auszusitzen," wetterte Bsirske nach der Streikdelegiertenkonferenz am Mittwoch in Fulda. "Die Gewerkschaften sollten die Dauerbelastung für Kinder und Eltern schnellstmöglich einstellen und endlich Tarifverhandlungen führen", ließ Böhle seinen Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann zurückbellen.

Da versuchen die beiden Bälger tatsächlich schamlos, die Eltern gegen den jeweils anderen aufzuwiegeln. Das ist unsägliche Taktiererei und noch dazu heuchlerisch. Würden Bsirske und Böhle sich wirklich so um die Mamas und Papas sorgen, wie sie glauben machen wollen, müssten sie sich bei der Suche nach einem Kompromiss deutlich mehr anstrengen - bevor es noch mehr Scherben gibt. Denn neben Eltern und Kindern leiden auch viele Erzieherinnen und Erzieher unter der Situation. Sie investieren viel Liebe und Leidenschaft in ihre Arbeit und sind hin- und hergerissen zwischen dem Kampf um mehr Geld und Anerkennung und dem Gefühl, ihre Kita-Kinder und deren Eltern in eine Notlage zu bringen. Hinzu kommt die Angst, das Verhältnis zu den Eltern zu belasten und damit die künftige Zusammenarbeit zu erschweren.

Deshalb sollten sich der kleine Frank und der kleine Thomas schnellstmöglich ein Beispiel an ihren großen Brüdern von der Eisenbahn nehmen: Sucht Euch einen gut ausgebildeten Erzieher, verschwindet mit ihm im Gruppenraum einer der jetzt leerstehenden Kitas und kommt erst wieder heraus, wenn ihr euch vertragen habt!

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