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Der GAU für die deutsche Wirtschaftselite

Klaus Zumwinkel hat als Chef der Deutschen Post, Aufsichtsratschef der Telekom und einer der wichtigsten Berater der Bundesregierung alles erreicht. Der Vorwurf der Steuerhinterziehung ist damit schlimmer als alle Skandale, die die deutsche Wirtschaft jüngst erschütterten.

Von Sven-Oliver Clausen

Es geht also doch noch schlimmer. Die Liste war schon unerträglich lang. Der Rotlichtsumpf bei Volkswagen, das Schmiergeldsystem bei Siemens, die Mannesmann-Affäre, der Untreue-Prozess gegen den ehemaligen WestLB-Chef Jürgen Sengera, die Untreue-Anklage gegen TUI-Finanzchef Rainer Feuerhake, zuletzt die Razzia, ebenfalls wegen des Verdachts auf Untreue, beim Chef des überaus erfolgreichen Werkzeugmaschinenherstellers Gildemeister, Rüdiger Kapitza. Dazu kommen die jüngsten Fälle krassen Missmanagements wie etwa durch DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp oder den Ex-Chef der Skandalbank IKB, Stefan Ortseifen. Die häufigsten Motive: In den noch weniger schlechten der bösen Fälle Geltungssucht, häufig aber eben auch nur die pure Gier. Ein katastrophaler Ausweis ist das für eine Gruppe, die ein Land führen und Vorbilder abgeben soll.

Der Vorwurf der Steuerhinterziehung gegen Klaus Zumwinkel schlägt das aber alles um Längen. Der Post-Chef war nach der Demontage Heinrich von Pierers der letzte seiner Art. Der Mann ist eben nicht nur vom Kapitalmarkt getrieben - er führt sein Unternehmen, wie es sich für den Chef eines Großkonzerns eigentlich gehört: Eingebettet in ein soziales und politisches Gefüge. Seit 18 Jahren führt er die Deutsche Post und ist zudem Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom - der beiden mit Abstand politischsten Unternehmen Deutschlands. Kein anderer Dax-Chef amtiert länger. Kein anderer Top-Manager hatte und hat einen solch engen Draht zur Politik - zum CDU-Kanzler Helmut Kohl, SPD-Kanzler Gerhard Schröder, CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Er hat alle Orden, Auszeichnungen und Ehrerbietungen bekommen, die eine Gesellschaft einem Wirtschaftsführer geben kann.

Sind deutsche Manager raffgierig?

Als Chef der Deutschen Post und Aufsichtsratschef der Telekom gehört er zu den am besten bezahlten angestellten Managern Deutschlands. Zudem startete er seine beeindruckende Karriere bereits als wohlhabender Mann - dank des Verkaufs der elterlichen Einzelhandelsfirma an den Rewe-Konzern.

Zumwinkel ist also ein lupenreiner Profiteur des bundesrepublikanischen Systems, ein Günstling. Er hat es genutzt, mit viel Fleiß, Intelligenz und Ehrgeiz - Chapeau. Es hat ihn aber auch machen lassen. Mehr kann man nicht verlangen.

Deswegen kann der Betrug nicht beschämender sein - wenn denn die Vorwürfe stimmen. Viel härter hätte das Misstrauensvotum Zumwinkels gegen das System nicht sein können als durch eine Steuerhinterziehung. Er hat das System hintergangen, das ihn groß gemacht hat. Ein fatales Signal!

Es steht also fast alles auf dem Spiel: Der Ruf eines bislang zu Recht hoch dekorierten Managers und damit auch der Wirtschaftselite Deutschlands, aber eben auch das Vertrauen in ein ganzes System. Überführen die Staatsanwälte den Post-Chef, hat es seine Funktionsfähigkeit im Krisenfall unter Beweis gestellt. Deswegen muss der Vorwurf der Ermittler aber auch sitzen.

FTD
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