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Springers eiskalte Weihnachtsbotschaft

Zwar sind es bis zum Heiligabend noch rund fünf Tage, aber die Mitarbeiter des Post-Konkurrenten Pin haben bereits am Mittwoch die eiskalte Weihnachtsbotschaft ihres Mehrheitseigners Springer vernommen. Dessen schlechtes Management könnte die Briefträger ihre Jobs kosten.

Von Marcus Gatzke

Im Hause Springer hat sich eine tiefe Kluft aufgetan zwischen per "Bild"-Zeitung öffentlich gefordertem Anspruch und intern gelebter Wirklichkeit. Während die "Bild"-Zeitung regelmäßig vermeintlich verantwortungsvergessenes Missmanagement in deutschen Konzernen geißelt, macht Springer selbst mit seinem Sorgenkind, der Pin-Gruppe, kurzen Prozess - ohne sich um die Belange der Angestellten zu scheren. Die Belegschaft der Pin-Gruppe muss für eine fehlerhafte Kalkulation der Springer-Führung haften.

Das Pin-Desaster ist für den Mehrheitseigner peinlich, für die Betroffenen verheerend. Für Springer ist es peinlich, weil es kaum ein Unternehmen gibt, dass es geschafft hat, in so kurzer Zeit so viel Geld zu verbrennen: Springer hatte erst im Juni dieses Jahres die Mehrheit an der Pin-Gruppe übernommen und dafür den stolzen Preis von 510 Millionen Euro gezahlt. Rund sechs Monate später wirft Springer die Brocken einfach hin, schreibt die Verluste ab - und die Mitarbeiter gleich mit. Letzteren droht nun, kurz vor Weihnachten, die Arbeitslosigkeit. Wie kann sich ein Unternehmen nur so verkalkulieren?

Ausrede Mindestlohn

Springer-Chef Mathias Döpfner schiebt den Schwarzen Peter der Politik zu. Der Mindestlohn sei an der Pleite schuld, behauptet er. Abgenommen wird ihm das jedoch von niemandem. Nicht einmal die Bundesnetzagentur, die gleichsam institutionalisierte Anwältin des Wettbewerbs und neuer Wettbewerber, glaubt nicht, dass der Mindestlohn die Konkurrenz in der gesamten Branche erstickt: "Mit flexiblen Lösungen und kreativen Geschäftsmodellen kann der Wettbewerb ausgebaut werden und sich erfolgreich entwickeln", ist Behörden-Chef Matthias Kurth überzeugt.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Pin hätte bedeutet, dass Springer Chancen und Risiken dieser Investition realistisch einschätzt. Und das Risiko war beträchtlich: Döpfner hätte schon vor der Mehrheits-Übernahme klar sein müssen, dass er zum einen nicht fest mit einer Ablehnung des Mindestlohns würde kalkulieren können und dass er zum anderen damit hätte rechnen müssen, dass Post-Chef Klaus Zumwinkel sich mit Händen und Füßen gegen die neuen Konkurrenten wehren wird. Im Nachhinein erweckt das Verhalten des Konzerns den Eindruck, das Springer diese Risiken zu blauäugig eingeschätzt hat, möglicherweise frei nach dem Motto: Die Achse zwischen Friede Springer und Angela Merkel wird es schon richten.

Millionengrab Pin

Aber nicht nur die politische Großwetterlage und die Konkurrenz hat Springer falsch kalkuliert. Auch den Zustand der Pin-Gruppe hat man offenbar nicht richtig eingeschätzt. Springer hat die Finanzlage der Gruppe nach Informationen des stern nur lückenhaft geprüft. Zu überhöhten Preisen hatte Pin Firmen zugekauft, um schnell ein bundesweit eigenes Netz aufzubauen.

Nach Schätzungen könnte sich der Verlust in diesem Jahr auf insgesamt 80 Millionen Euro belaufen. Tatsächlich war die Firma also schon zum Zeitpunkt der Übernahme der Mehrheit durch Springer ein Millionengrab - ganz ohne Mindestlohn. Springer hat die Verlustbringer und die Risiken offenbar übersehen oder unterschätzt. Beides spricht für unternehmerisches Versagen.

Döpfner hat jetzt einen Schlussstrich unter das leidige Thema Pin gezogen. Was mit den Mitarbeitern passiert, ist für Springer dabei offenbar zunächst unerheblich. Dabei ist es schwer zu sagen, ob ein weiteres Engagement und ein größeres Durchhaltevermögen Springers den Betrieb Pin und dessen Arbeitsplätze hätte retten können. Glaubt man jedoch den Berichten der Wirtschaftsberater von Roland Berger war eine Fortführung des Geschäfts unter bestimmten Bedingungen möglich.

Nur: Springer hat das gar nicht erst versucht. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt hat Springer die Lust verloren. Die Behauptung, durch den Mindestlohn wäre je nach Szenario ein weiterer Finanzierungsbedarf von rund 300 bis 700 Millionen entstanden, darf getrost als Propaganda abgetan werden.

Die insgesamt 9000 Mitarbeiter werden sich ob der Springer-Entscheidung in jedem Fall bedanken: Mit ein paar Euro die Stunde wurden sie schlecht bezahlt, dann hat sie ihre Konzerspitze im Stich gelassen, und jetzt müssen sie sich auch noch arbeitslos melden. Frohe Weihnachten.

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